Aristipp und einige seiner Zeitgenossen

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Aristipp und einige seiner Zeitgenossen ist ein Briefroman von Christoph Martin Wieland. Er ist ein Spätwerk Wielands, wurde 1800–1802 veröffentlicht und bietet die Vorgeschichte zu seinem Bildungsroman Geschichte des Agathon.

Die Briefform erlaubt es Wieland, in lockerer Folge Bilder der Philosophie und Gesellschaft der Zeit von Sokrates und Platon vorzustellen, die ihm aufgrund der fiktiven Charaktere große Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Dabei nimmt er die Charaktere Aristipp und Hippias aus dem Agathon wieder auf und zeigt sie in einem anderen Licht. Mit Lais schafft er ein Gegenbild zu Danae, der weiblichen Hauptfigur des Agathon

Inhaltsverzeichnis

Textausschnitte

Meinungsaustausch zum Tod des Sokrates

Lais:

[...] Ich habe dir eine Neuigkeit mitzutheilen, die nicht sehr geschickt ist, deine Meinung von den Athenern zu verbessern. Sokrates, unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern unstreitig der beste, soll (wie die Rede geht) von drey redseligen Buben, dem Gerber und Volksredner Anytus, dem Rhetor Lykon, und einem gewissen Dichterling, wenn ich nicht irre Melitus genannt, angeklagt worden seyn, »daß er neue Götter in Athen einführen wolle, und die jungen Leute verderbe!« Jedermann findet diese Anklage gar zu ungereimt, und ich habe noch niemand gesehen, der ernsthaft davon hätte sprechen können, oder im geringsten für unsern alten Freund in Sorgen stände, wiewohl der Kläger auf keine geringere als die Todesstrafe anträgt. Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe, so gestehe ich doch, ich traue den Athenern nur halb, und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer seiner Freunde, als auf die Güte seiner Sache und die Gerechtigkeit der Heliasten oder Areopagiten. Hoffentlich wird der Sturm schon glücklich vorüber seyn, ehe du dich von Cyrene los machen kannst. Denn so eben versichert mich einer meiner Athenischen Bekannten, der die Stadt erst diesen Morgen verlassen hat, der berühmte Lysias arbeite an einer ganz vortrefflichen Schutzrede für unsern ehrwürdigen Freund, und die allgemeine Stimmung sey dem Beklagten so günstig, daß es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten werde, um lauter weiße Steine zu erhalten. [...]

Aristipp:

Deine Neuigkeit hat mich befremdet, aber nicht im geringsten beunruhigt. Eine so boshafte Anklage, von so nahmenlosen Menschen wie diese, kann einem Sokrates nicht gefährlich seyn, oder die Kechenäer müßten von aller Scham und Vernunft gänzlich verlassen werden. Ich kenne von den Anklägern nur einen persönlich, den Lederhändler Anytus, einen würdigen Nachfolger des berüchtigten Kleons, nur daß er sich gegen diesen ungefähr verhält wie ein Schafsfell zu einer Hirschhaut; ob er sichs gleich ein paar hundert tüchtige Bocksfelle kosten ließ, um es in der edeln Kunst, dem übelhörenden halbkindischen alten Demos im Pnyx die Ohren voll zu schreyen, so weit zu bringen, daß er sich unter den dermahligen Volksrednern so gut als ein Anderer hören lassen darf. [...]

Hippias:

Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Athenern und der Weisheit mehr Böses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates hätte mit aller seiner Weisheit, die am Ende den Athenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch lange leben können, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Muthwillen, alle Leute die sich mit ihm einließen zu necken und in die Enge zu treiben, und durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhaßt, und durch seinen anscheinenden Müßiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein verächtlich gemacht hätte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Bürger der dritten Klasse entweder irgend eine nützliche und ehrliche Profession treiben, oder der Republik unmittelbare Dienste thun. Sokrates that, ihrer Meinung nach, weder dieses noch jenes: denn daß er tagtäglich an allen öffentlichen Orten zu sehen und zu hören war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute mit seinen Fragen und Subtilitäten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde ihm natürlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den höhern Klassen, für keine Beschäftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie gut er selbst es auch damit meinen mochte. Wenn wir niemand Unrecht thun wollen, Aristipp, müssen wir billig seyn. Um die Schuld der Athener in diesem fatalen Handel richtig abwägen zu können, müßten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermöge ihrer gewohnten Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer dieß untersuchen wollte, müßte sich völlig an ihren Platz stellen können. Hier in Syrakus hört man die verschiedensten Urtheile über diese Tragödie, die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das Einzige war wovon überall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen seine Richter vertheidigte, oder vielmehr nicht vertheidigen wollte, fast allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige schien, der sich für ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus überein, darin nehmlich, daß er unrecht gethan habe, den Beystand zur Flucht, den ihm sein Freund Kriton anbot und beynahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen. [...] Wenn er auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine Rücksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Bürgers, den Athenern die Nachreue über ein ungerechtes Urtheil und den Tadel aller übrigen Griechen zu ersparen. [...] Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr überzeuge ich mich, daß die Athener (mit Erlaubniß der schönen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu sehen, daß die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer seyn wird. Die Eupatriden von Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen, und lauern Tag und Nacht, mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf Gelegenheit, ihn entweder, wenn es mit Vortheil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in eine der Schlingen zu locken, die sie ihm überall zu legen beflissen sind. Ich möchte wohl wissen, wie es möglich wäre, daß ihn dieß nicht mißtrauisch, argwöhnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist. Man hört die bittersten Klagen, daß keine zwey oder drey Bürger aus den höhern Klassen mit einander sprechen können, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob dieß eine andere Ursache hätte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, daß nicht leicht zwey oder drey Personen dieser Art beysammen stehen, ohne eine Verschwörung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Maßregeln, und schreyen dann über seine Gewaltthätigkeit und Grausamkeit. Wäre er nicht immer von etlichen Freunden, die einerley Interesse mit ihm verbindet, und von einer ausländischen Leibwache, auf die er sich gänzlich verlassen kann, umgeben, so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten seyn, er wäre seines Lebens keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu, ein Mann, dessen Karakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte, von strenger Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanität und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem Throne zu erhalten. [...] – Das schwör' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der Einzige seyn, von dem ich mich ungern trenne. [...]

Aristipp:

Der Bürger eines Staats begiebt sich eben dadurch, daß er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmäßig angeordneten Obrigkeit unterwirft, alles Rechts, sich gegen ihre Entscheidungen aufzulehnen, oder die Vollziehung derselben zu verhindern. [...]

(Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen 1. Band, Brief 44ff.)

Austausch über Platons Phaidon

Aristipp:

Inzwischen unterschreibe ich, ohne daß es mir die mindeste Gefälligkeit kostet, alles, was du Rühmliches von diesem sonderbaren prosaischen Gedichte gesagt hast. Denn eine Art von Gedicht ist es am Ende doch, und zum Dichter wäre Plato geboren gewesen, wenn ihn nicht sein böser Genius, neben seinem natürlichen Hang zum Fabulieren und Allegorisieren, noch mit einem unwiderstehlichen Trieb sich selbst und andre in dialektische Spinneweben zu verfangen gestraft hätte. Da ihm die schlichte populäre Filosofie des Sokrates kein Genüge that, vertiefte er sich schon früh in den Grübeleyen der Eleatischen und Pythagorischen Schule, die sich damit abgeben, das Innerste der Natur und den ersten Grund der Dinge, das Unendliche, den Ursprung der Welt, das Wesen der Materie und des Geistes, kurz, alles ergründen zu wollen, was nicht zu ergründen ist. [...] Denn warum sollte er nicht Bücher schreiben, da er das Talent, seinen Gedanken jede beliebige Gestalt zu geben, und eine Fülle Attischer Redseligkeit in seiner Gewalt hat, und, sobald er nur will, den Verstand, die Einbildungskraft und das Gemüth seiner Leser zugleich in Bewegung zu setzen und zu unterhalten weiß? – Aber wenn er fortfahren wollte dem guten Sokrates die Hauptrolle in seinen filosofischen Dramen aufzudrängen, und gerade dem Manne, der die Filosofie vom Himmel oder vielmehr aus dem windigen Reiche der »regenbeladenen Jungfrauen« des Aristofanes, wieder auf die Erde herabhohlte und in das häusliche und bürgerliche Leben der Menschen einführte, kurz sich ausschließlich mit einer Lebensweisheit beschäftigte, die für jedermann verständlich und brauchbar war, wenn Plato fortfahren wollte, seine Liebhaberey, abgezogene Begriffe bis zu einem unbrauchbaren Grad von Feinheit auszuspinnen, und die Leute mit Zweifelsknoten, die er selbst nicht aufzulösen weiß, zu beunruhigen, gerade diesem Manne vor die Thür zu legen; dieß, ich bekenn' es, würd' ich ihm nicht wohl verzeihen können. Freylich muß es jedem erlaubt seyn, das Wahre, zu welchem so vielerley Wege führen, auf demjenigen zu suchen, den er für den nächsten oder anmuthigsten hält; nur stelle jeder sich selbst vor, und nehme sich nicht heraus, das Gesicht eines andern zu einer Larve vor sein eigenes zu machen.

Hippias:

Was wird die Nachwelt (wofern dieses Platonische Machwerk seinen Schöpfer überleben sollte) von Sokrates und von denen, die ihn für einen Weisen hielten, denken müssen, wenn sie liest, daß er ein paar Stunden vor seinem Tode seine besten Freunde, lauter gesetzte und zum Theil schon bejahrte Leute, mit so läppischen Fragstücken, wie man sie etwa an ein Kind von drey Jahren thun könnte, unterhalten habe; und sollte sie wohl glaublich finden, daß so verständige junge Männer, wie Cebes und Simmias, sich diese kindische Art von Belehrung hätten wohlgefallen lassen? Oder was denkst du daß man zu einem Dialog, im Geschmack der kleinen Probe, die ich mir (Wunders halben) abzuschreiben die Mühe geben will, sagen werde?

SOKRATES ZU CEBES. Was meinst du, Cebes, ist irgend etwas dem Leben so entgegengesetzt als das Schlafen dem Erwachen?

CEBES. Allerdings.

SOKRATES. Was denn?

CEBES. Gestorben seyn.

SOKRATES. Entstehen nicht beide aus einander entgegen gesetzten Dingen, und muß es nicht mit ihren respektiven Entstehungen (γενεσεις) eben dieselbe Bewandtniß haben?

CEBES. Wie könnt' es anders?

SOKRATES. Ich will dir nur das eine Paar der so eben genannten Dinge sagen, so wohl sie selbst als ihre Entstehungen; und du sagst mir dann das andere. Ich setze also, schlafen, und wachen, und nun sag' ich: aus dem Wachen entsteht das Schlafen, und umgekehrt aus dem Schlafen das Wachen, und ihre Entstehungen sind, vom einen das Einschlummern, vom andern das Aufwachen. Hab' ich es deutlich genug gesagt oder nicht?

CEBES. Sehr deutlich.

SOKRATES. Nun sage du mir auch, wie es sich mit dem Leben und dem Gestorben seyn verhält. Sagst du nicht, daß Leben das Gegentheil sey von Gestorben seyn?

CEBES. Allerdings.

SOKRATES. Und daß sie aus einander entspringen?

CEBES. Ja.

SOKRATES. Was wird also aus dem Lebenden?

CEBES. Das Gestorbene.

SOKRATES. Und aus dem Gestorbenen?

CEBES. Nothwendig muß man bekennen, das Lebende.

SOKRATES. Diesem nach, mein lieber Cebes, entstehen die Lebenden aus den Gestorbenen? [...]

Nun frage ich dich, Aristipp, ob das unauslöschliche Lachen der seligen Götter im ersten Buch der Ilias hinlänglich wäre, eine solche Manier zu filosofieren nach Würden zu belachen?

(Wieland: Aristipp, 1. Band)

Weitere Textausschnitte

Textausschnitte aus Aristipp und Geschichte des Agathon[1] im Blog "Weites Feld"

Anmerkungen

  1. Der letzte der Textausschnitte ist der Geschichte des Agathon entnommen und zeigt Aristipp in der Weise, wie Wieland ihn in seine Romanwelt einführte.

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