Aeneis

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Die Aeneis ist ein Epos von Vergil, das zum römischen Nationalepos wurde. Es handelt auf der Grundlage früherer Darstellungen von der Flucht des Aeneas nach dem Fall Trojas und seiner Mission, in Italien ein neues Reich zu begründen. Sie hat mit Homers Odyssee die Irrfahrten des Helden gemeinsam, mit Homers Ilias die Kämpfe.

Das Epos von etwa 10 000 Hexamtern ist unvollendet geblieben. Vergil hat der Überlieferung nach sogar angeordnet, es deshalb zu vernichten (obwohl er 10 Jahre lang daran gearbeitet hatte). Auf Wunsch des Kaisers Augustus wurde es aber veröffentlich, durfte aber nicht verändert oder vervollständigt werden.

Inhaltsverzeichnis

Göttergespräche

Venus und Jupiter

Nahte betrübt und genetzt die glänzenden Augen von Wehmut,
Venus und sprach: O der du, was Sterbliche schaffen und Götter,
Lenkst durch ewige Macht und mit donnerndem Strahle sie schreckest,
Was hat mein Äneas an dir so Großes zu freveln,
Was die Troer vermocht: daß, nach so viel Wehe den Duldern
Ganz noch der Erd' Umkreis Italias wegen gesperrt wird?
Dorther würden Romaner dereinst, mit den kreisenden Jahren,
Dorther Führer entstehn aus erneuetem Blute des Teucrus,
Welche mit Allherrschaft durch Meer und Länder geböten,
Sagtest du. Welch ein Entschluß hat dich, o Erzeuger, gewendet?
Hieraus, wann mich betrübte der Fall der gesunkenen Troja,
Schöpft' ich Trost, abwägend das Schicksal gegen das Schicksal.
Jetzo verfolgt die so lange mit Unglück ringenden Männer
Stets Unglück. Wann setzst du ein Ziel, Weltherrscher, dem Elend?
Konnte ja doch Antenor[1], dem Schwarm der Achiver entronnen,
Tief zur illyrischen Bucht und dem innersten Reich der Liburner[2]
Eingehn ohne Gefahr und umlenken den Quell des Timavus[3], :
Wo er, mit dumpfem Getöse des Bergs, neun Schlünden entrollend,
Geht zu brechen das Meer und den Schwall an die Felder emporbraust.
Dennoch gründete jener Pataviums Stadt und der Teucrer[4],
Wohnungen dort, gab Namen dem Volk und weihete Trojas
Rüstungen; Friede nunmehr und behagliche Ruhe beglückt ihn.
Wir, dein eignes Geschlecht, die zur himmlischen Burg du erhöhn willst,
Werden der Schiff' (o entsetzlich!) beraubt und dem Zorne der Einen
Bloß gestellt und so weit von den Italerlanden entfernet.
Das ist der Frömmigkeit Lohn? so kehrt uns wieder die Herrschaft?

Ihr nun lächelte mild der Menschen und Ewigen Vater,
So wie sein Antlitz Himmel und Witterungen erheitert,
Und sanft naht' er der Tochter zum Kuß, dann redet er also:
Banne die Furcht, Cytherea[5]; dir bleibt der Deinigen Schicksal
Stets unverrückt; schaun wirst du die Stadt und Laviniums Mauern,
Die ich verhieß, und erheben den großgesinnten Äneas
Hoch zu dem Äthergestirn; nicht hat mein Entschluß sich geändert.
Er (denn ich kündige dir's, weil noch die Sorge dich naget,
Und aus der Fern' aufroll' ich die dunkelen Gänge des Schicksals)
Führt einst schrecklichen Krieg in Italia, trotzige Völker
Bändigt er und ordnet Gesetz und Mauern den Männern:
Bis drei Sommer den König in Latium walten gesehen,
Und dreimaliger Frost dem bezwungenen Rutuler hinfloh.
Aber Ascanius drauf, der jetzt den Namen Iulus
Führet, Ilus vordem, als machtvoll Ilios herrschte,
Wird durch dreißig Kreise der monatrollenden Jahre
Weit das Gebiet ausdehnen und weg vom Sitze Lavinums
Heben das Reich zur langen mit Kraft befestigten Alba.
Drei Jahrhunderte nun wird dort verwaltet die Herrschaft
Vom hectorischen Stamm, bis die Priesterin, Tochter des Königs,
Ilia, schwanger von Mars, ein Zwillingspaar auf die Welt bringt.
Froh mit gelblicher Hülle der säugenden Wölfin sich deckend,
Wird nun Romulus erben das Volk und mavortische Mauern
Aufbaun und die Romaner nach eigenem Namen benennen.
Deren Gewalt soll weder ein Ziel mir engen noch Zeitraum;
Endlos daure das Reich, das ich gab. Ja die eifernde Juno,
Die nun Meer und Länder mit Furcht und den Himmel beängstigt,
Wird zum Besseren wenden das Herz und begünstigen gleich mir
Romas Volk, die Gebieter der Welt, die Togaumwallten.
Also gefällt's. Einst kommt mit den schlüpfenden Zeiten das Alter,
Wann des Assaracus Haus der berühmten Mycen' und der Phthia
Knechtisches Joch auflegt und siegreich schaltet in Argos.
Dann aus schönem Geschlecht wird blühn der trojanische Cäsar,
Der zu den Sternen den Ruhm, zum Oceanus dehnet die Herrschaft.
Julius, also benannt vom edelen Ahnen Iulus.
Diesen mit östlicher Beute Beladenen wirst du gesichert
Einst im Himmel empfahn; dann rufen auch ihm die Gelübde.
Jetzt wird, ruhend vom Streit, das rauhere Alter sich mildern.
Vesta, die grauende Treu, und Remus vereint mit Quirinus,
Geben Gesetz. Doch gesperrt mit Eisen und zwängenden Klammern
Stehn die gräßlichen Pforten des Kriegs; wild drinnen auf Waffen
Sitzet die frevelnde Wut, wo in hundert ehernen Fesseln
Jen' auf den Rücken geschnürt, graunvoll knirscht blutigen Mundes.
Juppiter sprach's, und er sendet den Sohn der Maja vom Himmel,
Daß sich öffnen die Land' und die Burg der neuen Carthago
Gastlich dem teucrischen Volk, und nicht, unkundig des Schicksals,
Dido die Grenze verwehr'. Er entfleugt durch die luftigen Räume
Mit hinrudernder Schwing' und betritt schnell Libyas Ufer.

(Aeneis, erster Gesang)

Hier formuliert Vergil einen GründungsmythosWikipedia-logo.png für Rom, der vor die Gründungssage von Romulus und RemusWikipedia-logo.png zurückgeht.

Venus zu Amor

Neue List nun planet in sinnender Brust Cytherea,
Neuen Entwurf: daß Cupido, Gestalt umtauschend und Antlitz,
Statt des süßen Ascanius komm', und mit Gaben zu Wahnsinn

Zünde der Königin Herz und Glut ihrem Herzen entflamme.
Denn das schlüpfrige Haus, zweizüngige Tyrier scheut sie;
Qual ist die trotzige Juno; es kehrt mit den Nächten der Kummer.
Darum redet sie nun dies Wort zum geflügelten Amor:
Sohn, mir einzige Kraft, o allein du große Gewalt mir,

Sohn, der des oberen Zeus typhoische Blitze verachtet,
Dir nun nah' ich mit Flehn und bitt' um dein göttliches Wesen.
Wie dein Bruder Äneas im Meer um alle Gestade
Wogt und irrt, durch den Zorn der unbarmherzigen Juno,
Ist dir bekannt, nicht selten betrübte dich meine Betrübnis.

Den hält Dido nunmehr, die Phönicerin, fesselnd in holder
Schmeichelred', und mir graut, wohin sich wende der Juno
Gastfreundschaft; nicht säumt sie fürwahr in so großer Entscheidung.
Drum mit Listen zu fahn und rings zu umhegen mit Feuer
Denk' ich die Fürstin zuvor, daß keinerlei Macht sie verändre,

Sondern sie fest anhange mit mir dem geliebten Äneas.
Wie das schaffen du mögest, vernimm jetzt meine Gesinnung.
Zu der sidonischen Stadt, auf den Ruf des teueren Vaters,
Trachtet der fürstliche Knabe zu gehn, mein trautester Liebling,
Bringend Geschenk, das vom Meer und Trojas Flamme verschont ward.

Ihn, in betäubendem Schlaf zu Idalions oder Cytheras
Luftigen Höhen entführt, verberg' ich in heiliger Wohnung,
Daß nicht merken er könne die List, noch begegnen zur Unzeit.
Du, nur die einzige Nacht erkünstele seine Gestalt dir
Trüglich und schlüpfe vertraut als Knab' in des Knaben Geberde:

Daß, wenn dich auf dem Schoß sie empfängt, die fröhliche Dido,
Unter dem Königsmahl und dem feurigen Trank des Lyäus,
Wenn sie hold dich umarmt und zärtliche Küsse dir aufdrückt,
Du die verborgene Glut einhauchst, und dein Gift sie berücke.

(Aeneis, erster Gesang)

Juno und Venus

Juno bemerkt, dass Dido der Liebe zu Aeneas nicht widerstehen kann.

Als von solchem Verderb sie bewältiget sahe die Gattin
Juppiters, und daß sogar nicht Leumund störe den Wahnsinn;
Naht mit solcherlei Rede Saturnia jetzo der Venus:

Traun, ein herrliches Lob und herrliche Beute gewannt ihr,
Du und dein Junge mit dir! O groß und erhaben die Obmacht,
Wenn ein Weib durch den Trug zwei himmlischer Götter besiegt wird!
Auch nicht blieb mir verhehlt, daß, scheu vor unseren Mauern,
Du in Verdacht die Häuser gehabt der hohen Karthago.
Doch wo endlich das Ziel? und wozu noch solche Beeifrung?
Mög' uns ewiger Friede vielmehr und ehliches Bündnis
Einigen. Was du gesucht mit ganzer Seele, das hast du.
Dido flammet in Lieb', und im Innersten tobt ihr der Wahnsinn.
Drum mit gleicher Gewalt laß uns und gemeinsamer Obhut
Lenken das Volk. Gern mag sie dem Phrygiergatten sich fesseln,
Gern die tyrischen Männer zum Brautschatz bringen dir selber!

Wiederum (denn sie merkte, wie heuchlerisch jene geredet,
Daß sie der Italer Reich ablenkt' auf libysche Küsten)
Redete Venus darauf: O sinnlos wäre, wer solches
Weigerte, oder sich wählte, mit dir im Kampfe zu eifern.
Wenn nur, so wie du sagst, das Geschehene Segen begleitet.
Aber mich halt das Geschick unstät, ob Juppiter eine
Stadt für die Tyrier will und die Ausgewanderten Trojas,
Ob er der Völker Verein und geschlossenes Bündnis genehmigt.
Dir, der Gattin, gebührt, sein Herz durch Flehn zu versuchen.
Frisch nur; ich folg'. – Ihr drauf antwortet die Königin Juno:
Mein sei jenes Geschäft. Doch welcherlei Weg, was bevorsteht,
Auszuführen sich bahne, vernimm mit wenigem jetzo.
Morgen gedenkt mit Äneas die unglückselige Dido
Jagen zu gehn in den Forst, sobald aus tagender Dämmrung
Neu sich Titan erhebt und mit Glanz umstrahlet den Erdkreis.
Dann ein schwarzes Gewölk, mit Hagelschauer belastet,
Weil die geschäftigen Rotten die Thal' umstellen mit Fanggarn,
Schütt' ich hinab und errege mit hallendem Donner den Himmel.
Rings sich zu bergen entfliehn in den dunkelen Wald die Begleiter.
Dann zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter
Trojas ein. Selbst komm' ich, und ist dein Wille mir sicher,
Sei sie in Ehe gesellt, als eigene Ehegenossin.
Dies sei das Hochzeitsfest. – Nicht abgeneigt dem Gesuche
Nickt' und lächelte schlau der gefundenen List Cytherea.

(Vierter Gesang)

Didos Liebe zu Aeneas

Von Amor mit einseitiger Liebe zu Aeneas verzaubert, wird Dido 'unsinnig'.

Brennend ihr Herz, durchschweift sie, die unglückselige Dido,
Hastig die Stadt, gleichwie von geschnelletem Pfeile die Hindin,
 
Welche von fern unvermutet ein Hirt in den cretischen Wäldern
Traf mit verfolgendem Pfeil, und das fliegende Eisen zurückließ,
Ohn' es zu schaun; die Gehölz' in der Flucht und die Thale des Dicte
Rennt sie hindurch; fest haftet das tödliche Rohr in der Seite.
Jetzo führt sie gesellt durch die Gassen einher den Äneas,
Zeigt die sidonische Pracht und zeigt die bereitete Stadt ihm;
Auszusprechen beginnt sie und stockt in der Mitte des Wortes.
Jetzo, sobald sich neiget der Tag, sucht jene das Gastmahl;
Dann die ilischen Kämpf', – Unsinnige! – wieder zu hören,
Fordert sie, ach und hängt an dem Mund des Erzählenden wieder.
[...]
Nicht mehr steigt den Türmen der Bau; nicht übet die Jugend
Waffen hinfort; nicht Hafen, noch sichere Wehren des Anfalls
Schaffen sie; mitten gehemmt ruht jegliches Werk, und der Mauern
Hoch aufstrebender Trotz und die himmelhohen Basteien.
 
Als von solchem Verderb sie bewältiget sahe die Gattin
Juppiters, und daß sogar nicht Leumund störe den Wahnsinn [...]

Von zwei Göttinnen vorbereitet kommt es zu Vereinigung.

Dann zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter
Trojas ein. Gleich sandte die Erd' und die schleiernde Juno
Zeichen: die flammenden Blitz', und, des Bunds mitkundig, der Äther,
Leuchteten: hoch von dem Scheitel erscholl Wehklage der Nymphen.
Jener Tag war des Todes Beginn, ach jener des Unglücks
Erster Beginn. Es rühret nicht Ruf sie ferner, noch Anstand;
Und nicht heimliche Freuden ersinnt die schmachtende Dido:
Ehe nennt sie es; so wird Schuld durch Namen beschönigt.

Ohne Verzug geht Fama [die Göttin des Gerüchts] durch Libyas mächtige Städte:
Fama, behende von Schwung, wie sonst kein anderes Scheusal.
[...]

Jupiter erhört ein Gebet

Wer einem Gott opfert, kann von ihm auch erwarten, dass der sich dann seiner Wünsche annimmt.

Stracks nun lenkt sie [Fama] den Lauf zum herrschenden König Iarbas,
Und sie entflammt durch Reden das Herz und stachelt den Zorn ihm.
Ammons Sohn und der Nymphe, die jener geraubt, Garamantis,
Hatt' er im weiten Gebiet dem Juppiter zahlreiche Tempel,
Viele Altäre gebaut, und ewige Flammen geheiligt,
Und nie rastende Wache der Himmlischen, immer von Blut auch
Feisten Grund, und in schönem Geflecht stets blühende Schwellen.
Dieser, das Herz sinnlos, und entbrannt von dem herben Gerüchte,
Betete vor den Altären, im Anschaun waltender Götter,
Viel zu Juppiter flehend mit rückwärts ragenden Händen:
 
Juppiter, mächtiger Gott, dem schmausend auf farbigen Polstern
Jetzt maurusisches Volk abträuft den lenäischen Festwein,
Schauest du dies? Was? Vater, vor dir, wenn du Strahlen herabschwingst,
Schaudern umsonst wir in Angst? Blind fliegende Glut in den Wolken
Schreckt der Sterblichen Sinn, und verrollt mit nichtigem Murmeln?
Jene, das Weib, die verirrt an unseren Grenzen ein Städtlein,
Arm und gering', aufbaute für Preis, der zu pflügen den Meerstrand,
Der wir Beding des Ortes verliehn, stößt unsre Vermählung
Weg und empfängt in das Reich den Oberherrscher Äneas!
Und der Paris nunmehr, von dem Trupp Halbmänner begleitet,
Mit mäonischer Haube das Kinn und das triefende Haupthaar
Untergeknüpft, der genießet des Raubs. Wir tragen ja billig
Dir in die Tempel Geschenk und pflegen des eitelen Rufes!

Jupiters Auftrag an Aeneas

[...] Du legst der hohen Karthago
Jetzo den Grund, und herrlich empor, Weibsüchtiger bauest
Hier du die Stadt, dein Reich und die eigene Macht so vergessend?
Selbst er sendet mich dir aus olympischem Glanze, der Götter
Oberster Fürst, der Himmel und Erd' umdrehet mit Allmacht;
Selbst er heißt mich tragen sein Wort windschnell durch die Lüfte.
Was doch beginnst, was hoffst du, und säumst in Libyerlanden?
Wenn dich selbst nicht rühret die Herrlichkeit solcher Vollendung,
Und du um eigenen Ruhm nicht selbst anstrengest die Arbeit;
Schau, wie Ascanius blüht, o schau des Erben Iulus
Hoffnungen, dem ein Romanergefild' und Italias Herrschaft
Gab das Geschick. [...]

Aenaeas folgt dem göttlichen Auftrag, allen Beschwörungen der ihn liebenden Dido zum Trotz

Didos Fluch

Dass die Aeneis als Nationalepos geplant war, kann man nicht nur der Ausgestaltung des Gründungsmythos entnehmen, sondern auch der nachträglichen Rechtfertigung der Vernichtung Karthagos; denn aufgrund dieses Fluchs habe die Erbfeindschaft zu Karthago schon vor der Gründung Roms bestanden und sei als nimmenendend angelegt. Zusätzlich wird der karthagische Herrschaftsanspruch als Ausdruck enttäuschter Liebe erklärt und der römische dagegen als Auftrag des Göttervaters Jupiter verstanden.

Sol, der du jegliches Thun wahrnimmst im strahlenden Umlauf,
Du auch, Mittlerin dieses Vereins, mitkundige Juno,
Hekate du, der heulen die Städt' auf nächtlichem Dreiweg,
Und ihr, rächende Diren, und Götter der sterbenden Dido:
Dieses vernehmt und übet Gewalt, wie verdienet die Bosheit,
Und, o hört dies unser Gebet! Wenn kommen zum Hafen
Muß das verworfene Haupt, und ans Land zu schwimmen sein Los ist,
Und so Juppiters Rat es verlangt, dies Ziel unverrückt steht:
Doch mit Streit und Waffen vom mutigen Volke geängstigt,
Über die Grenz' auswandernd, getrennt vom teuren Iulus,
Müss' er um Hilf' anflehen, und schaun unwürdige Tode
Seiner Freund'; auch wann er Bedingungen lästigen Friedens
Eingeht, weder des Reichs, noch erfreulichen Lichtes genieß' er,
Sondern er fall' unzeitig, und lieg' unbestattet im Sande!
So mein Gebet; dies seufz' ich, wann Stimm' und Blut mir entschwindet!
Dann, o Tyrier, hegt dem Geschlecht und dem spätesten Abstamm,
Hegt ihm ewigen Haß, und bringt dies Opfer der Sühnung
Unserer Gruft! Nicht Liebe sei je, noch Bündnis den Völkern!
Mög aus meinem Gebein sich einst ein Rächer erheben,
Welcher mit Brand sie verfolget und Stahl, die dardanischen Pflanzer,
Jetzt und dereinst und zu jeglicher Zeit, wenn die Macht es gestattet!
Möge sich Strand mit Strand, so fleh' ich, und Woge mit Woge,
Heer sich befehden mit Heer: sie selbst und die spätesten Enkel!

(Vierter Gesang)

Wettkämpfe

Aeneas hat aus Troja so viele Schätze gerettet, dass er selbst nach halbem Schiffbruch an Karthagos Strand in Sizilien, im Reich des Königs Acestes, für Wettkämpfe königliche Siegespreise aussetzen kann.

Im Laufwettbewerb wirft ein Läufer, "schneller als der Blitz", einen anderen zu Boden, damit sein Freund den Sieg erhält. Reklmationen bleiben fruchtlos, weil der Sieger so schön ist.

Die Handschuhe des berühmten Faustkämpfers Eryx sind mit Blei und Eisen versehen, Blut und verspritztes Gehirn kleben noch daran. Der alte, schwerfällige, dem das Knie wankt, wird Sieger und erschlägt am Schluss - nach vorzeitiger Beendigung des Kampfes - nicht den Gegner, sondern den Stier, der sein Siegespreis ist, mit einem Faustschlag.

Sieger beim Bogenschießen wird König Acestes, dessen Pfeil wegen der hohen Geschwindigkeit in der Luft zerglüht. (Fünfter Gesang)

Zur Interpretation

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Venus rettet ihren Sohn Aeneas trotz seiner Kampfeslust aus dem zusammenbrechenden Troja. Hilfreich ist für ihre Zielsetzung, dass Aeneas sich verpflichtet fühlt, seinen Vater zu retten. Ist's die göttliche Mutter oder ist es der Egoismus von Aeneas' Genen? Der Held entzieht sich dem Kampf, und Vergil hat viel zu tun, uns glaubhaft zu machen, dass er es nicht aus Feigheit tut, also dadurch nicht seine Ehre verliert. Aeneas macht mit seiner Schönheit und dem Bericht von seinen Abenteuern Eindruck auf Dido (Nach Vergil leistet die Hauptarbeit freilich Aeneas' Halbbruder Amor, der Dido zur Liebe zwingt, so wie er das sogar bei Göttern kann.) Weshalb hat Venus darauf gedrängt? Um Aeneas in Karthago eine gute Aufnahme zu sichern, um ihn vor dem Risiko eines Kampfes zu sichern? Jedenfalls scheint ihr die Liebe (sicher die von Dido, wohl aber auch die von Aeneas) - obwohl sie doch ihr Spezialgebiet sein sollte - wenig zu bedeuten gegenüber Hoffnung, dass Aeneas' Sohn Julus ein großes Reich begründet. Warum soll es aber unbedingt in Italien sein, warum nicht in Nordafrika?

Vergil gehörte zum Kreis um Maecenas, dessen Name heute die Bedeutung von Förderer der Kunst angenommen hat. Es liegt nahe, dass er Kunstförderung zur Imagepflege von Oktavian/Augustus betrieben hat, dass er also Vergil nahegelegt hat, einen Gründungsmythos des römischen Reiches zu stiften, der Augustus besser in den Mittelpunkt stellte als die Sage von Romulus und Remus. "Nationalepos" ist auf das Reich zur Zeit des Augustus bezogen an sich zu eng. Aber die Konzentration auf die Stadt Rom als Ausgangspunkt hatte schon lange vorher und noch lange danach identitätsstiftende Wirkung. Die Verengung auf die Sippe der Julier und deren angeblich göttliche Abstammung brachte nicht nur Augustus einen Zuwachs an Legitimität. Dass Roms Gründung als Projekt Jupiters dargestellt wurde, ließ das gesamte Reich als Ergebnis eines göttlichen Heilsplanes erscheinen. Ist die Aeneis also lediglich ein besonders ausgedehntes Beispiel für Panegyrik?

Es könnte auch sein, dass Vergil in bewusster Konkurrenz zu Ilias und Odyssee und ihrem - vermuteten - Schöpfer Homer einen würdigeren Gegenstand als nur einen dauernden Streit und ständige Irrfahrten gesucht hat und in Aeneas den dafür idealen Helden gefunden hat: Irrfahrten, aber nicht mit der Heimat, sondern Vergils Gegenwart als Zielpunkt, auch Streit, aber Streit, der zu einem Friedensreich führt. Prophet, der Prophetien verkündet, die von seiner Gegenwart handeln. Immerhin ist Vergil so für viele Christen zum christlichen Prophet geworden und für Dante zum Führer durchs Jenseits.


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Fußnoten

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Antenor
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Liburner
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Timavo
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Teukros (Troja)
  5. griechischer Beiname der Liebesgöttin

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