Titan (Jean Paul)

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Erstdruck (Titelblatt und zeitgenössische Einbände)

Titan ist ein Roman von Jean Paul und erschien zwischen 1800 bis 1803 in vier Bänden.

Inhaltsverzeichnis

Über den Roman

"Der "Titan" ist die Übertragung des Faustmotivs in die Seele eines überempfindsamen und wunderliche Verwicklungen liebenden Geistes. [...] Jean Paul versteht es vorzüglich, in großen Bildern die Gefühle seiner Helden und damit ihr Wesen zu offenbaren [...]" (Alfred Biese: Deutsche Literaturgeschichte, 2. Band, München 1913, S.305-306)

Textbeispiele

Die Hauptfigur, Albano de Zesara, ritzt sich.

Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit, worin ihm allemal war, als schlage in jedem Gliede ein besonderes Herz – die Lunge und das Herz von Blute schwer und voll – der Atem ist heiß wie ein Harmattanwind – und das Auge trübe in seiner eignen Lohe – und die Glieder sind müde vor Kraft. In dieser Überfüllung der elektrischen Wolke hatt' er einen besonderen Trieb nach Zertrümmern. Er half sich jünger oft, daß er Felsenstücke an den Gipfel wälzte und niederrollen ließ; oder daß er im Galopp so lange lief, bis der Atem – länger wurde, oder am gewissesten dadurch, daß er sich (wie er von Kardan gehört hatte) mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte. – Selten gewinnen gewöhnliche, und noch seltener ungewöhnliche Menschen die volle, mit allen Zweigen blühende Jugend des Leibes und Geistes; aber desto prangender trägt dann eine Wurzel einen ganzen Blumengarten. [...]

O war denn nun die Stelle nicht geheiligt und auf ihr seine überwältigende Sehnsucht nicht entschuldigt, die er heute so lange gehabt, die schöne Armwunde dem tobenden und quälenden Blute aufzumachen? Er ritzte sich, aber zufällig zu tief, und mit einem schönen kühlen Heben seines leichter atmenden Wesens sah er der roten Quelle seines Armes in der Abendsonne zu und wurde wie nach abgefallnen Bürden leichter – nüchtern – still – und weich. Er dachte an die verschwundne Mutter, deren Liebe nun ewig unvergolten blieb – ach er hätte dieses Blut gern für sie vergossen –; und nun quoll heißer als je in seiner Brust die Liebe für den kränklichen Vater auf: o komme bald, sagte sein Herz, ich will dich so unaussprechlich lieben, du lieber Vater!


Jean Paul: Titan, 1. Jobelperiode 4. Zykel, S.34

Albano sieht Liana

Liane ist halb blind und darf nur nachts ins Freie, um die Augen zu schonen. Albano sieht ihr aus einem Versteck zu:

Der Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, ließ endlich breite lange Silberblätter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer niederfallen – [...]

Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser. Welche Erscheinung! – Er riß die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und schauete unbedeckt und atemlos an die heilig-schöne Gestalt! Wie griechische Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glänzte Liane vor dem Monde, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet, und der selige Jüngling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen – [...] Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unsern Stürmen zu reden anfängt und uns Zertrümmerung anrät; furchtbar regte sich jetzt in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf Kuntursfittichen vor Abgründe schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm: »Stürze hinaus – knie vor sie – sag ihr dein ganzes Herz – was ists, wenn du dann auf ewig verloren bist, hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen – und dann kühle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Füßen.« – Wahrlich er dürstete nach dem frischen Bassin, worein die Fontänen zurücksprangen – – Aber ach vor dieser Sanften, vor dieser Gequälten und Frommen! – »Nein,« sagte der gute Geist in ihm, »verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder – o schone, schweige, ehre; dann liebst du sie.« [...]

Wäre der Lehnpropst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so würd' ich gewiß in meiner Historie fortfahren und der Welt als wahr berichten (und das ganze romantische Schreibgelag ließe sich darauf totschlagen), Albano sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des Bandagisten Amor dortgesessen – er habe nicht mehr über fünf zählen können, außer abends an der Glocke [...] »und unter diesen meinen Wundzettel erotischer Wundfieber« (würd' ich am Schlusse meiner Lüge sagen) »setzt wohl offenbar die Natur ihr Sekrets-Insiegel.« Das tut sie nicht, sagt Hafenreffer; – nichts wie verdammte Lügen sinds; die Sache ist vielmehr so: Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten; eine stolze Schamröte überflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das erstemal einem mißtrauischen oder fragenden Auge aufgestoßen wäre. [...]

Sein Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz, der ihm bei dem Vater und seinen beiden Freunden in einem rühmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich über die Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hörsaale und dem Studierzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentümlicher Trieb nach Komplettierung; [...]


(Jean Paul: Titan 6. u. 7. Jobelperiode, 35. u. 36. Zykel)

Text

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