Bildungsroman

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Bildungsroman schildert die Auseinandersetzung eines Individuums mit der Welt. Damit es gebildet werden kann, muss es aber offen und beeinflussbar sein, so wie Wilhelm Meister oder gar ein tumber Tor wie Wolfram von Eschenbachs Parzival[1] oder Hans Castorp in Thomas Manns Der Zauberberg.

Inhaltsverzeichnis

Beispiele

Bildungslehren

Wolfram von Eschenbach

     »Ihr sollt so viel nicht fragen;
     Doch dürft ihr nicht versagen
     Bedachte Antwort, die gemäßen
20 Ziemet auf die Frage dessen,
     Der euch mit Worten will erspähn.
     Ihr möget hören, möget sehn,
     Erwittern, kosten, merken:
     Das wird den Sinn euch stärken.
25 »Laßt Erbarmung bei der Kühnheit sein:
     Dem Rathe sollt ihr Folge leihn.
     Wer im Kampf euch bietet Sicherheit,
     That er euch nicht solches Leid,
     Das Herzleid müste geben,
     Nehmt sie und laßt ihn leben.

172
     »Ihr legt oft Harnisch an euch:
     Legt ihr ihn ab, so reinigt gleich
     Euch an Händen und Gesicht
     Vom Rost des Eisens, das ist Pflicht.
  5 So schaut ihr wieder hell und klar:
     Des nehmen Frauenaugen wahr.
     »Seid mannlich und wohlgemuth,
     Das ist zu werthem Preise gut.
     Die Frauen haltet lieb und werth:
10 So wird ein junger Mann geehrt.
     Gebt keinem Wankelmuth euch hin:
     Das ist rechter Mannessinn.
     Wenn ihr sie thören wollt mit Lügen,
     Wohl mögt ihr ihrer viel betrügen:
15 Lohnt treuer Minne falsche List,
     Das bringt euch Lob gar kurze Frist.
     Da wird des Schleichers Klage
     Das dürre Holz im Hage,
     Denn es knistert und kracht,
20 Daß der Wächter erwacht.
     Strauchweg und verbotner Schlich
     Führen übeln Streit mit sich.
     Dieß meßet gegen wahre Minne.
     Die werthe hat auch kluge Sinne
25 Wider Falschheit und Betrug.
     Haßte sie euch je mit Fug,
     So müstet ihr geschändet sein
     Und immer dulden Scham und Pein.

     »Dieß sollt ihr nah dem Herzen tragen:
     Ich will euch mehr von Frauen sagen.
173
     Mann und Weib, die sind geeint
     Wie die Sonne, die heut scheint,
     Und der heut genannte Tag,
     Die beide Niemand scheiden mag.
  5 Sie blühn hervor aus Einem Kern:
     Das merket und erwäget gern.«[2]


Ritter Gurnemans' höfische Lehre für Parzival in: Wolfram von Eschenbach: Parzival, in Verse übertragen von Karl Simrock

Adalbert Stifter

Weil euch euere Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat, den ihr um euch gesteckt habt, weil ihr zu euren früheren Bestrebungen noch den Einblick in die Dichtungen gesellt habt, so wie ja schon das Landschaftsmalen als ein Übergang in das Kunstfach ein Schritt aus eurem Kreise war, so erlaubet mir, daß ich als Freund, der euch wohl will, ein Wort zu euch rede. Ihr solltet zu eurem Wesen eine breitere Grundlage legen. Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen Richtungen tätig sind, so wird der Mensch, eben weil alle Kräfte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfüllt, als wenn eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet. Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das Nebenliegende zu sehen und führt ihn in das Abenteuerliche. Später, wenn der Grund gelegt ist, muß der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird dann nicht mehr in das Einseitige verfallen. In der Jugend muß man sich allseitig üben, um als Mann gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein. Ich sage nicht, daß man sich in das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse, wie zum Beispiele in allen Wissenschaften, wie ihr ja selber einmal angefangen habt, das wäre überwältigend oder tötend, ohne dabei möglich zu sein; sondern daß man das Leben, wie es uns überall umgibt, aufsuche, daß man seine Erscheinungen auf sich wirken lasse, damit sie Spuren einprägen, unmerklich und unbewußt, ohne daß man diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das natürliche Wissen des Geistes, zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege desselben. Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens. Ihr habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zug erfaßt, unterbrecht ihn ein wenig, ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen. Schaut auch die unbedeutenden, ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt, sucht euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land, lebt einmal eine Weile müßig bei uns, das heißt tut, was euch der Augenblick und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den Garten genießen, wollen den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch zu anderen entfernteren Nachbarn gehen und die Dinge an uns vor über fließen lassen, wie sie fließen.[3]

Der väterliche Freund Freiherr von Risach zum Protagonisten der Romans Der Nachsommer von Adalbert Stifter, 2. Band, 1. Kapitel

Johann Wolfgang von Goethe

Lehrbrief

Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, der Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge, wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister.


Johann Wolfgang von Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, 7. Buch 9. Kapitel

Weitere (von Jarno ausgewählte) Abschnitte aus dem Lehrbrief:

Derjenige, an dem viel zu entwickeln ist, wird später über sich und die Welt aufgeklärt. Es sind nur wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind. Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt. [...] Man soll sich vor einem Talente hüten, das man in Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften, die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern. [...] Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten Äußerung des Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit mehr liegt im Menschen und muß ausgebildet werden; aber nicht in einem, sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muß entwickelt werden. Wenn einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche befördert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das Nützliche befördert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und alle können's nicht entbehren; das Schöne muß befördert werden, denn wenige stellen's dar, und viele bedürfen's. [...] Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.[4]

Johann Wolfgang von Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, 8. Buch 5. Kapitel

Anmerkungen

  1. Dass ein Versepos schon definitionsgemäß kein Bildungsroman sein kann, ändert nichts daran, dass der Parzival ein recht geeignetes Beispiel dafür darstellt, dass der Held nicht nur eine Persönlichkeitsentwicklung durchmacht, sondern seelisch reift.
  2. Wolfram lässt Parzival mit seiner Anwendung höfischer Sittenregeln total scheitern und betont damit den höheren Wert von Menschlichkeit gegenüber ritterlicher Tugend.
  3. Aus der Tatsache, dass die Welt des Freiherrn von Risach im Roman als das unangezweifelte Vorbild erscheint, darf man schließen, dass Risach hier Stifters eigene Anschauungen wiedergibt.
  4. Schon mit der Aussage "Das Beste wird nicht deutlich durch Worte" werden die Ausführungen des Briefes relativiert. Wilhelm, der doch als 'von der Natur losgesprochen' bezeichnet wird, fühlt sich durch sie verwirrt. Damit deutet Goethe an, dass auch die Lehren der Turmgesellschaft - wie die Lehren des Ritters Gurnemans - nicht den richtigen Weg führen können, sondern dass der nur über die Auseinandersetzung mit der Welt gefunden werden kann.

Siehe auch

Weblinks