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Der Stechlin

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Der Stechlin ist der letzte große Roman von Theodor Fontane. Er begann ihn 1895 und veröffentlichte ihn 1897 in der Zeitschrift Über Land und Meer.

Hauptperson ist Dublav von Stechlin, in dem man einerseits Fontanes Positivbild von einem märkischen Adligen, andererseits eine Art Selbstporträt des alten Fontane sehen kann, auch wenn seine Lebensgeschichte keinerlei Ähnlichkeit mit der Fontanes hat.

Inhaltsverzeichnis

Textausschnitte

Romananfang: Stechlin

Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seeenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seeen, die diese Seeenkette bilden, heißt „der Stechlin“. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und quaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, sei’s auf Island, sei’s auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich’s auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie [4] wohl auch hinzu: „Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche; wenn’s aber draußen was Großes gibt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelt’s hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.“

Das ist der Stechlin, der See Stechlin.

Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der Wald, der ihn umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf, das sich, den Windungen des Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht. Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange, schmale Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee die Gasse durchschneidet, platzartig erweitert. An eben dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf Stechlin zusammen; das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen Mohren und einer Guirlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster. Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause, steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte, die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten Rundbogenportals angebrachten Holzarm, dran eine Glocke hängt. Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke Halt macht. Diese Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das [5] Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern.

Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, Schloß Stechlin.

Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, sich in den See hineinerstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte. Das ging so bis in die Tage der Reformation. Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall überlassen, auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. die ganze Trümmermasse beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das Haus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben nüchternen Charakter wie fast alles, was unter dem Soldatenkönig entstand, und war nichts weiter als ein einfaches Corps de logis, dessen zwei vorspringende, bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte. Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von deren dem Hofe zugekehrten Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diese Rampe zu was Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch gut im Stande, die andre dagegen krank war. Aber gerade diese kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in einer ihr [6] freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des Butomus umbellatus auf. Jeder Fremde der kam, wenn er nicht zufällig ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören.

Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte, so natürlich auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin.

Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die „schon vor den Hohenzollern da waren“, aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete sich’s in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. „Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich [7] freue mich, wenn’s andre thun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten giebt es überhaupt nicht, und wenn es welche giebt, so sind sie langweilig.“ Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber gern.


Fontane: Der Stechlin, 1. Kapitel

Zur Behandlung im Unterricht

Nuvola apps edu miscellaneous.png   Unterrichtsidee
  • Diese ausführliche Einführung von Ort und Hauptperson eines Handlungsstranges des Romans kann sinnvoll mit anderen Romananfängen verglichen werden.
  • Welche Erwartungen an den Text weckt diese Einführung?
  • Vergleichen Sie diese Einführung mit der der Familie Barby im 11. Kapitel.
  • Fontanes bekanntestes Werk und eine - nur beim Kultusministerium? - beliebte Schullektüre ist Effi Briest. Wie ließe sich erklären, dass manche Kritiker den Stechlin höher schätzen, und warum eignet er sich wohl weniger als Effi Briest als Schullektüre?

Ein Vergleich von Juli Zeh: „Corpus Delicti“ mit Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“

Der folgende Vergleich, der eine Zeit lang in dem Wikipedia-Artikel zu „Corpus Delicti. Ein Prozess“ Platz fand (Link zur Version vom 3.4.2011 um 12:38), kann vielleicht den Blick auf die gesellschaftskritischen Teile des "Stechlin" schärfen. Um der dokumentarischen Funktion willen wurde auf jede Verbesserung verzichtet.
Die Einführung in den jeweiligen Text sowie die Erzählperspektive gleichen sich auffällig: Ein auktorialer Erzähler nimmt den Leser hoch über der aufgespannten Szenerie an die Hand und führt ihn in die Erzählung ein; er zeigt ihm dabei in einer immer mehr aufziehenden Kameraperspektive die den Handlungsort umgebende Natur und bleibt am Ende der Romaneinführung über einer der Hauptfiguren der Erzählung stehen. Hüben wie drüben verweilt zuvor der Erzähler kurze Zeit an einem See, der in beiden Texten merkwürdig unbelebt erscheint. „Alles still hier“ bei Fontane, bei Zeh ist die Blickrichtung umgekehrt, und der See scheint in den Himmel zu blicken. Doch selbst wenn das Zitieren des fontaneschen Romans in Corpus Delicti nur Zufall sein mag, ist ein Vergleich der beiden Erzählungen und ihrer Verfasser durchaus Gewinn bringend, zumal da beide, Fontane wie Zeh, sich als Autoren ihre Zeit verstehen und auch ihre Texte als Produkt zeitgenössischen Lebens verstehen.

Die oft zitierte Aussage Fontanes über seinen Roman, dass „zum Schluss ein Alter (sterbe) und zwei Junge heiraten“, ansonsten aber nicht viel im Roman geschehe, kann vielleicht als Programm für die Aussage von Juli Zehs Novelle verstanden werden; zwar hört man in Fontanes Roman die drohenden Veränderungen schon am fernen Horizont als Gewitter aufziehen, doch im Grunde bleibt alles, wenn man Fontane wörtlich nehmen darf, beim Alten. Die Menschen scheinen weitestgehend zufrieden in ihrem andauernden Leben der Nichtveränderung. Sie finden sich in den gegebenen Situationen zurecht und finden ebenso Möglichkeiten, die Widrigkeiten des Lebens zu meistern, und finden (noch!) ein Auskommen untereinander. Ganz anders in Corpus Delicti: Juli Zeh zeigt in ihrem Text auf, was alles geschehen kann, wenn wir unsere Körper, unsere Lebensbedingungen und unsere sozialen Kontakte immer weiter verbessern wollen. Das ständige Streben nach physischer wie psychischer Perfektion lässt uns in einem ständigen Zustand der Grenzschreitungen schweben, was dem einzelnen Individuum kaum noch Möglichkeiten lässt, sich selbst auch einmal (scheinbar) unperfekt weiterentwickeln zu wollen. Physische Fitness neben psychischer Fitness scheinen das Diktat der derzeitigen Gesellschaftsentwicklung zu sein. Fehler werden nicht mehr akzeptiert, sie eventuell als (didaktisches) Potenzial zu nutzen, bleibt überhaupt nicht mehr die Zeit. Nichtperfektion erscheint dadurch immer als Mangel, ein dauerhaftes Fortschreiten scheint, um überhaupt Schritt halten zu können, notwendig zu sein. Vielleicht bedeutet das Zitieren des fontaneschen Textes auch einmal eine gesellschaftliche Entwicklung als abgeschlossen zu betrachten. Vielleicht soll uns als Leser deutlich gemacht werden, dass unsere derzeitige Lebensbedingung bereits eine Bereich erreicht hat, der als nahezu perfekt erscheint, und dass jegliches weiteres Streben diese Fastperfektion auch gefährden kann. Die Form der menschlichen Existenz, die in und um Schloss Stechlin noch unbeschwert, ja fast leicht erscheint, ist in Corpus Delicti mehr oder minder zu einer ständigen Anklage des Individuums verkommen. Der Mensch muss sich ständig rechtfertigen: gegenüber seinem eigenen Körper, gegenüber seinem eigenen Geist, gegenüber seinen sozialen Kontakten und vor allem gegenüber der Gesellschaft.

Beide Autoren, Fontane wie Zeh, verstehen sich als Gegenwartsautoren; beide besitzen ein ausgeprägtes Gespür für Tendenzen und Entwicklungen ihrer jeweiligen Zeit. Fontane wählt für seinen Roman einen Ort fern jeglichen Großstadtlebens, an dem die Zeit nahezu still zu stehen scheint (dass er es auch anders kann, zeigt er vor allem in seinem Berlinroman „Frau Jenny Treibel“). Zeh demhingegen drehte die Zeit um 50 Jahre nach vorne, um vor allem mögliche Auswirkungen gegenwärtiger Tendenzen aufzuzeigen. Beide Autoren zeigen in ihren Texten Diskurse und Paradigmen ihrer Zeit und setzen diese dadurch auch einer möglichen Kritik aus. Und Fontane wie Zeh verstehen es, aufzeigen, was geschehen könnte, wenn die Gesellschaft zu stark auf bestimmten Paradigmen besteht, beziehungsweise was ein eventueller Paradigmenwechsel mit sich bringen kann.


unbekannter Autor der Wikipedia (IP 88.66.215.146)

Aufgabe:

  • Fontane wie Juli Zeh wählen einen fiktiven Helden, um ihre gegenwärtige Gesellschaft zu kritisieren. Wie unterscheidet sich Fontanes Verfahren von dem der Verfasser von Dystopien wie Huxley, Orwell oder Zeh? --Fontane44 00:40, 3. Apr. 2012 (CEST)

Textvorlage

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