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Die Ära der Ökologie

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Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011 von Joachim RadkauWikipedia-logo.png ist der Versuch einer Darstellung der Umweltbewegung und ihrer Vorläufer vom Ende des 19. Jahrhunderts an.

Inhaltsverzeichnis

Rezensionen als Hilfe zum Überblick

Sonja Ernst

Ernst arbeitet insbesondere mit Zitaten von Radkau:

"Die Umweltbewegung hat völlig unterschiedliche Gesichter. Umweltschutz ist die Parole von Protestlern, die mit Steinen nach Polizisten werfen. Es ist aber auch ein Instrument von Öko-Kraten, von Juristen, die alles Mögliche reglementieren wollen. Sie ist ein Knäuel verschiedener Geschichten." (Radkau)

Schiefe Geschichtsbilder und historische Unkenntnis – nicht allein in Deutschland – machen, so der Wissenschaftler aus Bielefeld, die Umweltbewegung angreifbar für Kritiker. Für jene, die die Gefahr von Ökodiktaturen heraufbeschwören; genauso wie für jene, die der Umweltbewegung ihre Bedeutung absprechen. Vor allem aber verweigert man sich damit der Lösung innerer Widersprüche: Denn die Interessen und Ziele der Umweltbewegung sind durchaus kontrovers. Joachim Radkau:

"Windkraftfans klagen, inzwischen seien nicht mehr die großen Energieunternehmen, sondern die Naturschützer ihre Hauptgegenspieler geworden. Und auch zwischen dem weltweit expandierenden Naturschutz auf der einen Seite und der Forderung nach einer umweltfreundlichen Landwirtschaft auf der anderen, besteht eine latente Spannung. Je umweltfreundlicher die Landwirtschaft wird, desto mehr muss sie extensiviert werden, braucht mehr Raum. Ich sehe auch ein Hauptproblem darin, dass diese Zielkonflikte innerhalb der grünen Bewegung bisher meist zu sehr im Untergrund grummeln, aber nicht offen ausdiskutiert werden. Man muss versuchen, auf vernünftige Art darüber zu reden, um zu Lösungen zu kommen." (Imposante Weltgeschichte der grünen Bewegung)

Felix Ekarth

Felix Ekarth von der tazWikipedia-logo.png "liest das Werk als Geschichte der Umweltbewegung verstanden als soziale Bewegung. Im Zentrum sieht er die Konflikte, Ereignisse und Debatten der letzten 40 Jahren vom Waldsterben über den Streit um die Atomkraft bis zum Klimawandel. Aber auch die älteren Ursprünge der Umweltbewegung führt Radkau in seinem gut lesbaren Buch in historischer Perspektive für ihn erhellend vor Augen. Ekardt hebt hervor, dass der Umwelthistoriker nicht nur ein Problempanorama entwirft, sondern auch eine Fülle von erhellenden Folgerungen aus der historischen Erfahrung. Zu kurz kommen seines Erachtens Punkte wie die mentalen und sozialen Ursachen der Überinanspruchnahme der Lebensgrundlagen oder auch die möglichen politischen Antworten darauf. Zudem scheint ihm der zu wenig zu verdeutlichen, dass nur lokales und globales Umdenken eine Lösung der Ressourcen- und Klimaprobleme bringen kann." (Perlentaucher)

Dirk van Laak

"Als 1962 die amerikanische Biologin Rachel Carson die komplexen Folgen von chemischen Keulen wie dem DDT in der Landwirtschaft beschrieb, markierte dies in der Öko-Ära eine Wendemarke. Ihr Buch Silent Spring – ein Verweis auf die stummen, weil vergifteten Vögel im Frühling – wurde zur Bibel einer Bewegung, die sich 1970 um das Schlagwort "Umwelt" scharte. In diesem Wunderjahr der Ökobewegung wurde in den USA bereits ein Earth Day gefeiert und ein Europäisches Naturschutzjahr ausgerufen.

Warum setzte ausgerechnet jetzt eine "ökologische Revolution" ein? Radkau spricht von einer "kopernikanischen Wende rückwärts": Nachdem Astronauten es von außen umrundet hatten, erschien das "Raumschiff Erde" erneut als ebenso einzigartig wie verletzlich. Ohne benennbaren Anlass sei ökologisches Wissen immer stärker miteinander vernetzt worden, habe eine Art von Kettenreaktion eingesetzt. Eine untergründige Triebkraft vermutet Radkau in der grassierenden Furcht vor einem Verlust an Lebensqualität, Gesundheit und ruhigem Schlaf. Zu Metaphern der Gefahr entwickelten sich der Krebs und seine diffusen Ursachen. Sie bezogen sich auf die Verschmutzung von Wasser und Luft, auf Gifte wie das Dioxin, vor allem aber auf die Radioaktivität.

Aus diesen Gefährdungen ergaben sich in den folgenden Jahrzehnten die "großen Dramen" der Umweltbewegung. Ihnen widmet Radkau den Hauptteil seiner Darstellung." (ZEIT 17.3.2011)

Textausschnitte

Spurensuche im Öko-Dschungel

"Gerade für den, der historisch denkt, besitzt der Gedanke daran, dass die heutige Menschheit in einem Jahr fossile Ressourcen von einer Jahrmillion verbraucht, etwas tief Beunruhigendes." (S.37)

Umweltbewegungen vor der Umweltbewegung

Rousseaus "Zurück zur Natur" gab der Natur "Züge einer säkularisierten Göttin. Der Naturkult jener Zeit besaß einen pantheistischen Zug. [...] Aber führte von dort ein direkter Weg zu der modernen Sorge um die Natur? Wenn die Natur allmächtig war: War nicht gerade dann die Naturzerstörung undenkbar? Immanuel Kant, dessen Naturglaube seiner Erkenntniskritik entschlüpfte, hält es in seiner Schrift Zum ewigen Frieden (1795) für evident, dass die Natur die Menschen mit Holz versorge, selbst am Rande der Arktis: 'Am meisten aber erregt die Vorsorge der Natur durch das Treibholz Bewunderung' [...]" (S.39)

"Das Kuriose ist nun, dass genau in jenen 1790er Jahren ein europaweites Alarmgeschrei über die Zerstörung der Wälder und die "so entsetzlich einreißende HolznotWikipedia-logo.png" kulminierte. (S.40)

"Einiges spricht dafür, dass die Aufhebung der AllmendeWikipedia-logo.png in ihrer flächendeckenden und mentalen Breiten- und Tiefenwirkung der einschneidendste Prozess jener Zeit war." (S.43)

"Joan ThirskW-Logo.gif(English) [...] weist darauf hin, dass als Folge der EinhegungenWikipedia-logo.png von Privatland 'die Disziplin, die Dinge auf faire Art mit dem Nachbarn zu teilen, nachließ und jeder Haushalt in sich eine Insel wurde. Das war die große Revolution im Leben der Menschen, größer als aller ökonomischer Wandel im Gefolge der Einhegungen.' " (S.44)

"Die HeimatkundeWikipedia-logo.png auf den Volksschulen ist für Deutschland eine noch viel zu wenig gewürdigte Propädeutik des Naturschutzes; ausgerechnet in der Zeit der 'ökologischen Revolution' wurde sie vielfach als vermeintlich NS-belastet durch den blutleeren 'Sachunterricht' verdrängt: auch dies ein Indiz für die grüne Geschichtslosigkeit." (S.74)

Die "ökologische Revolution" um 1970

"Heute hat man sich längst an Informationen über Umweltschäden gewöhnt; aber damals war das Thema noch neu, und es gab Grund genug, angesichts der sich überstürzenden Horrormeldungen zu erschauern. Und doch besteht der vielleicht auffälligste Befund aus der puren Chronologie der Fakten darin, dass dem neuen "Umwelt"-Boom keinerlei Umweltkatastrophe vorausging, [...]" (S.148)

"Alles in allem war die Entstehungsphase der Öko-Ära weit mehr vom Intellekt als von der puren Emotion bestimmt; das war schon durch die führende Rolle von Wissenschaftlern bestimmt." (S.151)

"Die längste Zeit war das Trägheitsgesetz, die stärkste Kraft der Geschichte, ein Garant gegen einen gar zu unersättlichen Umweltverbrauch gewesen: Ohne moderne Technik war es so mühsam, viele Wälder abzuholzen, die Kohleflöze in der Tiefe und die Fischbestände der Weltmeere auszubeuten. [...] All das wandelte sich dramatisch vor allem seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Trägheitsgesetz kippte gleichsam um: Wenn man von nun an die Dinge laufen ließ, hatte die Ausplünderung der Natur keine Grenzen." (S.162)

Die großen Dramen der Umweltbewegung

Das ewige Wechselspiel zwischen vernetztem Denken und praktischer Priorität

Olson-ParadoxWikipedia-logo.png[1]: "Kleine und entschlossene, durch ein spezielles gemeinsames Interesse verbundene [...] Gruppen sind durchsetzungsfähiger als ein anonymes Großkollektiv mit einem sehr allgemeinen Interesse." (S.167)

"Eine vergleichende Untersuchung der Berichterstattung der britischen und der indischen Medien zu Umweltfragen kommt zu dem Resultat, dass die 'global environmental issues' als solche den meisten Indern nichts sagen oder gar einen Beigeschmack von geistigem Kolonialismus besitzen; dagegen konkrete Fragen der Hygiene und Gesundheitsgefährdung, der Abfallentsorgung und des Wassermanagements bewegten die Leute sehr wohl. [...] Wenn man stets auf einem globalen und pauschalen Umweltbegriff insistiert, kann dies die globale Verständigung geradezu blockieren." (S.174)

Es legt sich nahe, dass unterschiedliche äußere Bedingungen zu unterschiedlichen Prioritäten beim Umweltschutz führen: "Je dichter ein Land besiedelt ist, desto kritischer wird die Anlage von Mülldeponien. In ariden Gebieten beherrscht die Rivalität um das Wasser alles andere - nicht umsonst ist die ursprüngliche Bedeutung von "Rivale": "Bachanrainer". Kein Wunder, dass die "guerras del agua", die "Wasserkriege" unter den spanischen Umweltkonflikten obenan stehen, zumal in Zeiten wachsender Dürre. Dafür kann ein relativ dünn besiedeltes Land wie Spanien sich der größten Artenvielfalt innerhalb Europas rühmen, ohne viel dafür zu tun, während dicht besiedelte und seit langem intensiv und flächendeckend kultivierte Länder es viel schwerer haben, artenreiche Schutzgebiete auszuweisen. In einem Land wie Italien gibt es fast nur alte Kulturlandschaften zu schützen; die Wildnis ist in der dortigen Ökoszene kein Thema." (S.176-177)

"In Australien und Neuseeland hat dabei der Kampf gegen Neophyten und Neozoen Priorität, die sich in diesen über Jahrmillionen isolierten Ökosystemen ungehemmter vermehren als sonst irgendwo auf der Welt. "Naturschutz in Neuseeland heißt in erster Linie töten", erklärt Doug Mende vom dortigen Mt. Bruce National Wildlife Centre ganz brutal." (S.178)

"Das antagonistische amerikanische Rechtssystem, in dem die Schadensfeststellung Sache der Kläger ist und bei entsprechender Gewinnchance von deren Anwälten mit detektivischem Eifer betrieben wird, war bei der Ermittlung von bereits eingetretenen Schäden günstiger als ein Rechtssystem, in dem die Ermittlung dem Staatsanwalts [!] überlassen bleibt und dieser überlastet und in Umweltfragen wenig kompetent ist. [...] Ganz anders ist es jedoch bei hypothetischen Risiken ohne bereits eingetretene Schadenswirkungen: Da greift dieses System nicht. Das VorsorgeprinzipWikipedia-logo.png vermochte sich in den USA bis heute nicht durchzusetzen, während es sich in der EU zumindest als Prinzip, wenn auch längst nicht überall als gängige Praxis behauptete." (S.187)

Große Staudämme als Objekte von Protestbewegungen (S.198 ff)

Narmada-DammWikipedia-logo.png (S.203); Drei-Schluchten-TalsperreWikipedia-logo.png (S.204)

Anti-Atomkraft-Bewegung

Anti-Atomkraft-BewegungWikipedia-logo.png (S.209 ff)

Prioritätensuche in der Chemie

"Rachel CarsonsWikipedia-logo.png Erfolg war nicht zuletzt darauf zurückzuführen gewesen, dass sie sich trotz eines breiten Problempanoramas auf ein einziges Zielobjekt konzentrierte auf DDTWikipedia-logo.png. Dreißig Jahre darauf war evident, dass eine derartige Priorität auf Dauer ncht zu halten war: 1992 verkündete der kommende US-Vizepräsident Al Gore, dass die amerikanische Chemie trotz des DDT-Verbots dreizehntausendmal mehr Pestizide als zu Zeiten Rachel Carsons produziere!"

So gerieten insbesondere in den Blick: AsbestWikipedia-logo.png (1971), die "Chemisierung der Landwirtschaft" (1978), DioxinWikipedia-logo.png (1976) und im Kontext damit die MüllverbrennungWikipedia-logo.png in Müllverbrennungsanlagen (1983)[2] und ganz aktuell der PlastikmüWikipedia-logo.pngll auf dem Meeresgrund, der "zunehmend durch Plastikmüll versiegelt wird, der dort seine 'ultimative Senke' findet." (Radkau, S.253)

"Das Gesamtspektrum der Umweltthemen ist mithin nicht ganz und gar diffus, sondern es fehlt nicht an Vernetzungen. [...] Soll man von einem Lernprozess reden? Lieber nur mit Vorsicht; denn die Weltgeschichte ist keine Schulstube, sondern eine Arena voller Machtspiele und Interessenkämpfe, und mit allem Zugewinn von Erkenntnis vollziehen sich heimliche Prozesse des Vergessens." (S.254)

Charismatiker und Ökokraten

"Schon 1872 hatte [...] Rudolf von JheringWikipedia-logo.png in seinem Wiener Vortrag vom Kampf um's Recht verkündet, das 'abstrakte Recht' bleibe ein 'bloßer Schein' und stehe nur 'auf dem Papier', solange die Individuen nicht um ihr Recht kämpften. Jhering dachte an individuelle Rechte, aber für Gesetze zum Umweltschutz gilt das Gleiche". (S.352)

GreenpeaceWikipedia-logo.png: "Seit vierzig Jahren ist es die mit Abstand berühmteste Umweltorganisation der ganzen Welt, und niemand hat wirkungsvoller als die Regenbogenkämpfer ein neues grünes Heldentum begründet". (S.356)

Ganz auf den Medieneffekt kalkuliert war [...] die Greenpeace-Aktion gegen die zur Versenkung bestimmte Bohrinsel 'Brent SparWikipedia-logo.png' in der Nordsee [...] Es war ein nicht zu übertreffender Gipfel des medialen Effekte, und er schlug wie eine Bombe ein. Europaweit wurden Shell-Tankstellen boykottiert. Selbst Bundeskanzler Kohl unterstützte die Kampagne, die an Popularität alle bisherigen Umweltaktionen überstieg." (S.357)

"Die Nachreflexionen zu 'Brent Spar' gehören zu den nachdenklichsten Dokumenten aus der Geschichte der deutschen Umweltbewegung [...] Die Karriere der Klimathematik [...] wäre ohne derartige Denkanstöße schwer vorstellbar." (S.359)

"Selbst der Präsident des Sierra ClubWikipedia-logo.png befürwortete 1992 eine 'gesunde Interaktion zwischen den radikaleren und den 'Mainstream-Gruppen' [...] Management allein sei kein Schlüssel zum Erfolg: 'Die Geschichte zeigt, dass Organisationen typischerweise dann am erfolgreichsten sind, wenn sie es hinkriegen, Elemente zu kombinieren, die sich oft schlecht miteinander vertragen: die ein leidenschaftliches Sendungsbewusstsein in sich tragen und von Visionen getrieben sind, und die, die das Finanz- und Personalmanagement beherrschen.' Eine 'Lehre der Geschichte', die man gelten lassen kann!" (S.361)

"Kleingruppen, Einzelpersonen und Ereignisse sind es, die in die Umweltbewegung immer wieder neu Bewegung gebracht haben; daher ist es wichtig [...], immer wieder dort zu verweilen. Diese Bedeutung des Episodischen hat ihren tieferen Grund: Letztlich sind es die Unendlichkeit dr Umweltproblematik selbst und die Unmöglichkeit einer endgültigen Lösung, die ewig nach Neuansätzen verlangt und neu hinzukommenden Aktivisten ihre Chancen zuspielt." (S.363/64)

Freund-Feind- oder Win-Win-Szenario?

Atomkonflikt

Die Anti-Atomkraft-Bewegung in DeutschlandWikipedia-logo.png richtete sich vornehmlich gegen die Kernkraftwerke BrokdorfWikipedia-logo.png und GrohndeWikipedia-logo.png, sowie die WiederaufarbeitungsanlageWikipedia-logo.pngn Gorleben und WackersdorfWikipedia-logo.png. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen kam es einerseits zu der auf Konsens ausgerichteten Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik" (S.373) und zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Problem: "wohl noch nie haben sich Scharen deutscher Intellektueller derart intensiv in Detailfragen der Technik eingearbeitet und sind auf diesem Wege auch an ökologische Grundprobleme der Moderne gelangt." (S.378) Andererseits bildete sich mit der Zeit auf beiden Seiten eine "Bunkermentalität". (S.379)

"Die [...] Abkehr von der 'Produktformel' bei der Risikodefinition (Produkt von Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit), mit der man bis dahin selbst ein sehr hohes 'Restrisiko' auf nahezu null heruntergerechnet hatte, war eine Wende im Risikokalkül von höchster Tragweite: Hätte man die Konsequenz daraus gezogen, hätte man - sofern man aus der Kernenergie nicht ausstieg - zu neuartigen Reaktortypen mit weitaus höherer inhärenter Sicherheit übergehen müssen." (S.376)

"Schelsky bemerkte [...], dass alle diejenigen, die lediglich die Reform wollten, ohne etwas 'anscheinend Utopisches' zu wagen, nicht einmal die Reform erreichten, sondern nur ihre Ohnmacht kaschierten [...]. Das ist das Grundproblem: Zwar haben gewaltsame Revolutionen nur selten die Verhältnisse menschenfreundlicher gemacht; aber die Furcht herrschender Eliten vor der Revolution war doch oft nützlich, um diese gesprächs- und kompromissbereit zu machen." (S.378)

"So verstanden, bot die Kernenergie ein Lehrstück dafür, dass auch solche Lösungswege, die unter bestimmten Aspekten selbst im Blick auf die Umwelt ideal wirkten, sich am Ende als das genaue Gegenteil herausstellen [...] Ebendies erleben wir in jüngster Zeit mit dem Methan, das jahrzehntelang als Erdgas ein besonders umweltfreundliches Image besaß, dann jedoch als üble Belastung der Atmosphäre entdeckt wurde, etwas zwanzigmal klimaschädlicher als Kohlendioxid." (S.383)

"Die EPAWikipedia-logo.png entstand aus einem Zusammenschluss bereits bestehender Instanzen zur Hygiene; aber in den ersten sechzig Tagen ihres Bestehens griff diese Behörde fünfmal so oft mit enforcement actions durch wie bis dahin all ihre Vorgänger zusammen in einem vergleichbaren Zeitraum." (S.388)

"Ein zentraler Lernprozess der Öko-Ära, der noch längst nicht abgeschlossen ist, besteht darin, dass bloße End-of-the-pipe-Technologien und immer aufwendigere Recycling-Prozesse für den Umweltschutz zur Sackgasse werden und dauerhafte Lösungen nur darin bestehen, dass bereits durch die Gestaltung der Produktionsprozesse schädliche Abfälle vermieden werden und durch die Gestaltung der Produkte eine Wiederverwendung möglich gemacht wird: Eine derartige Umsteuerung der Wirtschaft [...] ist nur durch Zusammenarbeit mit der Industrie möglich [...] Konflikt und Konsens sind in der Geschichte keine Alternativen, sondern oftmals Phasen des gleichen Prozesses [...] Die Konfliktfrage ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, dass es sinnlos ist, über Umweltstrategieen überhistorisch und pauschal zu reden." (S.391)

"In den Anfangsjahren der 'ökologischen Revolution' waren die 'Grenzen des Wachstums' ein Leitmotiv der Umweltdiskussionen. [...] In neuerer Zeit dagegen [...] wurde der Gedanke Gemeingut vieler Umweltdiskussionen, dass der in unserem Wirtschaftssystem enthaltene Zwang - oder zumindest die Zwangsvorstellung, ein Ende des Wachstums sei gleichbedeutend mit Niedergang - die letzte Ursache der meisten Umweltprobleme sei. Wenn das zuträfe, gäbe es doch einen Grundwiderspruch zwischen Ökonomie und Ökologie."[3] (S.486/87)

Die Zeitenwende um 1990 - Von der sozialen zur Generationen-Gerechtigkeit?

Hierfür können Zitate nur nach und nach geliefert werden. (S.488-579)

Radkau vergleicht die Wirkung der Katastrophe von BhopalWikipedia-logo.png (5000 Tote innerhalb weniger Tage, langfristige Schäden 150000 bis 500000) mit der von SevesoWikipedia-logo.png und TschernobylWikipedia-logo.png: "Es war die bislang schlimmste Katastrophe der Industriegeschichte. [...] Bhopal hatte "nur" umliegenden Arbeitervierteln das Verderben gebracht; Tschernobyl schürte die Krebsangst in weiten Teilen Europas." (S.501)

Im Folgenden demonstriert er an den Wirkungen auf die Umweltbewegung den Unterschied, den es macht, wer von einer Katastrophe betroffen ist: "nur" Arbeiter in einem Land der "Dritten Welt" oder alle Kreise der Bevölkerung in vielen Industrieländern. "Tschernobyl aktivierte und reaktivierte die Anti-Atomkraft-BewegungWikipedia-logo.png von Europa bis nach Korea und Taiwan, und zugleich beschleunigte es die Zerfallstendenzen in der Sowjetunion. [...] Begünstigt durch den Zerfall des Ostblocks, wuchs die Zahl der NGOs in den Jahren um 1990 geradezu explosionsartig an; [...]" (S.502)

"Ein Vorteil des historischen Zugangs zur Umweltbewegung besteht darin, dass man wieder und wieder verfolgen kann, wie Positionen, die auf theoretischer Ebene unvereinbar erscheinen, im Prozess der Geschichte dann doch zusammenfinden. Das gilt auch für Umweltschutz und Sozialpolitik." (S.569) Auf den Seiten 570 bis 579 entwickelt Radkau das an den Beispielen GenerationengerechtigkeitWikipedia-logo.png, ÖkosteuerWikipedia-logo.png und environmental justiceW-Logo.gif(English)[4]

"Hätte es zur Zeit der Chemiekatastrophe von Bhopal (1984) bereits eine Environmental-Justice-Bewegung gegeben, wäre diese Katastrophe das stärkste nur denkbare Memento geworden; denn die Opfer gehörten durchweg zu den Ärmsten der Bevölkerung. Auch in der Öko-Ära enthält das Streben nach Gerechtigkeit ein produktives Potential, das etwas bewegen kann." (S.579)

Umweltpolitik zwischen Globalisierung und Antiglobalisierungsbewegung

Hierfür können Zitate nur nach und nach geliefert werden. (S.580-613)

"Nicht panische Angst, sondern ein über den Intellekt vermittelte Sorge ist die entscheidende Triebkraft der Öko-Ära." (S.581)[5]

Angesichts des Umstands, dass die größten Wirtschaftsmächte unserer Zeit - die Öl- und die Automobilindustrie - die geborenen Gegner der Global-warming-Alarmisten sind, ist es bemerkenswert, wie wenig überzeugende Gegenentwürfe zum greenhouse effect bislang bekannt geworden sind." (S.600)

"Wie sich globales Denken und lokales Handeln miteinander vereinen lassen, das lässt sich nicht ein für alle Mal durch ein theoretisches Modell bestimmen, sondern nur mit kreativer Phantasie auf wechselnde Art je nach Situation in der Praxis realisieren." (S.612)

Schluss: Die Dialektik der grünen Aufklärung

"Aus der Geschichte erkennt man, dass es den historischen Augenblick gibt,/ wo das Trägheitsmoment bestehender Strukturen aufgebrochen wird und manches möglich wird, was bis dahin als unmöglich galt. [...] Wer weiß, vielleicht erleben wir einen solchen Augenblick schon bald." (S.621/22)[6]

Anmerkungen

  1. „Ausschlaggebend ist Olson zufolge nicht der Wille, unmittelbar zu einem öffentlichen Gut beizutragen, sondern vielmehr der Anreiz, dies mittelbar zu tun. Damit wird es zu einer Frage institutioneller Arrangements, ob sich Gruppenmitglieder – durch selektive Anreize – veranlasst sehen, im gemeinsamen Gruppeninteresse zu handeln. Insofern ist Olsons gruppentheoretisches Paradoxon, dass rationale Akteure gerade aufgrund ihrer individuellen Rationalität ein gemeinsames Gruppeninteresse nur mit Hilfe der Anreizwirkungen institutioneller Arrangements in sozial erwünschter Weise verfolgen können, das direkte Analogon zum klassischen Theorem der unsichtbaren Hand.“ (Ingo Pies: Theoretische Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Der Beitrag Mancur Olsons. In: ders. / Martin Leschke (Hrsg.): Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, S.7)
  2. MülltrennungWikipedia-logo.png und das Duale SystemWikipedia-logo.png schienen eine Lösung des Entsorgungsproblems zu bringen, bis vielerorts herauskam, "dass der so geflissentlich getrennte Müll am Ende doch vereint in die MVA kam." (Radkau, S.252)
  3. Dazu in diesem Wiki Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima
  4. vgl. auch Environmental Justice Movement und UmweltgerechtigkeitWikipedia-logo.png
  5. "Anders als im 16. Jahrhundert, als Bußgottesdienste und Hexenverfolgungen erst langsam durch empirische Forschung und intellektuellen Austausch ersetzt wurden, wird die wissenschaftliche Methode selbst durch die Veränderungen von Umwelt und Gesellschaft nicht ungültig – auch wenn bereits jetzt deutlich ist, dass die Rolle der menschlichen Anstrengung in der Wissenschaft von Künstlicher Intelligenz und Algorithmen zurückgedrängt wird." (Blom: Zeiten des Klimawandels, S.10
  6. "Ein Klimaereignis resultierte in einer kaum einen Aspekt auslassenden Revolutionierung menschlicher Gesellschaften. [...] Trotz dieser starken Faktenlage mag es ein ungewohnter Gedanke sein, dass Klimawandel nicht nur Wetter und Landwirtschaft beeinflussen kann, sondern auch die Struktur einer Gesellschaft bis in ihr Selbstverständnis und ihre Philosophie hinein. [...] Wie Kellerasseln und Singvögel müssen auch Menschen sich ihren natürlichen Umständen anpassen. Bei einem Einfluss, der so wirkmächtig und subtil ist wie das Wetter und die Naturerfahrung selbst, werden veränderte Rahmenbedingungen zwangsläufig auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Umwälzungen nach sich ziehen – nicht nur im 17. Jahrhundert, sondern auch in naher Zukunft." (Blom: Zeiten des Klimawandels, S.7-8

Bibliographische Angaben

Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, C.H.Beck, München 2011 ISBN 978-3-8389-0090-2 (zitiert mit Seitenangabe ohne Verfasser und Titel. Nur in Einzelfällen, wo Missverständnisse möglich sind, wird ausdrücklich der Verfasser genannt)

Rezensionen

"Joachim Radkau wandert freien Geistes durch die Biotope des grünen Milieus und schreibt eine höchst lesenswerte Weltgeschichte der Umweltbewegung, ohne ihre blinden Flecken auszusparen"

Literatur

Siehe auch