Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima

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Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima von Naomi KleinWikipedia-logo.png ist ihre zentrale Aussage zum Klimawandel und den politischen Möglichkeiten, ihn zu begrenzen. Amitav Ghosh hat es als "Eines der wichtigsten Bücher des Jahrzehnts" bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

So oder so, es verändert sich alles 9[1]

"Ich habe den Klimawandel länger geleugnet, als mir lieb ist. Natürlich wusste ich, dass es ihn gibt. Es war nicht so wie bei Donald Trump und den Tea-Party-Anhängern, die behaupten, das sei doch alles nur Schwindel, was schon allein daran ersichtlich sei, dass es immer noch Winter gebe. Aber ich befasste mich nicht mit den Details und überflog nur die ein­schlägigen Zeitungsartikel, besonders die wirklich erschreckenden. Das wissenschaftliche Drumherum war mir zu kompliziert, und ich sagte mir, die Umweltschützer kümmern sich schon darum. Auch an meinem 'Eli­testatus' als Vielfliegerin, attestiert durch die glänzende Karte in meiner Brieftasche, konnte ich weiterhin nichts Schlimmes finden.

Viele von uns neigen zu dieser Art von Klimaleugnung. Wir schauen kurz hin, dann schauen wir wieder weg." (S.11/12)

"Ich weiß noch sehr genau, wann ich aufgehört habe, meine Augen vor der Realität des Klimawandels zu verschließen, oder zumindest, wann ich zum ersten Mal richtig hingesehen habe. [...] Weil Bolivien ein armes Land mit einem schmalen Budget für Auslands­reisen ist, hatte Navarro Llanos vor kurzem neben dem Handels- auch noch das Klimaressort übernommen. Beim Mittagessen in einem leeren chinesischen Lokal erklärte sie mir (wobei sie mit ihren Essstäbchen ein Diagramm des globalen Emissionsverlaufs zeichnete), sie sehe den Klima­wandel als schreckliche Bedrohung für ihr Volk, aber auch als Chance.

Eine Bedrohung aus offensichtlichen Gründen: Bolivien ist extrem ab­hängig von seinen Gletschern als Quelle für Trink- und Nutzwasser zur Bewässerung, und die schneebedeckten Gipfel, die über seiner Hauptstadt aufragen, färbten sich in besorgniserregendem Tempo grau und braun. Die Chance bestand laut Navarro Llanos darin, dass sich Länder wie ihres, die so gut wie nichts zum Hochschnellen der Emissionen beigetragen hat­ten, zu »Klimagläubigern« erklären konnten. Somit stünde ihnen finanzi­elle und technologische Unterstützung von Seiten der großen Verschmutzerländer zu, um die hohen Kosten weiterer klimabedingter Katastrophen zu stemmen und einen ökologischen Entwicklungsweg einzuschlagen." (S.13/14)

"Wenn wir die Emissionen im nächs­ten Jahrzehnt deutlich vermindern wollen, brauchen wir eine Massenmo­bilisierung in nie gekanntem Ausmaß. Wir brauchen einen Marshallplan für die Erde. Dieser Plan muss Finanz- und Technologietransfers in bei­spiellosem Umfang enthalten. Er muss alle Länder mit Technologien ver­sorgen, um sicherzustellen, dass die Emissionen gesenkt und der Lebens­standard der Menschen gleichzeitig gehoben wird. Dafür bleiben uns nur zehn Jahre Zeit." (S.14)

"Als ich mir Navarro Llanos' Schilderung der bolivianischen Sicht an­hörte, begriff ich, dass der Klimawandel - sofern man ihn ähnlich wie die eben erwähnte Flut als weltweiten Notstand behandelt - eine treibende Kraft für die Menschheit werden könnte, um uns nicht nur besser vor Wetterextremen zu schützen, sondern unsere Gesellschaften in vielerlei Hinsicht sicherer und gerechter zu machen. Die für eine rasche Abkehr von fossilen Brennstoffen und die Anpassung an künftige schwierige Wetterbedingungen erforderlichen Ressourcen könnten große Teile der Menschheit aus der Armut führen und ihnen eine öffentliche Infrastruk­tur bescheren, die schmerzlich fehlt, von sauberem Wasser bis zu Elek­trizität. Diese Zukunftsvision geht weit über die Vorstellung hinaus, den Klimawandel bloß zu überleben oder auszuhalten, ihn zu »mildern« oder sich daran »anzupassen«, wie die Vereinten Nationen es so düster formu­lieren. Es ist eine Vision davon, wie wir die Krise kollektiv dazu nutzen können, den Sprung in eine bessere Welt zu wagen, jedenfalls eine bessere Welt als die jetzige.

Nach dem Gespräch mit Navarro Llanos stellte ich fest, dass ich nicht mehr davor zurückschreckte, mich mit den wissenschaftlichen Fakten der Klimabedrohung zu beschäftigen. Ich hörte auf, einen Bogen um Artikel und wissenschaftliche Studien zu machen, und las alles, was ich finden konnte. Ich hörte auch auf, das Problem den Umweltschützern zu überlas­sen, hörte auf, mir vorzumachen, dass es nicht mein Problem, nicht mein Job sei. Und durch Gespräche mit anderen Mitgliedern der wachsenden Klimagerechtigkeitsbewegung erkannte ich, dass der Klimawandel auf vie­lerlei Arten ein Katalysator für positiven Wandel werden könnte - indem er den progressiven Kräften das beste Argument überhaupt dafür liefert, den Wiederaufbau und die Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft zu fordern; unsere Demokratien dem zerstörerischen Einfluss der Konzerne zu entreißen; gefährliche neue Freihandelsabkommen zu blockieren und alte umzuschreiben; in die unterentwickelte öffentliche Infrastruktur wie Massenverkehrsmittel und bezahlbaren Wohnraum zu investieren; die Privatisierung wichtiger Dienstleistungen wie die Energie- und Wasser­versorgung rückgängig zu machen; unser krankes Landwirtschaftssystem durch ein gesünderes zu ersetzen; Grenzen für Einwanderer zu öffnen, die wegen der Folgen des Klimawandels ihre Heimat verlassen mussten; end­lich die Landrechte der indigenen Völker anzuerkennen - all das würde dazu beitragen, das groteske Maß an Ungleichheit in und zwischen unse­ren Ländern zu beenden.

Und ich begann, Anzeichen [...] dafür zu erkennen, dass die drohende Klimakrise die Grundlage für eine mächtige Massenbewegung bilden könnte, wenn die verschiedenen Zusammenhänge auf breiterer Ebene erkannt würden. Eine Massenbewe­gung, die all die scheinbar unzusammenhängenden Probleme zu einem kohärenten Bild vereinen würde. Zu einer Vorstellung davon, wie es ge­lingen kann, die Menschheit sowohl vor den verheerenden Auswirkungen eines zutiefst ungerechten Wirtschaftssystems als auch den Folgen eines destabilisierten Klimasystems zu bewahren. Ich habe dieses Buch geschrie­ben, weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Klimaschutz ein Katalysator für diesen Wandel sein könnte." (S16/17)

Ein Volks-Schock

Aber ich habe es auch geschrieben, weil der Klimawandel Auslöser für eine Vielzahl unterschiedlicher und weit weniger wünschenswerter Formen ge­sellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen sein kann. [...] In meinem letzten Buch Die Schock-Strategie habe ich dargelegt, dass im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte Kon­zerninteressen systematisch die unterschiedlichsten Krisen ausgenutzt haben, um eine Politik durchzusetzen, die eine kleine Elite reicher macht - durch Deregulierungen, die Kürzung der Sozialausgaben und mittels groß­flächiger Privatisierungen im öffentlichen Sektor. Krisen dienten auch als Vorwand für radikale Beschneidungen der Bürgerrechte und alarmierende Menschenrechtsverletzungen.

Vieles deutet darauf hin, dass der Klimawandel in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellen wird, dass auch diese Krise dazu benutzt wird, dem einen Prozent noch mehr Ressourcen zuzuschieben, anstatt Lösungen in Gang zu bringen, die eine echte Chance darauf bieten, eine Erderwärmung von desaströsem Ausmaß zu verhindern und uns vor den unvermeidli­chen Katastrophen zu schützen. Die Anfänge dieses Prozesses zeichnen sich bereits ab. Überall auf der Welt werden Staatswälder in privatisierte Nutzholzplantagen und Schutzgebiete umgewandelt, damit ihre Besit­zer sogenannte 'Emissionszertifikate' sammeln können, ein lukrativer Schwindel, auf den ich später näher eingehen werde. Es gibt einen blühen­den Handel mit 'Wetterfutures', die es Unternehmen und Banken erlau­ben, auf Wetterveränderungen zu setzen, als wären tödliche Katastrophen ein Würfelspiel in Las Vegas (zwischen 2005 und 2006 verfünffachte sich der Markt für Wetterderivate beinahe, von 9,7 Milliarden auf 45,2 Milliar­den Dollar). Weltweit operierende Rückversicherer verdienen Milliarden damit, dass sie neue Arten von Schutzkonzepten an Entwicklungsländer verkaufen, die so gut wie nichts zur Klimakrise beigetragen haben, deren Infrastruktur jedoch stark von ihren Auswirkungen betroffen ist." (S.17/18)

"All das ist keine Überraschung. Unser derzeitiges System ist so aufge­baut, dass es immer neue Wege sucht, das Gemeingut zu privatisieren und aus Katastrophen Profit zu generieren; wenn man es ungehindert schalten und walten lässt, ist es zu gar nichts anderem in der Lage. Die Schock-Strategie ist jedoch nicht die einzige Art, wie Gesellschaften auf eine Krise reagieren. Das haben wir alle in den vergangenen Jahren erlebt, als sich die Finanzkrise, die 2008 an der Wall Street begann, auf die ganze Welt ausbreitete. Ein plötzlicher Anstieg der Lebensmittelpreise war einer der Auslöser für den Arabischen Frühling. Die Sparpolitik hat zu Massenbe­wegungen in zahlreichen Ländern geführt, von Griechenland über Spani­en, Chile, die Vereinigten Staaten bis hin nach Quebec. Viele von uns sind inzwischen geübt in Protesten gegen diejenigen, die Krisen zynisch aus­nutzen, um den öffentlichen Sektor auszuplündern. Diese Proteste haben aber auch gezeigt, dass es nicht reicht, einfach nur Nein zu sagen. Damit Oppositionsbewegungen nicht nur ein Strohfeuer bleiben, brauchen sie eine umfassende Vision dessen, was an die Stelle unseres scheiternden Sys­tems treten soll, und tragfähige politische Strategien für die Durchsetzung dieser Ziele." (S.19)

" 'Ihr verhandelt schon mein ganzes Leben lang.' Diesen Satz sagte die kanadische College-Studentin Anjali Appadurai, als sie auf der UN-Klimakonferenz von 2011 in Durban auf die versammelten staatlichen Unterhändler blickte. Sie übertrieb nicht. Die Regierungen der Welt be­ratschlagen bereits seit über zwei Jahrzehnten darüber, wie man den Kli­mawandel aufhalten kann - beginnend im selben Jahr, als die damals einundzwanzigjährige Anjali geboren wurde. Und dennoch, machte sie in ihrer denkwürdigen Rede klar, die sie im Namen der Jugenddelegierten hielt: 'In dieser Zeit habt ihr es versäumt, Zusagen einzuhalten, habt ihr Ziele verfehlt und Versprechen gebrochen.'

Tatsächlich hat die internationale Organisation, die mit der Aufgabe be­traut wurde, ein 'gefährliches' Ausmaß des Klimawandels zu verhindern, in ihrem über zwanzigjährigen Bestehen (und in über neunzig offiziellen Verhandlungssitzungen seit Verabschiedung der Klimakonvention von 1992) nicht nur keine Fortschritte erzielt, sondern einen quasi ununter­brochenen Prozess von Rückschritten zu verzeichnen. Unsere Regierungen haben Jahre damit verschwendet, Zahlen zu frisieren und über Starttermi­ne zu zanken, und ständig versucht, sie hinauszuzögern wie Studenten ihre Studienarbeiten." (S.21)

"Das ist die Stimmungslage seit dem Scheitern des im Vorfeld hochge­lobten UN-Klimagipfels 2009 in Kopenhagen. Am letzten Abend dieser riesigen Veranstaltung befand ich mich bei einer Gruppe von Klimage­rechtigkeitsaktivisten, darunter einer der prominentesten Campaigner in Großbritannien. Während des gesamten Gipfels strotzte der junge Mann vor Zuversicht und Gelassenheit, informierte jeden Tag Dutzende Jour­nalisten darüber, was in den jeweiligen Verhandlungsrunden herausge­kommen war und was die verschiedenen Emissionsziele in der Realität bedeuteten. Trotz der Herausforderungen war sein Optimismus über die Aussichten des Gipfels ungebrochen. Als dann alles vorbei war und das jämmerliche Ergebnis feststand, fiel er vor unseren Augen in sich zusam­men. In einem grell beleuchteten italienischen Lokal brach er in hem­mungsloses Schluchzen aus. »Ich hatte wirklich gedacht, Obama hat es kapiert«, sagte er wieder und wieder.

Diesen Abend habe ich als den Moment in Erinnerung, als die Klima­bewegung erwachsen wurde: Es war der Moment, als uns allen wirklich bewusst wurde, dass niemand zu unserer Rettung kommen würde. [...] Es ist tatsächlich so, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind, und jede echte Hoffnung in dieser Krise wird von unten kommen müssen." (S.22)

"Als das 2-Grad-Ziel in Kopenhagen offiziell verkündet wurde, gilb es leidenschaftliche Einwände von vielen Delegierten, die sagten, die­ses Ziel komme der 'Todesstrafe' für einige tiefliegende Inselstaaten sowie für große Teile Afrikas südlich der Sahara gleich. Tatsächlich ist es für uns alle ein äußerst riskantes Ziel: Bisher ist die Durchschnittstemperatur nur um 0,8 Grad gestiegen, und wir erleben bereits viele alarmierende Aus­wirkungen, darunter ein noch nie dagewesenes Abschmelzen des grönlän­dischen Eisschilds im Sommer 2012 und die sehr viel rascher als erwartet stattfindende Versauerung der Meere. Wenn wir zulassen, dass die Temperaturen um mehr als das Doppelte steigen, wird das zweifellos gefährliche Konsequenzen haben. [...]

Das größere Problem - und der Grund, weshalb der Gipfel von Kopen­hagen solche Verzweiflung hervorrief - ist jedoch ein anderes: Weil sich die Regierungen nicht auf verbindliche Ziele geeinigt haben, können sie ihre Zusagen nach Belieben ignorieren. Und genau das passiert im Augen­blick. Die Emissionen steigen so rasch an, dass 2 Grad aus heutiger Sicht wie ein utopischer Traum erscheinen, wenn wir unser Wirtschaftssystem nicht von Grund auf ändern. Und nicht nur Umweltschützer schlagen Alarm. Im selben Bericht von 2012 warnte die Weltbank, dass 'wir uns [bis zur Jahrhundertwende] auf eine 4-Grad-Erwärmung zubewegen, die durch extreme Hitzewellen, eine Verknappung der weltweiten Nah­rungsvorräte, den Verlust von Ökosystemen und Artenvielfalt und durch lebensbedrohlich hohe Meeresspiegel gekennzeichnet ist'. Ferner hieß es, dass 'außerdem nicht sicher ist, ob eine Anpassung an die 4-Grad-Welt möglich ist'. (S.23/24)

"Die Voraussagen zeigen schlicht und ergreifend, dass der Klimawandel zur Existenzkrise für die menschliche Spezies geworden ist. Eine Krise dieser Größenordnung gab es bisher nur einmal in der Geschichte, nämlich als die Menschen im Kalten Krieg befürchteten, die Welt würde auf einen nuklearen Holocaust zusteuern, der den Großteil der Erde unbewohnbar gemacht hätte." (S.26)

Ein schlechtes Timing

Warum kommen die Verhandlungen zum Klimaschutz nicht voran? Sind sie zu schwierig? Gibt es zu wenige technische Möglichkeiten?

"Aber es gibt zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit dafür, dass Regierungen mit Unterstützung der Vereinten Nationen zusammengearbeitet haben, um schwere grenzübergreifende Probleme in den Griff zu bekommen, vom Ozonabbau bis zur Ausbreitung von Atomwaffen. Die erzielten Abmachungen waren nicht perfekt, aber immerhin ein echter Fortschritt. Und während die Regierungen daran scheiterten, eine starke und verpflichtende Rechtsarchitektur zur Reduktion von Emissionen aufzubauen, weil die Zusammenarbeit angeblich zu schwierig sei, gelang es ihnen gleichzeitig, die Welthandelsorganisation zu gründen - einen hochkomplexen Apparat, der den weltweiten Fluss von Waren und Dienstleistungen regelt, mit klaren Vorschriften und schweren Sanktionen für Verstöße.

Die Behauptung, es fehle an technischen Möglichkeiten, ist ebenso wenig nachvollziehbar. Energie aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Wasser ist älter als der Gebrauch fossiler Energien, wird immer billiger und effizienter und lässt sich zunehmend besser speichern." (S.27)

"Mir scheint, wenn wir so viele kollektive Errungenschaften für die Stabilisierung eines Systems opfern können, das das Alltagsleben teurer und gefährlicher macht, sollten wir auch zu einigen wichtigen Änderungen unseres Lebensstils in der Lage sein, um die physikalischen Systeme zu stabilisieren, von denen das gesamte Leben auf der Erde abhängt. Zumal viele der erforderlichen Veränderungen für eine radikale Senkung des Kohlendioxidausstoßes auch die Lebensqualität der meisten Menschen auf der Erde deutlich verbessern würden [...]" (S.29)

"Wenn Historiker auf die letzten fünfundzwanzig Jahre internationaler Verhandlungen zurückblicken, stechen zwei große Gestaltungsprozesse hervor. Zum einen der Klimaprozess, stolpernd und holpernd und letztlich seine Ziele verfehlend. Zum anderen der konzerngesteuerte rasante Globalisierungsprozess, der einen Sieg nach dem anderen erringt: von dem genannten ersten Freihandelsabkommen über die Gründung der Welthandelsorganisation, die zahllosen Privatisierungen in den Ökonomien der ehemaligen Sowjetstaaten, die Umwandlung großer TeileAsiens in riesige Freihandelszonen bis hin den 'Strukturanpassungsprogrammen' in Afrika." (S.30/31)

"[...] die ideologischen Fundamente dieses Projekts wurden erfolgreich verankert, in dem es im Grunde nie darum ging, grenzüberschreitenden Handel zu betreiben - etwa französischen Wein in Brasilien oder amerikanische Software in China zu verkaufen. Es ging immer darum, diese umfassenden Vereinbarungen und eine Reihe anderer Instrumente zur Schaffung eines globalen politischen Rahmens zu nutzen, der den multinationalen Konzernen die maximale Freiheit bot, ihre Waren so billig wie möglich zu produzieren und so regulierungsfrei wie möglich zu verkaufen - und dabei so wenig Steuern wie möglich zu zahlen. [...] Die drei politischen Säulen dieser neuen Ära kennen wir nur allzu gut: Privatisierung im öffentlichen Sektor, Deregulierung des Unternehmenssektors und Senkung der Unternehmenssteuern, finanziert durch Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben. [...] Sehr wenig [...] wurde darüber veröffentlicht, wie der Marktfundamentalismus von Anfang an unsere kollektive Antwort auf den Klimawandel systematisch sabotiert hat, auf eine Bedrohung, die just zu einem Zeitpunkt vor der Tür stand, als diese Ideologie ihre größte Blüte erlebte.

Das Kernproblem lag darin, dass das öffentliche Leben in dieser Zeit derart unter der Knute der Marktideologie stand, dass die unmittelbarsten und auf der Hand liegenden Antworten auf den Klimawandel als politisch geradezu ketzerisch erschienen. Wie konnte eine Gesellschaft zum Beispiel massiv in emissionsfreie öffentliche Verkehrsmittel und Infrastruktur investieren, wenn der öffentliche Sektor systematisch demontiert und verhökert wurde? Wie konnte der Staat die Fossilindustrie stärker regulieren, besteuern und mit Strafen belegen, wenn all diese Maßnahmen als Relikt der kommunistischen Planwirtschaft verunglimpft wurden? Und wie konnte der Sektor der erneuerbaren Energien, die die fossilen Brennstoffe ersetzen sollten, die dafür notwendigen Stütz- und Schutzmaßnahmen erhalten, als 'Protektionismus' ein Schimpfwort war?

Die Klimabewegung hätte versuchen können, gegen die überspannte, so viele vernünftige Maßnahmen blockierende Ideologie anzukämpfen und sich mit anderen Sektoren zusammenzutun, um aufzuzeigen, wie die ungezügelte Konzernmacht die Bewohnbarkeit der Erde aufs Spiel setzt. Stattdessen haben große Teile der Klimabewegung wertvolle Jahrzehnte mit dem Versuch einer Quadratur des Kreises vergeudet, indem sie darauf bauten, dass der deregulierte Kapitalismus, der freie Markt, selbst Lösungen für das Problem finden werde." (S.31/32)

"Unser Wirtschaftssystem und unser Planetensystem befinden sich miteinander im Krieg. Oder genauer gesagt, unsere Wirtschaft steht mit vielen Lebensformen auf der Erde im Krieg, darunter auch dem Menschen. Was unser Klima braucht, um nicht zu kollabieren, ist ein Rückgang des Ressourcenverbrauchs durch den Menschen; was unser Wirtschaftsmodell fordert, um nicht zu kollabieren, ist ungehinderte Expansion. Nur eines dieser Regelsysteme lasst sich verändern, und das sind nicht die Naturgesetze." (S.33)

Schluss mit dem Leugnen

"Aber wie sollen wir mit dieser Angst umgehen, die daher kommt, dass wir auf einem sterbenden Planeten leben, der jeden Tag unbewohnbarer wird? Zuerst einmal: akzeptieren, dass sie nicht mehr verschwinden wird. Sie ist die vollkommen rationale Reaktion auf die unerträgliche Tatsache, dass wir in einer untergehenden Welt leben, in einer Welt, zu deren Tod viele von uns beitragen, indem sie Dinge tun wie Tee kochen und zum Lebensmittelmarkt fahren und ja, auch Kinder bekommen.

Und dann müssen wir sie benutzen. Angst ist eine Überlebensreaktion." (S.41/42)

"Der einzige Trick, die einzige Hoffnung besteht also darin, die Angst vor einer lebensfeindlichen Zukunft durch die Aussicht darauf, etwas viel Besseres zu schaffen als das, was viele von uns je zu hoffen wagten, lindern und ausgleichen zu können.

Ja, wir werden manches verlieren, werden auf manchen Luxus verzichten müssen, ganze Industriezweige werden verschwinden. Und es ist zu spät, den Klimawandel noch aufzuhalten; er ist schon da [...] Aber es ist nicht zu spät, das Schlimmste abzuwenden, und es ist immer noch Zeit, uns selbst zu ändern, damit wir nicht so grausam miteinander umgehen, wenn diese Katastrophen eintreffen. Das ist, wie mir scheint, viel wert.

Denn eine Krise von diesem Ausmaß ist allumfassend, sie ändert einfach alles. Sie ändert, was wir tun können, worauf wir hoffen können, was wir von uns und unseren Politikern verlangen können. Sie bedeutet, dass all die Dinge, die angeblich unvermeidlich sind, aufhören müssen. Und sie bedeutet, dass viele Dinge, die angeblich unmöglich sind, jetzt sofort passieren müssen.

Können wir es schaffen? Ich weiß nur, dass nichts unabwendbar ist. Bis auf die Tatsache, dass der Klimawandel alles ändern wird. Und für eine sehr kurze Zeit haben wir die Art dieser Veränderung immer noch selbst in der Hand." (S.42)

Anmerkungen

  1. Gelegentlich habe ich Hervorhebungen (fetter Kursivdruck) hinzugefügt, um die langen Zeilen etwas übersichtlicher zu gestalten. --Fontane44

Hauptteil

Teil I SCHLECHTES TIMING

1 Die Rechten haben recht:

Die revolutionäre Kraft des Klimawandels 45

Larry Bell schreibt in seinem Buch Climate of Corruption "Der Klimawandel habe [...] 'wenig mit dem Zustand der Umwelt und viel damit zu tun, den Kapitalismus in Ketten zu legen und den American Way of Life im Interesse einer Umverteilung des Reichtums zu transformieren'

Dabei wird so getan, als lehnten die Delegierten die Klimaforschung nur deshalb ab, weil sie deren Erkenntnisse ernsthaft anzweifeln." (S.47)

Larry Bell hat insofern Recht, als kapitalistisches Gewinnstreben und zielstrebige Arbeit für die Vermeidung von CO2-Ausstoß sich in der Tat widersprechen.

"Die erste große internationale Zusammenkunft, die spezifische Ziele zur Reduktion von Emissionen vorgab, war die Weltklimakonferenz über die Veränderungen in der Atmosphäre; sie fand 1988 in Toronto statt unter Teilnahme von über dreihundert Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern aus sechsundvierzig Ländern. Die Konferenz, die die Grundlagen für den Erdgipfel von Rio schuf, stellte einen Durchbruch dar, empfahl sie den Regierungen doch, die Emissionen bis 2005 um 20 Prozent unter den Richtwert von 1988 zu senken. 'Wenn wir diese Herausforderung annehmen', erklärte einer der anwesenden Wissenschaftler, 'können wir den Wandel wahrscheinlich erheblich verlangsamen. Das gibt uns Zeit, um Mechanismen zu entwickeln, durch die die Kosten für die Gesellschaft und der Schaden für die Ökosysteme minimiert werden. Alternativ dazu können wir auch die Augen verschließen, das Beste hoffen und die Rechnung bezahlen, wenn sie fällig wird.'

Hätten wir auf diesen Rat gehört und uns sofort nach der Unterzeichnung der UN -Klimakonvention von 1992 in Rio ernsthaft daran gemacht, dieses Ziel zu erreichen, hätte der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid bis 2005 um etwa 2 Prozent pro Jahr gesenkt werden müssen. Bei diesem Tempo hätten die reichen Länder bequem Zeit gehabt, neue Technologien für den Ersatz fossiler Brennstoffe einzuführen, den Kohlendioxidausstoß in ihren Ländern zu senken und gleichzeitig mitzuhelfen, eine ambitionierte grüne Wende auf der ganzen Welt in Gang zu bringen. Da sich der Moloch der Globalisierung erst später etablierte, hätte das China, Indien und anderen schnell wachsenden Volkswirtschaften die Chance geboten, die Armut auf CO2-armen Bahnen zu bekämpfen. (Das war das erklärte Ziel einer »nachhaltigen Entwicklung«, wie sie auf der Konferenz von Rio verfochten wurde.)

Diese Vision hätte auch in die globale Handelsarchitektur integriert werden können, die Anfang bis Mitte der 1990er Jahre entstehen sollte. Hätten wir unsere Emissionen weiterhin in diesem Tempo reduziert, wären wir bis zur Mitte des Jahrhunderts auf dem Weg zu einer vollkommenm kohlendioxidfreien globalen Wirtschaft gewesen." (S.75)

2 Heißes Geld

Wie der Marktfundamentalismus den Planeten aufheizt 85

Handel sticht Klima

"Wenn es überhaupt eine Hoffnung geben soll, das vereinbarte 2-Grad-Ziel einzuhalten, müssen reiche Volkswirtschaften wie Kanada das Ende der fossilen Energieträger zu ihrer obersten Priorität machen." (S.91)

Freihandelsabkommen bedeuten das Gegenteil. Freier Warenaustausch geht allen innerstaatlichen Regelungen vor.

3 Öffentliche Versorgung und Kostenpflicht für Umweltverschmutzer

Die Überwindung der ideologischen Hindernisse auf dem Weg zu einer neuen Ökonomie 122

"Der Volksentscheid fiel knapp aus, aber am 22. September 2013 eroberten sich die Bewohner der zweitgrößten deutschen Stadt ihre Macht zurück. An jenem Tag stimmten 50,9 Prozent der Wahlberechtigten Hamburgs dafür, ihr Strom-, Gas- und Fernheizungsnetz der Kontrolle der Stadt zu unterstellen und eine Welle des Ausverkaufs an Privatunternehmen rück­gängig zu machen, die über zehn Jahre zuvor stattgefunden hatte.

Dieser Prozess wird etwas schwerfällig als »Rekommunalisierung« oder »Remunizipalisierung« bezeichnet, während die Betroffenen selbst meist einfach von ihrem Wunsch nach »lokaler Macht« sprechen." (S.122)

"Überall auf der Welt prallt die harte Wirklichkeit der Erderwärmung auf die brutale Logik der Austerität, und es wird deutlich, wie unhaltbar die Aushöhlung des öffentlichen Sektors gerade in dem Augenblick ist, in dem wir ihn am dringendsten brauchen." (S.134)

"Im Lauf der 1970er-Jahre gab es weltweit 656 gemeldete Katastrophen - Dürren, Überschwemmungen, extreme Temperaturereignisse, Wald- und Buschbrände und schwere Stürme. In dem Jahrzehnt zwischen 2000 und 2010 wurden 3654 solcher Katastrophen verzeichnet - eine Steigerung um mehr als das Fünffache in kaum mehr als dreißig Jahren. Natürlich kann man nicht sagen, dass die Erderwärmung all das 'verursacht' hat." (S.135/36) "Doch dies sind genau die drei Jahrzehnte, in denen fast jede Regierung der Welt die Funktionsfähigkeit und Stabilität des öffentlichen Sektors ste­tig ausgehöhlt hat. Und dieser Prozess macht Naturkatastrophen wieder und wieder zu von Menschen gemachten Katastrophen. Hurrikane brin­gen Dämme zum Bersten, weil sie vernachlässigt wurden." (S.136)

"Die Fossilunternehmen wissen seit Jahrzehnten, dass ihr Hauptprodukt die Erde erwärmt, haben sich dieser Realität aber nicht angepasst, sondern im Gegenteil jeden Fortschritt gezielt behindert. Heute gehören Öl- und Gasunternehmen immer noch zu den profitträchtigsten Konzernen der Geschichte: Die fünf größten Ölproduzenten strichen zwischen 2001 und 2010 Gewinne in Höhe von 900 Milliarden Dollar ein. ExxonMobil hält mit 41 Milliarden Dollar im Jahr 2011 und 45 Milliarden im Jahr 2012 im­mer noch den Rekord, was die Unternehmensgewinne in den Vereinigten Staaten betrifft. Diese Unternehmen sind einfach deshalb so reich, weil sie die Kosten für die Entsorgung ihres Drecks auf die normalen Menschen in der ganzen Welt abgewälzt haben. Das muss sich grundlegend ändern." (S.140)

Im Zweiten Weltkrieg mussten in Großbritannien und Nordamerika alle Schichten "den Gürtel enger schnallen", "auch die sehr Wohlhabenden". (S.145)

"Diese Auffassung von Gerechtigkeit - dass ein Regelwerk für große und kleine Unternehmen gleichermaßen gilt - fehlt bislang in unserer kollek­tiven Reaktion auf den Klimawandel völlig. Jahrzehntelang wurden die Durchschnittsbürger aufgefordert, ihre Lichter auszuschalten, Pullover anzuziehen und horrende Preise für nichtgiftige Reinigungsprodukte und erneuerbare Energien zu bezahlen - und dann mussten sie zusehen, wie die größten Umweltverschmutzer ihre Emissionen straflos ausweiten durften." (S.146/47)

"Die westlichen Regierungen reagieren auf wirtschaftliche Krisen - entstanden durch hemmungslose Gier und Korruption unter ihren reichsten Bürgern -, indem sie jenen die Bürde auferlegen, die am wenigsten für die gegenwärtige Lage verantwortlich sind. Nachdem sie bereits für die Bankenkrise mit Kürzungen in der Bil­dung, bei der Gesundheitsversorgung und in den sozialen Sicherungssys­temen bezahlt hat, ist es wohl kein Wunder, dass die überbeanspruchte Öffentlichkeit nicht gewillt ist, der Fossilindustrie aus der Krise zu helfen, die diese nicht nur herbeigeführt hat, sondern immer noch verschärft." (S.148)

4 Planen und Verbieten

Die unsichtbare Hand ausschlagen, eine Bewegung in Gang setzen 152

"Richtige Kapitalisten machen keine Pläne [...] sie lassen das Profitmotiv regieren und den Markt in seiner unendlichen Weisheit die beste Gesellschaft für alle schaffen." (S.158)

Wenn eine Regierung aber gezielt arbeiten und ihre eigenen Pläne - wie z.B. Verringerung des CO2-Ausstoßes - erreichen will, muss sie - nach demokratischen Regeln - selber regieren.

"Planen, um Arbeitsplätze zu schaffen

Manche politische Entscheidungsträger haben das bereits begriffen, weshalb viele Klimakonflikte, die vor den Schiedsgerichten der Welthandelsorganisation ausgetragen werden, auf den Versuch von Regierungen von Ontario bis Indien zurückzuführen sind, in ihrer Wirtschaft wieder ein gewisses Maß an Planung einzuführen. Sie halten der Industrie entgegen: Wir unterstützen euch, aber nur, wenn ihr die Kommunen, von denen ihr profitiert, unterstützt, indem ihr gut bezahlte Jobs schafft und mit lokalen Zulieferern zusammenarbeitet.

Die Regierungen verlegen sich deshalb auf Strategien wie »regional kaufen« und »Arbeitskräfte aus der Region einstellen«, weil sie politisch sinnvoll sind. Jede erfolgversprechende Antwort auf die Klimakrise wird nicht nur Gewinner, sondern auch eine erhebliche Anzahl von Verlierern hervorbringen - Industriezweige, die in ihrer jetzigen Form nicht überleben können, und Arbeiter, deren Arbeitsplätze verschwinden werden. Es besteht wenig Hoffnung darauf, die Fossilindustrie bei einer ökologischen Wende an Bord zu holen - die Verluste, die sie erwarten, sind einfach zu hoch. Das gilt aber nicht für die Arbeiter, deren Lohn momentan an die Förderung und Verbrennung fossiler Brennstoffe geknüpft ist. Eins ist klar: Die Gewerkschaften werden erbittert für den Erhalt von Arbeitsplätzen kämpfen - und seien sie auch noch so schmutzig -,solange es keine Alternativen gibt. Bietet man den Belegschaften in den schmutzigen Industrien hingegen gute Stellen in sauberen Industrien an (wie den ehemaligen Automobilarbeitern in der Silfab-Fabrik in Toronto) und bezieht sie aktiv in die ökologische Wende mit ein, kann das zu rasanten Fortschritten führen.

Das Jobpotential ist riesig." (S.158)

5 Jenseits des Extraktivismus

Den inneren Klimaleugner konfrontieren 200

"Als 1962 Rachel Carsons Buch Der stumme Frühling erschien, waren die Bestrebungen, aus der Natur ein Rädchen im Getriebe der industriellen Maschinerie Amerikas zu machen, so aggressiv, so offen militaristisch geworden, dass niemand mehr so tun konnte, als wären Kapitalismus und Umweltschutz vereinbar, solange man nur ein paar grüne Inseln schützte." (S.228)

" 'Die 'Herrschaft über die Natur' ", schrieb Carson, 'ist ein Schlagwort, das man in anmaßendem Hochmut geprägt hat. Es stammt aus der 'Neandertal-Zeit' der Biologie und Philosophie, als man noch annahm, die Natur sei nur dazu da, dem Menschen zu dienen und ihm das Leben angenehm zu machen ... Es ist ein beängstigendes Unglück für uns, daß sich eine so primitive Wissenschaft für ihren Kampf gegen die Insekten mit den modernsten und fürchterlichsten Waffen ausgerüstet und damit die ganze Welt gefährdet hat.'

Carsons Schriften inspirierten eine neue, sehr viel radikalere Generation von Umweltschützern, die sich als Teil eines fragilen weltumspannenden Ökosystems sahen und nicht als dessen Ingenieure oder Mechaniker; daraus entwickelte sich die Disziplin der Umweltökonomik. Und damit wurde die Logik, die dem Extraktivismus zugrunde liegt - dass wir den Planeten Erde für unseren Konsum grenzenlos nutzen können -, innerhalb der etablierten Naturschutzbewegung gründlich in Frage gestellt." (S.229)

"Aber die hartnäckige Weigerung, die Erkenntnisse der Wissenschaft ernst zu nehmen, spricht auch für die Macht der in unserer Kultur verbreiteten Vorstellung, die uns weismacht, dass der Mensch die Erde beherrscht, und nicht umgekehrt. Diese Vorstellung liegt auch der Illusion zugrunde, wir würden in letzter Minute gerettet, und wenn es noch so schiefläuft - sei es durch den Markt, durch philanthropische Milliardäre oder durch einfallsreiche Erfinder, oder am besten durch alle drei gemeinsam. Und während wir darauf warten, graben wir noch tiefer.

Erst wenn wir uns von diesen verschiedenen Formen des magischen Denkens verabschieden, sind wir so weit, den Extraktivismus wirklich hinter uns zu lassen und die Gesellschaften aufzubauen, die wir brauchen - in einer Welt ohne Opferzonen [...]" (S.300)

Teil II MAGISCHES DENKEN

6 Das Übel wird nicht an der Wurzel gepackt

Die fatale Fusion von Big Business und großen Umweltschutzorganisationen 233

"[...] als die ursprüngliche Prärie für Öl- und Gasbohrungen aufgeteilt und zerschnitten wurde, brach die Population der Attawari-Präriehühner zusammen. Als lokale Vogelbeobachter die Verluste beklagten, errichtete die Nature Conservancy, eine gemeinnützige Naturschutzorganisation - die ökologisch wichtige Landstriche erwarb und in Reservate umwandelte - eine Dependance in Texas. Von Anfang an war ihr erklärtes Ziel, die Attawari-Präriehühner vor dem Aussterben zu bewahren.

Nicht einmal für die Nature Conservancy, die schließlich zur reichsten Umweltschutzorganisation der Welt wurde, sollte dies ein leichtes Unterfangen werden. nEins der letzten verbliebenen Brutgebiete war eine fast 10 Quadratkilometer große Fläche im Süden von Texas an der Galveston Bay - Boden, der zufällig Mobil (heute ExxonMobil) gehörte. [...] Im Jahr 1995 kam dann eine überraschend gute Nachricht: Mobil werde sein Land an der Galveston Bay der Naturschutzorganisation schenken - 'die letzte Hoffnung auf Rettung für eine der gefährdetsten Arten der Welt', wie sich dal Unternehmen ausdrückte. Die Nature Conservancy, die dem Gebiet den Namen 'Texas City Prairie Preserve' gab, werde nun 'der Rettung de« Attawari-Präriehuhns ... höchste Priorität' einräumen. Allem Anschein nach war dies ein herausragender Erfolg des Naturschutzes - ein Beleg da­für, dass ein nicht konfrontatives, auf Partnerschaft beruhendes Vorgehen beim Umweltschutz zu handfesten Ergebnissen führen konnte. [...]

Doch vier Jahre später geschah etwas sehr Merkwürdiges. Die Nature Conservancy machte genau das, was sie nach Meinung ihrer Unterstützer verhindern sollte: Sie begann, in dem Gebiet fossile Brennstoffe zu fördern. Im Jahr 1999 beauftragte sie eine Öl- und Gasfirma, im Reservat einen neu­en Gasbrunnen zu bohren, der Einnahmen in Millionenhöhe in die Kassen der Umweltschutzorganisation spülen würde." (S.233/34)

"Etwa drei Jahre lang zog der Vorstoß der Nature Conservancy in die Fossilindustrie nur wenig öffentliche Kritik auf sich. Das aber änderte sich 2002, als ein Artikel in der Los Angeles Times auf die Bohrung aufmerksam machte. Für traditionelle Naturschützer war es, als würden sie entdecken, dass Amnesty International in Guantanamo einen eigenen Gefängnistrakt eröffnet hätte. [...] Die Antwort der Nature Conservancy klang fast genauso wie bei all den Unternehmen der Öl- und Gasbranche: 'Wir können diese Bohrung vor­nehmen, ohne die Präriehühner und ihren Lebensraum zu gefährden.' Doch die Bilanz des Reservats spricht eindeutig eine andere Sprache." (S.235)

7 Keine Heilsbringer

Die grünen Milliardäre werden uns nicht retten 281

"Bei der Jahresversammlung der Clinton Global Initiative 2006 in New York versprach Branson, im Lauf der nächsten zehn Jahre rund drei Milliarden Dollar in die Entwicklung von Biokraftstoffen als Alternative zu Öl und Gas zu stecken sowie in andere Technologien für den Kampf gegen den Klimawandel zu investieren." (S.282)

Was Branson im Endeffekt aufgebracht hat, lag um 300 Millionen Dollar. Außerdem waren die Projekte, für die er es aufbrachte, zum Teil fragwürdig. "Und Richard Branson, der erst versprochen hat, die Abkehr vom Öl zu unterstützen, wirbt nun für Techniken, die darauf abzielen, noch viel mehr Öl zu fördern und zu verbrennen." (S.303)

"Branson hatte seine Chance. (Und Buffett, Bloomberg, Gates und Pickens hatten die ihre.) Die sprunghaft steigenden Emissionen sprechen für sich." (S.308)

"Richard Branson hat wenigstens eins begriffen. Er hat uns ein kühnes Modell gezeigt, das in dem engen uns verbleibenden Zeitrahmen funktionieren kann: Die Profite unserer schmutzigsten Branchen müssen in das große und hoffnungsvolle Projekt gesteckt werden, den Schlamassel zu beseitigen, den sie angerichtet haben. Aber Branson hat auch demonstriert, dass es nicht auf freiwilliger Basis oder nach dem Vertrauensprinzip funktioniert. Es muss gesetzlich verordnet werden - mit genau den strikten Vorschriften, höheren Steuern und Lizenzgebühren, gegen die sich diese Sektoren ununterbrochen gewehrt haben." (S.309/10)

8 Verdunkeln wir die Sonne

Die Lösung für Verschmutzung ist... Verschrnutzung? 312

"Dies ist das merkwürdige Paradox des Geo-Engineering. Ja, es ist ungleich ehrgeiziger und gefährlicher als jedes Ingenieursprojekt, das Menschen jemals gewagt haben. Aber es ist auch sehr vertraut, beinah ein Klischee, als hätten uns die letzten fünfhundert Jahre der Menschheitsgeschichte unausweichlich genau an diesen Punkt geführt. Anders als die Senkung der Emissionen im Einklang mit dem wissenschaftlichen Konsens fordert die Logik des Geo-Engineering nicht, dass wir uns ändern; sie verlangt lediglich, dass wir weiter tun, was wir seit Jahrhunderten tun, nur noch intensiver." (S.324)

"Was mir am meisten Angst macht, ist nicht die Aussicht, auf einem »Designer- Planeten« zu leben, eine Formulierung, die ich auf einer früheren Geo-Engineering-Konferenz gehört habe. Meine Befürchtung ist vielmehr, dass die Ergebnisse in der wirklichen Welt nicht so aussehen werden wie dieser Garten oder wie irgendetwas, was wir bei der technischen Einführung präsentiert bekamen,sondern viel, viel schlimmer. Wenn wir auf eine globale Krise, die durch unsere Verschmutzung verursacht wurde, mit noch mehr Verschmutzung reagieren - und den Dreck in der unteren Atmosphäre durch eine andere Sorte Dreck, die wir in die Stratosphäre pumpen, bekämpfen wollen -, dann könnte sich Geo-Engineering als hochgefährlich erweisen, dann geht es um mehr als die Zähmung der letzten Reste »wilder« Natur. Es kann dazu fuhren, dass die Erde in einer Weise außer Rand und Band gerät, die wir uns nicht vorstellen können. [...]

Sehr viele unserer besten Wissenschaftler haben sich die Lektionen aus den Fehlschlägen der Technik zu Herzen genommen, darunter der fehlende Weitblick, der zum Klimawandel führte, und das ist einer der Hauptgründe, warum es unter Biologen und Klimaforschern immer noch so viel Widerstand gegen Geo-Engineering gibt. Um Sallie Chisholm zu zitieren, eine weltbekannte Expertin für Meeresmikroben am Massachusetts Institute of Technology: 'Verfechter der Forschung zu Geo-Engineering ignorieren hartnäckig die Tatsache, dass bei allem, was wir tun, die Biosphäre agiert (und nicht bloß reagiert), und ihre Entwicklungslinie sich nicht vorhersagen lässt. Sie ist eine lebende, atmende Ansammlung von Organismen (vor allem Mikroorganismen), die sich im Sekundentakt entwickeln - ein 'sich selbst organisierendes, komplexes, anpassungsfähiges System' (so der Fachausdruck). Systeme dieses Typs haben sich herausbildende Eigenschaften, die einfach nicht vorhersehbar sind. [...]" (S.325)

"Nicht nur der Klimawandel diskriminiert, auch Vulkane tun das

Die Förderer des Solar Radiation Management sprechen nebulös über die 'Verteilungskonsequenzen' des Einbringens von Schwefeldioxid in die Stratosphäre und von der »räumlichen Heterogenität« der Auswirkungen. Petra Tschakert, Geographin an der Staatlichen Universität von Pennsylvania, nennt diesen Jargon 'einen beschönigenden Hinweis darauf, dass einige Länder gelinkt werden'. Aber welche Länder? Und in welcher Hinsicht gelinkt?

Verlässliche Antworten auf solche Schlüsselfragen sollten eine Voraussetzung dafür sein, dass man die Anwendung von weltverändernden Techniken auch nur erwägt. Ob diese Antworten überhaupt möglich sind, ist allerdings zu bezweifeln. Keith und Myhrvold können testen, ob sich ein Schlauch besser eignet als ein Flugzeug, um Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu streuen. Andere können von Schiffen oder Türmen aus Salzwasser verspritzen und sehen, ob es Wolken aufhellt. Aber diese Methoden müsste man in einem Maßstab anwenden, der Auswirkungen für das globale Klimasystem hätte, um festzustellen, inwiefern zum Beispiel das Versprühen von Schwefel in der Arktis oder in den Tropen die Niederschläge in der Sahara oder Südindien beeinflusst." (S.327)

"Auch ein kurzer, zeitlich begrenzter Einsatz - etwa das Versprühen von Schwefel für ein Jahr - würde nicht die nötigen Antworten liefern. [...] Kurz gesagt, eine sinnvolle Erprobung dieser Techniken ist nur möglich, wenn man Milliarden Menschen zu Versuchskaninchen macht - jahrelang. Deshalb nennt der Wissenschaftshistoriker James Fleming Geo-Engineering-Pläne 'unerprobt und nicht zu erproben und unvorstellbar gefährlich'." (S.328)

TEIL III AUFBRUCH IN DIE NEUE ZEIT

9 Blockadia

Die neuen Klimakrieger 355

Blockadia ist "eine wandernde transnationale Konfliktzone", die dort entsteht, wo "die Rohstoffindustrie zu graben und zu bohren versucht". (S.357)

10 Liebe wird die Erde retten

Demokratie, Divestment und bisherige Siege 407

"Die ernannten Mitglieder des Joint Review Panel - eine Frau und zwei Männer mit ihren Assistenten - hatten bereits seit Monaten Anhörung über die Auswirkungen der Pipeline abgehalten und würden der kanadischen Bundesregierung eine Empfehlung vorlegen, ob das Projekt weiter verfolgt werden sollte. In Bella Bella, dessen Bevölkerung zu 90 Prozent aus Angehörigen der Heiltsuk First Nation besteht, freute man sich bereits auf ihre Ankunft. […] Gerade die jungen Leute hatten sich besonders engagiert und ihre Schule in eine Organisationszentrale verwandelt. Monatelang hatten die Schüler an den Vorbereitungen für die Anhörung gearbeitet. Bei ihren Recherchen zur Geschichte der Pipeline- und Tankerunglücke stießen sie auf die Katastrophe auf dem Kalamazoo River von 2010 und fanden heraus, dass die damals verantwortliche Firma Enbridge auch den Bau der Northern-Gateway-Pipeline vorantrieb. Die Havarie der Exxon Valdez fand ebenfalls ihr Interesse, da sich diese in einem nördlichen Lebensraum ereignet hatte, der ihrem eigenen ähnelte. Als Gemeinschaft, die vom Fischfang und ganz allgemein vom Meer lebt, beunruhigte sie die Tatsache, dass die Lachse im Prinz-William-Sund in den Jahren nach der Katastrophe krank geworden und die Heringsbestände stark dezimiert worden waren (auch nach über zwei Jahrzehnten haben sie sich noch nicht vollkommen erholt). [...] Die Schüler aus Bella Bella schrieben Aufsätze zu diesen Themen mit Argumenten, die sie bei der Anhörung vortragen wollten, und malten Schilder für den Empfang der Kommission. Einige gingen zwei Tage lang in Hungerstreik, um ganz plastisch zu zeigen, was der Verlust ihrer Nah­rungsquelle bedeuten würde. Noch nie hatte ein Thema die Jugendlichen derart gefesselt, die Lehrer stellten zum Teil sogar fest, dass Drogenmissbrauch und Depressionen zurückgingen. Eine bemerkenswerte Tatsache an einem Ort, der vor nicht allzu langer Zeit eine Selbstmordepidemie unter Jugendlichen erlebt hatte [...]" (S.408/409) (wird fortgesetzt)

11 Ihr und welche Armee?

Die Rechte indigener Völker und die Macht gehaltener Versprechen 442

"Die letzte Verteidigungslinie

Wie wir gesehen haben, spielt die Geltendmachung indigener Rechte eine zentrale Rolle im wachsenden Widerstand gegen fossile Brennstoffe. Den Nez Perces ist es letztlich gelungen, die Sattelschlepper auf dem Highway 12 in Idaho und Montana ZU stoppen; die Northern Cheyenne blockieren nach wie vor den Kohleabbau im Südosten Montanas; die Lummi stellen juristisch das größte Hindernis für den Bau des größten bisher geplanten Kohleexportterminals im pazifischen Nordwesten dar; der Elsipogtog First Nation gelang es, seismische Messungen für Fracking in New Brunswick weitgehend zu unterbinden; und so weiter und so fort. Blickt man noch weiter zurück, umfasste der Kampf der Ogoni und Ijaw in Nigeria eine weitreichende Forderung nach Selbstbestimmung und Ressourcenkontrolle über Land, das ihnen, wie beide Gruppen geltend machten, während der Kolonialgründung Nigerias unrechtmäßig genommen wurde. Kurz gesagt, indigene Land- und Vertragsrechte erweisen sich in vielen der wichtigsten Blockadia-Kämpfe als massive Barriere für den industriellen Extraktivismus.

Und dank dieser Siege begreifen viele Nicht-Ureinwohner allmählich, dass diese Rechte zu den stärksten Instrumenten gehören, die wir haben, um ökologische Krisen zu verhindern. Noch wichtiger, viele Nicht-Ureinwohner sehen, dass wir durch die von indigenen Gruppen geschützte Lebensweise eine Menge darüber lernen können, wie wir eine nicht rein extraktivistische Beziehung zum Land aufbauen können. Das ist ein echter Umbruch in kürzester Zeit. In meiner Heimat ist zu beobachten, wie schnell sich dieser Wandel vollzieht.

Die kanadische Verfassung und die kanadische Charta der Rechte und Freiheiten erkennen die 'Ureinwohnerrechte' an und schützen sie, darunter Vertragsrechte, das Recht auf Selbstverwaltung und das Recht, ihre traditionelle Kultur und ihr Brauchtum zu pflegen." (S.445/46)

12 Der gemeinsame Himmel

Die Atmosphäre als Allmende und die Begleichung unserer Schulden 466

"Die Befürworter der Fossil- und der Atomenergie erzählen uns ständig, die Erneuerbaren seien nicht 'zuverlässig', womit sie nichts anderes sagen, als dass sie uns zwingen, darüber nachzudenken, wo wir leben, und bestimmte Dinge zu beachten, wie etwa, wann die Sonne scheint und wann der Wind weht, wo und wann Flüsse eine starke Strömung haben und wo eine schwache.* Eins aber stimmt: Die Erneuerbaren [...] verlangen, dass wir uns von dem Mythos verabschieden, wir seien die Herren des Universums - die 'Gottesspezies' -, und uns mit der Tatsache vertraut machen, dass wir in einer Beziehung mit der übrigen natürlichen Welt stehen. Diese Beziehung findet aber auf einer neuen Ebene statt und beruht auf einem Wissen über die Natur, das alles, was sich unsere Vorfahren in der präfossilen Zeit auch nur vorstellen konnten, bei weitem übersteigt. Wir wissen genug, um zu wissen, wie viel wir niemals wissen werden, aber auch genug, um ausgeklügelte Methoden zu ersinnen, die von der Natur bereitgestellten Systeme in einer 'partnerschaftlichen Ethik', wie die feministische Historikerin Carolyn Merchant es nennt, zu stärken.

Dieser Aspekt der Gemeinschaftlichkeit fand bei den Schülern von Red Cloud besonders starken Anklang. Landon Means, der vor kurzem das College abgeschlossen hatte und gerade erst wieder in die Reservation zurückgekehrt war, sagte mir, für ihn bedeute die Nutzung der Sonnenenergie eine neue Weltsicht, in deren Mittelpunkt eine 'synergetische Zusammenarbeit' mit der Erde stehe, 'statt sie einfach nur zu benutzen'." (S.474)

13 Das Recht auf Regeneration

Von der Extraktion zur Erneuerung 503

Vom Verschwinden der Kinder in einer wärmer werdenden Welt

Der Klimawandel erzeugt für immer mehr Spezies einen Druck, der ihnen das entscheidende Mittel zum Überleben nimmt: die Fähigkeit, neues Leben zu schaffen und ihre Gene weiterzugeben. Stattdessen wird der Lebensfunke in seinen frühesten, empfindlichsten Tagen ausgelöscht: im Ei, im Embryo, im Nest, im Bau.

Für Meeresschildkröten - eine uralte Spezies, die den für die Dinosaurier tödlichen Asteroideneinschlag überlebte - besteht das Problem darin, dass der Sand, in dem die Weibchen ihre Eier vergraben, zu heiß wird. Teilweise erreichen die Eier tödliche Temperaturen, und viele Junge schlüpfen erst gar nicht, oder es schlüpfen hauptsächlich Weibchen. Mindestens einer Korallenspezies droht eine ähnliche, klimabedingte Fortpflanzungskatastrophe: Wenn die Wassertemperatur über 34 Grad Celsius steigt, werden Eier nicht mehr befruchtet. Gleichzeitig machen die hohen Temperaturen riffbildende Korallen unter Umständen so hungrig, dass sie die eigenen Eier und Spermien resorbieren.

Die Austern an der Pazifikküste von Oregon und Washington State leiden seit einigen Jahren unter einer rapiden Versauerung des Wassers, was zur Folge hat, dass die Larven in den ersten Lebenstagen keine Schalen bilden können, was zu einem Massensterben führt. Richard Feely, Meeresforscher bei der National Oceanic and Atmospheric Administration, erklärt, vor dem Beginn des Sterbens 'wussten wir, dass viele ausgewachsene Organismen sensibel aufVersauerung reagieren. Was wir nicht wussten, war, dass die Larvenstadien dieser Organismen noch weitaus sensibler sind.' Im Jahr 2014 hatte dasselbe Problem zum Zusammenbruch der Jakobsmuschelbestände vor der Küste von British Columbia geführt. Einer der größten Muschelzuchtbetriebe an der Küste berichtete, allein in seinen Beständen seien rund 10 Millionen Muscheln abgestorben.

Auch an Land trifft der Klimawandel die Allerjüngsten zuerst und am härtesten. In Westgrönland ist die Geburten- und überlebensrate bei Rentierkälbern dramatisch zurückgegangen. [...] (S.520/521)

Dass solche eigentlich auf der Hand liegenden Sachverhalte immer wieder übersehen werden, ist in gewisser Weise logisch. Wir sind es gewohnt, das Aussterben einer oder mehrerer Arten als einen Prozess zu denken, der Lebewesen aller Altersgruppen betrifft - der Asteroid, der die Dinosaurier auslöschte, oder die Methoden unserer Vorfahren, die verschiedene Tiere so lange jagten, bis keines mehr übrig war. Natürlich vernichten wir noch heute auf diese Weise Arten. Aber mit fossilen Brennstoffen können wir die Lebendigkeit der Erde auf noch heimtückischere Weise abtöten: durch die störende Einwirkung auf die Fähigkeit erwachsener Lebewesen, sich überhaupt fortzupflanzen, und indem wir den Nachkommen schon in den ersten Tagen das Überleben unmöglich machen. Keine Leichen, nur Abwesenheit - wieder eine Handvoll Nichts." (S.522)

Schluss

Schaltjahre: Gerade noch genug Zeit für das Unmögliche 539

"Der Hauptgrund, der Menschen daran hindert, mit der gebotenen Tatkraft auf die Klimakrise zu reagieren, besteht weder darin, dass es zu spät wäre, noch darin, dass wir nicht wüssten, was zu tun ist. Wir haben genügend Zeit, und es mangelt weder an Ökotechnik noch an grünen Vorhaben. Dass so viele von uns geneigt sind, Brad Werners provokative Frage[1] mit Ja zu beantworten, liegt vielmehr daran, dass wir - zu Recht - fürchten, unsere poli­tische Klasse könnte sich als unfähig erweisen, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und die bereits vorhandenen Pläne in die Tat umzusetzen, denn dazu müsste sie sich von den Grundprinzipien der alles erstickenden Ideologie des freien Markts verabschieden, die ihren Aufstieg zur Macht ermöglicht hat.

Aber es liegt nicht nur an den Menschen, die wir ins Amt wählen und über die wir uns später beklagen - es liegt an uns. [...] Denn wenn wir die knisternden und rauschenden Schwarz-Weiß-Filme über Generalstreiks in den 1930er [...] Jahren sehen, können wir uni als Bürger der postindustriellen Gesellschaft einfach nicht vorstellen, noch einmal eine Mobilisierung in dieser Intensität und Stärke zu erleben." (S.552)

"Mit anderen Worten, wir sind das Produkt unserer Zeit und eines al­les beherrschenden ideologischen Projekts. Eines Projekts, bei dem uns eingetrichtert wurde, wir seien nichts anderes als selbstsüchtige Einzelwe­sen, die nur ihren beschränkten Vorteil maximieren wollen, während sie von einer größeren Gemeinschaft abgeschnitten bleiben, die dank ihrer gebündelten Fähigkeiten große und kleine Probleme lösen könnte. Dieses Projekt hat auch dazu geführt, dass unsere Regierungen über zwanzig Jah­re hilflos zusahen, wie aus der Klimakrise als Problem unserer Enkel ein Problem wurde, das bereits heute an unsere Tür klopft.

All dies ist der Grund dafür, dass jeder Versuch, gegen die Erderwärmung vorzugehen, fruchtlos ist, wenn er nicht als Bestandteil einer grö­ßeren Auseinandersetzung um Weltanschauungen verstanden wird, als ein Prozess der Neuformulierung und Neuerfindung des Kollektiven, Kommunalen, der Allmenden, der Zivilgesellschaft und der Bürgerrech­te, Bereiche, die jahrelang Angriffen ausgesetzt waren und vernachlässigt wurden. Das Überwältigende an der Klimakrise ist nämlich, dass zu ihrer Überwindung sehr viele Regeln gleichzeitig gebrochen werden müssen - Regeln, die in nationale Gesetze und internationale Handelsabkommen eingeflossen sind, aber auch mächtige, ungeschriebene Regeln, nach denen eine Regierung, will sie an der Macht bleiben, keine Steuern erhöhen oder große Investitionen ablehnen darf, und seien deren Folgen noch so zerstö­rerisch. Und natürlich wird auch jede Regierung abgestraft, die plant, jene Bereiche unserer Wirtschaft allmählich abzubauen, die uns alle in Gefahr bringen. [...]

Wie also verändert man eine Weltsicht, eine unhinterfragte Ideologie? Wichtig ist dabei die Entscheidung, welche politischen Kämpfe wir zuerst führen wollen - wegweisende Schlachten, die nicht nur darauf abzielen, Gesetze zu novellieren, sondern Denkmuster zu verändern. (S.552/53)

"Vielleicht liegt ja der Grund dafür, dass viele passiv bleiben, gar nicht dar­in, dass wir zu selbstsüchtig wären, um uns um ein abstraktes, scheinbar abgelegenes Problem zu kümmern; vielleicht handeln wir ja deshalb nicht, weil wir zutiefst von unserer Sorge überwältigt sind? Könnte es nicht sein, dass wir uns nicht deshalb still verhalten, weil wir mit der Situation ein­verstanden wären, sondern deshalb, weil es uns an kollektivem Raum fehlt, in dem wir den brutalen Schrecken des Ökozids bloßlegen könnten? Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, sollte jedenfalls niemand ganz auf sich gestellt erleben." (S.554)

"Und das ist eine weitere Lehre aus den transformativen Bewegungen der Vergangenheit: Sie alle hatten begriffen, dass der Prozess des Wertewan­dels - auch wenn er vielleicht schwer greifbar und schwer zu quantifizieren schien - von zentraler Bedeutung für ihre Arbeit war. Und so träumten sie in der Öffentlichkeit, zeigten der Menschheit eine bessere Variante ihrer selbst, schufen mit ihrem Verhalten andere Werte, setzten dabei politische Ideen frei und veränderten die Vorstellungen davon, was möglich war. Und sie scheuten sich nicht, sich der Sprache der Moral zu bedienen - die angeblich pragmatischen Argumente von Kosten und Nutzen beiseitezu­schieben und stattdessen von richtig und falsch, von Liebe und Empörung zu sprechen." (S.555)

"Vielmehr konnten sie sich durchsetzen, weil sie betonten, dass diese Rechte und Freiheiten un­schätzbar seien und jedem von uns qua Geburt zustünden. [...] Die Klimaschutzbewegung muss ihre moralische Stimme auf der Welt­bühne erst noch finden, aber [...] Die moralisch klarsten Äußerungen kommen oft von jungen Menschen, die auf der Stra­ße und zunehmend auch vor Gerichten Generationengerechtigkeit ver­langen." (S.557)

"Mit einem Schlag alle

In den letzten Jahren haben wir mehrmals erlebt, dass Teile der Gesell­schaft plötzlich aufstehen und sagen, es reiche ihnen, sie hätten genug von all den Experten und Prognostikern. Man denke nur an [...]

Wie oft habe ich gehört: »Am einen Tag haben ich und meine Freunde noch von Vorhaben geträumt, an die wir kaum zu glauben wagten, und am nächsten Tag schien das ganze Land mit uns auf dem Platz zu stehen.« Die eigentliche Überraschung für alle Beteiligten ist, dass sie viel mehr sind, als man ihnen weisgemacht hat - dass sie sich nach mehr sehnen und es mehr Gleichgesinnte gibt, als sie es sich je vorgestellt haben. Keiner weiß, wann sich wieder ein solcher Augenblick auftut [...]" (S.558)

"Viele der Hindernisse, die eine ernsthafte Antwort auf die Krise im Keim erstickten, sind heute weit­gehend abgetragen. Die Ideologie des freien Markts ist durch Jahrzehn­te zunehmender Ungleichheit und Korruption diskreditiert und hat viel von ihrer Überzeugungskraft (wenn auch nicht von ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht) verloren. Und das magische Denken in all seinen Formen, das wertvolle Energie gebunden hat - vom blinden Glauben an technische Wunder bis hin zur Verehrung wohltätiger Milliardäre - fesselt die Menschen immer weniger. [...]

Außerdem sind wir längst nicht mehr so voneinander isoliert, wie viele es noch vor zehn Jahren waren [...]" (S.559)

"Der nächste historische Augenblick muss dazu genutzt werden, die Welt, wie sie ist, anzuprangern und tempo­räre Nischen, befreite Zonen zu schaffen. Er muss zum Katalysator für den wirklichen Aufbau einer Welt werden, in der wir alle sicher leben können." (S.560)

Anmerkungen

  1. Die Frage, die Professor Werner aus Kalifornien 2012 stellte, war 'Is Earth F**cked? ' ("Ist die Erde am Ende?") (sieh S.540)

Zur Behandlung im Unterricht

Arbeitsfragen

Zur Einleitung

  • Wie erklärt Naomi Klein, dass das Phänomen menschlich verursachter Klimawandel nur registriert wird, aber nicht ernsthaft dagegen vorgegangen wird?
  • Was hat ihre Einstellung verändert?
  • Was meint sie mit ihrer Aussage, dass "die Klima­bewegung erwachsen wurde"?
  • Gibt es Gründe, weshalb gegen den Klimawandel nicht genügend vorgegangen wird, die Klein nicht nennt?
  • Wen meint sie mit dem "wir" von dem sie spricht? Gibt es dieses "wir"?
  • Gibt es Alternativen zu der Strategie, die sie andeutet?

Zum Schluss

  • Weshalb wird - nach Klein - nicht ernsthaft gegen den Klimawandel vorgegangen?
  • Ist das eine zureichende Erklärung oder gibt es noch andere Gründe?
  • Sind Menschen nicht doch in der Tat im Prinzip Individuen und insofern "selbstsüchtige Einzelwesen"?
  • Wie verändert man "eine unhinterfragte Ideologie"?
  • Ist eine andere Veränderung wichtiger?
  • Woher nimmt Klein ihren Optimismus?
  • Welche Bewegungen und Vorgänge könnte sie als Beispiel genannt haben?
  • Ist der Optimismus gerechtfertigt?
  • Welche Beispiele gibt es für "historische Augenblick(e)", wo etwas Wichtiges möglich war, das lange unmöglich war und das inzwischen so nicht mehr geschehen könnte?
Vergleichen Sie den Originaltitel von Kleins Buch "This Changes Everything" mit der Übersetzung "Entscheidung". Welcher ist hoffnungsvoller, welcher scheint Ihnen angemessener?

Naomi Klein zum Thema


profil: Eine andere Welt schien freilich möglich: Es war Anfang 2009, Barack Obama trat sein Amt als US-Präsident an, die Finanzindustrie lag im Sterben, die Autoindustrie auch, und die öffentliche Hand investierte Milliarden. Und nichts hat sich verändert. Was ist schiefgegangen?
Klein: Es ist immer noch ziemlich schwierig für mich, daran zu denken und nicht darüber zu verzweifeln. Aber ich hasse Obama nicht, ich glaube nicht, dass er böse ist oder ein besonders untalentierter Politiker. Obama ist eben ein Kind seiner Zeit - ein neoliberaler Politiker. Er hat auch nie etwas anderes behauptet. Ich glaube, dass er schlicht in Panik geriet, als er die Gelegenheit serviert bekam, die Automobilindustrie zu kontrollieren, die Banken zu kontrollieren. Er wollte das nicht auf sich nehmen. Er wollte die Gelegenheit nicht nutzen, genau das zu tun, wofür er gewählt worden war - die echte Wirtschaft zu stärken und die spekulative zu verkleinern.
profil: Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?
Klein: Dass die Veränderung nie von oben kommen wird, sondern unten anfangen muss, dass von unten her deutlich gemacht werden muss, wie eine gerechte Abkehr von fossilen Brennstoffen aussehen kann. Es gibt an der Schnittmenge von Anti-Austeritäts-Aktivisten, Arbeiterbewegung und Klimabewegung ein echtes Potenzial für neue Visionen von einem gerechteren Gesellschaftssystem, das die ökonomische Krise und die Klimakrise beenden kann.


[...] Mir ist klar geworden: Alle diese Kämpfe müssen vereint werden, um den Klimawandel zu stoppen. Denn er ist nicht allein eine Frage von Temperaturen und CO2-Konzentrationen in der Luft. Er ist eine soziale Frage, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. [...]
Um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft, wir müssen den Einfluss der Konzerne zurückdrängen, Freihandelsabkommen blockieren. Es müssen große Summen in den Umbau der Agrarwirtschaft und der öffentlichen Infrastruktur fließen, die Energie- und Wasserversorgung und den Umbau der Städte, um den Verkehr zu vermindern. Ein riesiges Programm, dass schnell umgesetzt werden muss. Ist das möglich? Natürlich. Ist das möglich, ohne die Grundregeln des deregulierten Kapitalismus anzugreifen? Keinesfalls.
Was sind diese „Grundregeln“?
Privatisierung des öffentlichen Sektors, Deregulierung der Unternehmen, Senkung von Einkommens- und Unternehmenssteuern bei gleichzeitigen Einschnitten bei öffentlichen Ausgaben. Und daneben das Primat der Rendite – nichts geschieht, wenn es sich nicht für Investoren lohnt. All dies ist unvereinbar mit einem effektiven Kampf gegen den Klimawandel. Unser Wirtschaftsmodell fordert ungehinderte Expansion. Unser Klima braucht einen Rückgang des Ressourcenverbrauchs. Nur eines dieser Regelsysteme lässt sich verändern.

Rezensionen

  • Rezension von Thomas Meyer: Ganz düstere Aussichten in: SZ 9.3.15
"Die Mischung aus nüchterner Analyse und drastischer Darstellung gibt ihrer imponierenden Streitschrift den Zunder.Klein geht von der vielfach schon belegten Voraussetzung aus, dass die politische Einstellung eines Menschen seine Position zum Klimawandel bestimmt. Mehr als das: Die Leugner des Klimawandels sind Opfer eines komplexen Geflechts aus Kohärenzbedürfnissen und Angst.
Wie Klein zeigen kann, ist es nämlich Industrie und Politikern wichtig, dass eingeschlagene Wege, wenn sie schon nicht richtig sind, immerhin durchgesetzt werden müssen. Warum? Weil sie nun einmal gewählt wurden. (Auf diese Weise werden auch Geschichtskonstruktionen – etwa der „American Way of Life“ – zu quasireligiösen Überzeugungen, deren Glaubenssätze verteidigt werden müssen.) So wird nachträglich eine Übereinstimmung zwischen Absicht und Wirkung erzielt. Diesem Zusammenspiel widmen gigantische Denkfabriken und Labore ihre ganze Aufmerksamkeit.
Drohen dann Ereignisse, wie etwa Missernten, die Strategien zu widerlegen, werden Produkte entwickelt, die sich den neuen Klimabedingungen anpassen oder diesen trotzen."

Bibliographische Angaben

Naomi Klein: Die Entscheidung Kapitalismus vs. Klima, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015 ISBN 9783100022318

Linkliste

zu Naomi Klein

Aktuelles zu Klimawandel und Klimapolitik

"Der ehemalige südafrikanische Bürgerrechtler und heutige Greenpeace-Chef Kumi Naidoo über die Schuld des Kapitalismus am Klimawandel, das Kämpfen und das Glück."

Siehe auch