Die toten Seelen

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Die toten Seelen ist ein Roman von Nikolaj Gogol (1809–1852).

Inhaltsverzeichnis

Zur Handlung

Pawel Iwanowitsch Tschitschikow wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, erhält nach entbehrungsreicher Jugend einen kleinen Büroposten in einem abgelegenen Oberfinanzamt, steigt mithilfe von Fleiß, Verzicht, Schmeicheleien, später auch mit angenehmen Umgangsformen, gewandtem Auftreten und Geschäftstüchtigkeit zum Abteilungsleiter und Kommissionsmitglied auf. Zuerst bekämpft er die Korruption, verfällt ihr aber schließlich auch, lebt in Luxus und verliert nach der Aufdeckung Stellung, Besitz und Geld. Das Gleiche wiederholt sich nach abermals entbehrungsreicher Zeit beim Aufstieg innerhalb des Zollamts, nur dass ihm nach der Aufdeckung der Korruption diesmal immerhin zehntausend Rubel, eine Kutsche und zwei Diener bleiben. Er schlägt sich u.a. als Winkeladvokat durch, beglaubigt in dieser Funktion den Verkauf von Leibeigenen und erfährt dabei, dass einige schon tot sind. Das bringt ihn auf eine Geschäftsidee, die zwar verboten ist, aber mithilfe der Verschwiegenheit der Geschäftspartner in der juristischen Praxis durchläuft.

Im damaligen Russland wurden verstorbene Leibeigene, die man auch als „Seelen“ bezeichnete, bis zur nächsten Revision nicht aus den Listen gestrichen und waren somit auf dem Papier nicht als Tote und damit wertloser Besitz zu identifizieren (siehe Revisionsseelen). Für diese „toten Seelen“ mussten von ihren Besitzern auch noch Steuern entrichtet werden, was gerade in Krisenzeiten mit hoher Sterblichkeit (Hunger, Seuchen) zu absurden Belastungen für die dann ohnehin gebeutelten Gutsbesitzer führte. Da der Staat also keinen Überblick über nach der letzten Revision gestorbene Leibeigene hatte, war es zudem möglich, diese rechtlich beglaubigt zu kaufen. Gutsbesitzer konnten sowohl ihre Höfe als auch ihre Leibeigenen an den Staat verpfänden. Mit dem Umsetzen dieser Betrugsabsicht setzt der Roman ein.


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Textbeispiele

Tschitschikow vor und nach dem Ball

[...] Die Schreiberin berichtete ferner, daß sie die Zeilen ihrer zärtlichen Mutter, die schon vor fünfundzwanzig Jahren gestorben sei, mit ihren Tränen benetze; Tschitschikow wurde aufgefordert, in die Wüste zu ziehen und die Stadt, wo die Menschen in ihren dumpfen Mauern keine Luft atmen, für immer zu verlassen; das Ende des Briefes drückte sogar absolute Verzweiflung aus; er schloß mit den Versen:

Zwei Turteltauben zeigen
Dir meiner Asche Haus
Und girren in den Zweigen:
Sie starb und weinte sich die Augen aus!

In der letzten Zeile stimmte zwar das Versmaß nicht, allein das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit geschrieben. Es fehlte jede Unterschrift: weder Name, noch Vorname, noch das Datum waren angegeben. Im Postskriptum hieß es nur, daß das eigene Herz des Adressaten die Schreiberin erraten müsse und daß auf dem morgen stattfindenden Ball beim Gouverneur das Original selbst anwesend sein werde. Das interessierte ihn außerordentlich. In der Anonymität lag so viel Verlockendes und die Neugierde Reizendes, daß er den Brief noch ein zweites und ein drittes Mal las und schließlich sagte: »Es wäre doch recht interessant zu erfahren, wer ihn geschrieben hat!« Mit einem Wort, die Sache schien eine ernste Wendung nehmen zu wollen; länger als eine Stunde dachte er darüber nach; dann spreizte er die Arme, neigte den Kopf und sagte: »Der Brief ist doch sehr kunstvoll geschrieben!« Zuletzt faltete er den Brief selbstverständlich zusammen und legte ihn in die Schatulle neben einen Theaterzettel und eine Familienanzeige, die seit sieben Jahren an der gleichen Stelle lag. Etwas später brachte man ihm tatsächlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur; solche Bälle sind in den Gouvernementsstädten durchaus gewöhnlich: denn ohne einen Ball kann der Gouverneur gar nicht auf die Liebe und den Respekt des Adels rechnen.

Alles nicht zur Sache Gehörige wurde sofort zur Seite geschoben, und alle seine Sinne richteten sich auf die Vorbereitungen zum Ball; denn er hatte in der Tat viele anspornende Gründe dafür. Dafür ist aber wohl seit der Erschaffung der Welt noch nie soviel Zeit auf die Toilette verwendet worden. Eine ganze Stunde war nur dem Betrachten des Gesichts im Spiegel gewidmet. Er versuchte, ihm eine ganze Menge der verschiedensten Ausdrücke zu verleihen: bald einen würdigen und soliden, bald einen respektvollen mit einem gewissen Lächeln, bald einen einfach respektvollen ohne Lächeln; er machte gegen den Spiegel mehrere Verbeugungen, die er mit einigen unartikulierten Lauten begleitete, die wie Französisch klangen, obwohl Tschitschikow kein Wort Französisch verstand. Er bereitete sich selbst eine Menge angenehmster Überraschungen, indem er sich mit den Augenbrauen und mit den Lippen zuzwinkerte und sogar einige Bewegungen mit der Zunge machte; was macht der Mensch nicht alles, wenn er allein ist, sich seiner Schönheit bewußt und obendrein auch überzeugt ist, daß niemand durch eine Türspalte hereinguckt. Zuletzt streichelte er sich leicht das Kinn und sagte: »Ach, du nettes Kerlchen!« Hierauf begann er sich anzukleiden. Während des ganzen Ankleideprozesses befand er sich in der zufriedensten Stimmung: als er die Hosenträger anknöpfte und sich die Krawatte umband, machte er Kratzfüße und Verbeugungen; obwohl er nie im Leben getanzt hatte, machte er dennoch einen Luftsprung. Dieser Luftsprung hatte auch einige kleine harmlose Folgen: die Kommode erzitterte, und die Bürste fiel vom Tisch.

Sein Erscheinen auf dem Ball erregte ein ungewöhnliches Aufsehen. Das ganze Publikum wandte sich ihm zu – der eine mit Karten in der Hand, der andere im interessantesten Punkte eines Gesprächs, nachdem er gerade gesagt hatte: »Und die niedere Instanz des Kreisgerichts antwortete darauf . . .« Was aber das Kreisgericht antwortete, das verschwieg er und eilte unserem Helden entgegen, um ihn zu begrüßen. »Pawel Iwanowitsch! Ach, mein Gott, Pawel Iwanowitsch! Liebster Pawel Iwanowitsch! Verehrtester Pawel Iwanowitsch! Mein Herz, Pawel Iwanowitsch! Da sind Sie also, Pawel Iwanowitsch! Da ist er, unser Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie sich ans Herz drücken, Pawel Iwanowitsch! Laßt ihn mal mir, ich will ihn recht fest umarmen und küssen, meinen teuren Pawel Iwanowitsch!« Tschitschikow fühlte sich zugleich von mehreren Menschen umarmt. [...]

»Was freuen sich diese Narren? Im Gouvernement ist eine Mißernte und eine Teuerung, und sie denken nur an die Bälle! Diese Freude: putzen sich in Weiberlumpen! Ein Kunststück, daß manche für mehr als tausend Rubel solcher Lumpen am Leibe hat! Das geht doch auf Kosten der Abgaben, die die Bauern zahlen, oder, was noch ärger ist, auf Kosten unseres eigenen Gewissens. Alle wissen, warum unsereins sich bestechen läßt oder sonstwie sündigt: alles nur, um der Frau einen teuren Schal oder eine Robe zu kaufen, weiß der Teufel, wie alle diese Dinge heißen! Und wozu das alles? Damit irgendeine Hure Ssidorowna nicht sage, die Postmeisterin habe ein besseres Kleid angehabt – und dieser Spaß kostet tausend Rubel. Sie schreien: ein Ball, ein Ball, wie lustig! So ein Ball ist einfach eine Schweinerei, er ist ganz gegen den russischen Geist, gegen die russische Natur, hol's der Teufel: ein erwachsener, mündiger Mann springt plötzlich ganz in Schwarz, glatt wie ein gerupfter Teufel, heraus und wirft die Beine hin und her. Ein anderer steht neben seiner Dame, unterhält sich dabei mit einem anderen Herrn über eine wichtige Sache und beschreibt zur gleichen Zeit mit den Beinen wie ein junger Bock allerlei Figuren nach rechts und nach links ... Das kommt alles von der Nachäfferei! Weil der Franzose mit vierzig Jahren noch dasselbe Kind ist, wie er es mit fünfzehn gewesen, so müssen wir auch so sein! Nein, wirklich ... nach jedem Ball fühle ich mich so, als ob ich irgendeine Sünde begangen hätte; ich möchte sogar später nicht mehr daran denken.


Nicolai Gogol: Die toten Seelen, Kapitel 8

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