Diskussion:Pädagogik

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Thorsten S.: Was hat die Pädagogik in den letzten 100 Jahren geleistet?
Zitat: Ich glaube, jede Generation hat ihre eigenen Vorstellungen von Werten und Normen und werden auch dadurch bestimmt, in welcher (wirtschaflichen) Lage sich eine Gesellschaft befindet. Was bedeutet das für die Pädagogik? Im Wandel der Erziehungsziele bezüglich von Werten und Normen ist das ein Riesenproblem. Als Lehrer kann ich nicht wissen, wie die gesellschaftlichen Normen in 20 Jahren aussehen werden. Es kommt noch ein weiteres Problem hinzu und zwar die Schwierigkeit seine persönlichen Ansichten (auch Überzeugungen, Beliefs oder Glaubenssätze) zugunsten neuer Ansichten aufzugeben. Die eigenen Werte sind solche Überzeugungen. Wer schon mal versucht hat eine schlechte Angewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich schreibe. [...] Diese nicht-pädagogischen Normauflagen sind die hinter den (Erziehungs-) Zielen liegenden Überzeugungen/Soll-Vorstellungen, die sich in längeren Zeitabschnitten entwickelt haben und für einen größeren Kulturkreis gelten. Als Norm gelten zum Beispiel die Menschenrechte, die Zehn Gebote [...] oder im engeren Sinn können Normen auch für kleinere Gruppen gelten wie Lehrer oder Eltern (Zum Beispiel man soll seine Kinder gesund ernähren.) Normative Zwänge werden aber nicht von der Pädagogik generiert. Die normativen Zwänge stehen eher der pädagogischen Aufgabe entgegen und [...] gehen dem Lehrer im Prinzip aber nichts an. Thorsten S.

Ich bin mit dem angeblichen Gegensatz von pädagogischen Raum und Gesellschaft überhaupt nicht zufrieden. Seit wann ist Menschenwürde ein normativer Zwang?
Wenn von Hentig anstrebt, dass Kinder erfahren können “verschieden und doch wichtig, in der Minderheit und doch nicht im Abseits, in der Mehrheit und doch nicht die Norm zu sein” Die Menschen stärken, die Sachen klärenWikipedia-logo.png ist das etwas, was nicht zu den Menschenrechten passt? Oder habe ich zu oberflächlich gelesen? --Fontane44 20:22, 22. Apr. 2009 (UTC)
Wenn das Thema Eigenstruktur der Erziehung heißt, wird freilich mehr daran gedacht sein, dass in der Tat auch moderne Erziehungswissenschaft anstrebt, dass Kind und Jugendliche Selbstwirksamkeit erleben. In einer Gesellschaft, wo das den Erwachsenen nur noch zu immer geringeren Prozentsätzen im Beruf möglich ist und wo Selbstwirksamkeitserfahrungen immer mehr in der Freizeit gesucht werden, bedarf es dafür in der Tat eines pädagogischen Schonraums. - Und in der Prüfung ist es immer problematisch, wenn der Prüfling Gedankenbahnen einschlägt, auf die der Prüfer noch nicht vorbereitet ist. Insofern bin ich bereit, zuzugeben, dass die Polis, die Hartmut von Hentig sich für seine Schüler wünscht, einen Schonraum darstellt, da er sie sich basisdemokratisch strukturiert vorstellt, weit entfernt von unserer heutigen Wirklichkeit indirekter Demokratie. - Zufrieden? --Fontane44 21:34, 22. Apr. 2009 (UTC)
Hallo Fontane44! Erst einmal freue ich mich das Du das Thema aufgegriffen hast! Und es zeigt einmal mehr wie schön es ist heute überregional diskutieren zu können. Zwei kleine Fragen vorweg: 1. Gehe ich davon aus das Fontane44 und Fontanefa dieselbe Person ist. Ich war da etwas irritiert. 2. Ich bin in einer "Wiki"-Diskussion noch nicht geübt, was die Formalien angeht. Wie werden die Einschübe gehandhabt? Wenn wir nach jedem Wechsel weiter einschieben kommen wir irgendwann hinten an. ;-) Das dazu.
Für ein besseres Verständnis für alle die mitdiskutieren wollen, ich habe mich nicht auf von Hentig bezogen, sondern in erster Linie auf Herwig Blankertz Ich zitiere am besten einmal den Absatz:
<Thema der Pädagogik ist die Erziehung, die den Menschen im Zustand der Unmündigkeit antrifft. Erziehung muß diesen Zustand verändern, aber nicht beliebig, sondern orientiert an einer unbedingten Zwecksetzung, an der Mündigkeit des Menschen. Wo aber findet die Pädagogik den Maßstab für Mündigkeit? Nach Auskunft der Geschichte der europäischen Pädagogik ist der Maßstab nicht willkürlich gesetzt, sondern in der Eigenstruktur der Erziehung enthalten. Diese Struktur steht in Spannung zu den die Erziehung überformenden und überwältigenden, nicht pädagogischen Normauflagen. Doch auch dann, wenn die Erwachsenen nur die Bewahrung des Vorgegebenen wünschen, nur Gehorsam, Einübung, Nachahmung und Nachfolge verlangen, liegt das Ziel in der Freigabe der Erzogenen. Denn der Nachwuchs muß das Tradierte schließlich selbständig, in eigener Verantwortung und unter Berücksichtigung im einzelnen nicht vorhersehbarer Situation verwalten, interpretieren und verteidigen. Wie die kommende Generation ihren Auftrag erfüllen und bewältigen wird, kann inhaltlich von den Erziehern nicht vorweggenommen werden und ist darum prinzipiell nicht operationalisierbar. Wer pädagogische Verantwortung übernimmt, steht im Kontext der jeweils gegebenen historischen Bedingungen unter dem Anspruch des unbedingten Zweckes menschlicher Mündigkeit - ob er das will, weiß, glaubt oder nicht, ist sekundär. Die Erziehungswissenschaft aber arbeitet eben dieses als das Primäre heraus: Sie rekonstruiert die Erziehung als den Prozeß der Emanzipation, d.h. der Befreiung des Menschen zu sich selbst.>

<Herwig Blankertz, Die Geschichte der Pädagogik: Von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Büchse der Pandora, 1982. S.306f) ISBN 3881780556 >

Zu Deiner ersten Frage ob Menschenwürde ein normativer Zwang sei. Wenn Du mit Menschenwürde die Menschenrechte meinst, ja. Die Zehn Gebote oder die Norm, dass man die Wahrheit sagen soll auch. Normen lassen sich als eine übergeordnete Auffassung, von einer größeren Gruppe verstehen. (Gudions 2003)
Den Satz von von Hentig kann ich so schnell nicht zuordnen, ich glaube er führt ein wenig von dem Genanken von Blankerz weg, was meinst Du? Ich hab den entscheidenden Absatz von Blankerz oben ja offen gelegt.
Zu den notwendigen Schonraum: Teils,Teils, wir haben nun mal diese Perforation ins Klassenzimmer. Als Erzieher kann ich damit auf dreierlei Art und Weisen verfahren. 1. Ich lasse eine Durchgängigkeit nicht zu. 2. Ich gehe offen damit um, und mache meinen Unterricht somit öffentlich. 3. Ich gehe Schritt für Schritt vom Geschlossenen zum Offenen hin. Mir gefällt persönlich Variante 3. Wenn ich zur Mündigkeit erziehen möchte/muss kann ich nicht so tun als wenn es diese Perforation im Beruf/Alltag nicht gäbe. Darauf müssen Schüler vorbereitet werden, ansonsten wäre es ein großer Sprung ins kalte Wasser und die Pädagogen müssten sich die Kritik gefallen lassen die Schüler nicht in Mündigkeit entlassen zu haben. Ich hoffe wir beide meinen das Gleiche und diskutieren nicht einander vorbei. Freundlich grüßt--ThS01 07:22, 23. Apr. 2009 (UTC)
@ThS01: Zunächst: Du hast das mit dem Einrücken m.E. perfekt gelöst. In der Wikipedia findet man genau das immer weiter Einrücken, was Platz verschwendet und unübersichtlich macht.

Eigenstruktur der Erziehung und Menschenrechte

Zur Diskussion im Wiki: Zwischenüberschriften gehören als Gliederung dazu. Man kann sie auch nachträglich verändern, je nach dem, wie die Diskussion läuft.

Ich danke für den Blankertz-Text, den ich noch nicht kannte. (Wieder ein Vorteil des Wikis, dort kann man besser als in Kommentaren Texte einfügen und Links verwenden.) Ich merke, dass Blankertz Schwierigkeiten sieht, aber ich kann sie nicht ganz nachvollziehen. Der Pädagoge strebt den mündigen Bürger an. Die 1776 in Virginia formulierten Menschenrechte formulieren Voraussetzungen für Mündigkeit. (vgl. Schiller Würde des Menschen Nichts mehr davon! Zu essen gebt ihm zu trinken. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.")
Die Vorstellungen von Mündigkeit wechseln also nicht alle 20 Jahre. Wohl aber ist uns seit ca. 20 Jahren eine Vorstellung von Freiheit propagiert worden ("Freie Fahrt für freie Bürger!"), die sich erst seit der Finanzkrise 2007/2008 auch in der breiten Öffentlichkeit als Steuerfreie Boni für verantwortungslose Manager entlarvt hat (Verantwortungsfrei wäre passender, aber leider ein Neologismus). Solchen von einer nur kleinen Gruppe ("Leistungsträger" und "Elite" - Man muss mal Habermas hören, was er von Managern als Elite hält) der veröffentlichten Meinung aufgedrängten Vorstellungen darf ein nicht verantwortungsloser Pädagoge allerdings nicht folgen. Davon gilt es Schule freizuhalten. --Fontane44 08:41, 23. Apr. 2009 (UTC) Wenn ich mich selbst zitieren darf: "Der Tag, an dem die letzte Schule sich ihren Sponsor suchen muss, weil der Staat Bildung total privatisiert hat, hat mehr als Orwellsche Ausmaße." --Fontane44 09:21, 23. Apr. 2009 (UTC)

Ja, in den Blankertz-Text musste ich mich auch erst richtig einlesen, eine große Hilfe dazu ist der Aufsatz von Michael Tischer, “Die Eigenstruktur der Erziehung,” hg. v. Gisela Blankertz und Sieglinde Jornitz 8, Pädagogische Korrespondenz Zeitschrift für kritische Zeitdiagnostik in Pädagogik und Gesellschaft. (1991): 59-67. (Ich freue mich jedesmal über Zotero!) Ich verstehe natürlich, dass ich nicht allen zumuten kann diese Texte zu lesen.
Solchen von einer nur kleinen Gruppe ("Leistungsträger" und "Elite" - Man muss mal Habermas hören, was er von Managern als Elite hält) der veröffentlichten Meinung aufgedrängten Vorstellungen darf ein nicht verantwortungsloser Pädagoge allerdings nicht folgen. In diesem Satz sind mir zu viele Negationen drin, da wird mir schwindelig. ;-) Ich interpretiere ihn so: Als Pädagoge sollte man mit der veröffentlichten Meinung verantwortlich umgehen. Stimme ich Dir vollkommen überein. Besonders junge Schüler brauchen einen Schonraum, um Fehler machen zu dürfen. Ich darf sie nicht der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben. Stück für Stück müssen Schüler aber an die Öffentlichkeit herangeführt werden.--ThS01 10:03, 23. Apr. 2009 (UTC)

100% Übereinstimmung damit, also mit deinem obigen Punkt 3.
Ich meine aber darüber hinaus auch: Als mündige Bürger (und als Pädagogen schon gar) sind wir dazu verpflichtet, uns nicht von Wirtschaftsmanagern zur Unmündigkeit verführen zu lassen. Wer an 25% Dividende als sinnvolles Ziel aller Banken geglaubt hat, war unmündig, so wie im Mittelalter ca. 99% aller Menschen, die an Hölle etc. glaubten. --Fontane44 11:26, 23. Apr. 2009 (UTC)