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Erzählverhalten

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Erzählform - Erzählverhalten - erzählerische Darbietungsformen

Vorschlag für eine etwas andere Begrifflichkeit -

basierend auf "Themen, Texte und Strukturen" (Deutschbuch für die Oberstufe, Cornelsen 2006)

Die Bestandteile des Erzählmodells - der epischen Ursituation - sind:

Ein AUTOR erfindet => einen ERZÄHLER, dieser präsentiert => eine GESCHICHTE => dem LESER

DER ERZÄHLER ist eine fiktive Figur, die mehr oder weniger deutlich erscheint, um eine Geschichte zu präsentieren.


Für diese Figur wählt der Autor eine bestimmte ERZÄHLFORM:

=> die ER/SIE-Form, hier hält sich der Erzähler meist eher im Hintergrund des Geschehens
=> die ICH-Form, hier macht sich der Erzähler auch selbst zu Gegenstand des Erzählens
und zwar in doppelter Gestalt: als erzählendes Ich und als erlebendes Ich.


Der Erzähler zeigt nun ein bestimmtes ERZÄHLVERHALTEN (oft auch Perspektive genannt):

=> das auktoriale Erzählverhalten: Der Erzähler leitet den Leser mehr oder weniger spürbar durch die Geschichte.
=> das personale Erzählverhalten: Erzähler blickt mit den Augen eines oder mehrer Figuren in die Welt und weiß in diesem Augenblick nicht viel mehr als diese selbst
=> das neutrale Erzählverhalten: Der Erzähler erweckt den Anschein höchster Objektivität.


Der ERZÄHLSTANDORT kann dabei im Extrem

äußerst distanziert (Überblick, Außensicht, kann der Überwindung größerer Zeiträume dienen)
oder ganz nahe sein (Innensicht, geringer Überblick, kann spannungsfördernd dienen).

Die sich daraus ergebenden erzählerischen DARBIETUNGSFORMEN bewegen sich nun zwischen den Polen Distanz und Nähe:

Erzählbericht:

kann beschreibend, neutral gehalten sein (z.B. Situationsvorgaben, Einleitungen) oder reflektierend, kommentierend (mitfühlend, kritisch, ironisch-distanziert).
Der Erzähler führt den Leser quasi an der Hand. Im Normalfall hält er sich im Hintergrund und beschränkt sich auf die Darstellung des Geschehens, er greift nur ab und zu ein oder nimmt eine kommentierende, evtl. auch ironisierende Haltung ein.

Figurenrede:

=> direkte Rede, d.i. unmittelbare Wiedergabe von Dialogen (szenisches Erzählen), das unmittelbar und authentisch Gesprochene (Bsp: „Verdammt!“)
=> indirekte Redewiedergabe: Bei der indirekten Rede hingegen wird das Gesagte oder Gedachte an die Sprache des Erzählers und nicht die der Romanfigur angepasst. Es handelt sich hierbei um eine distanzierte, versachlichte und emotional zurückgenommene Wiedergabe. Der Erzähler greift bei der indirekten Rede verändernd ein und kann Sachverhalte auch kürzen, wenn er es für nötig hält. Sie ermöglicht es dem Erzähler auch, das Gemeinte im Gesagten hervorklingen zu lassen.
=> erlebte Rede: Wiedergabe der Gedanken einer Figur in der dritten Person und im Tempus des Erzählten, ein traditionelles Mittel der Innenschau. („K. wurde unsicher. War er hier schon einmal gewesen?“)
=> innerer Monolog: unmittelbarere Wiedergabe der Gedanken einer Figur in der Ich-Form. („War ich hier schon einmal? Das bringt mich jetzt völlig durcheinander.“)
=> Bewusstseinsstrom (‚stream of consciousness‘): ungefilterte, unkommentierte Wiedergabe einer Assoziationskette im Inneren einer Figur. Erzählmittel der literarischen Moderne seit J.Joyce (‚Ulysses') und Alfred Döblin (‚Berlin Alexanderplatz‘ 1932)

Von der erlebten Rede zum Bewusstseinsstrom findet ein regelrechter Sprachzerfall statt, der auch eine Zunahme der Authentizität mit sich bringen kann.


Siehe auch