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Jung-Stilling

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Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling (1740 - 1817) war Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler und religiöser Schriftsteller. Am bekanntesten ist er aber durch seine Autobiographie geworden, deren ersten Teil Goethe ohne Wissen Jung-Stillings herausgab.

Jungs Vater war Dorfschneider, in der Lebensgeschichte wird er „Wilhelm“ genannt, seine Mutter Johanna Dorothea geborene Fischer wird in der Autobiographie „Dortchen“ genannt; sie starb, als Jung 18 Monate alt war, so wuchs er in der Obhut der Großeltern in der Großfamilie auf.

Nach seiner Konfirmation arbeitete Johann Heinrich Jung schon als 14-Jähriger als Dorfschullehrer, danach mal als Hauslehrer, als Dorfschullehrer und als Schneider, doch keine Anstellung war von Dauer. Erst eine Stelle als Kaufmannsgehilfe und Hauslehrer bei dem Fabrikanten und Fernhandelskaufmann Peter Johannes Flender in Kräwinklerbrücke im Bergischen Land brachte ihm eine Dauerstellung für sieben Jahre. Sein Patron ermöglichte ihm, über sein Schullatein hinaus auch Französisch, Griechisch und Hebräisch zu lernen. Jedoch als Jung sich verlobte, kam es zu Entfremdung. Bei einem kurzem Medizinstudium in Straßburg lernte Jung Goethe und Johann Gottfried Herder kennen. Dach arbeitete er als praktischer Arzt in Elberfeld und spezialisierte sich auf augenärztliche Chirurgie. Dort erlebte er allerdings allerlei Anfeindungen. Deshalb war er froh, dass ihm einige technische und ökonomische Aufsätze 1778 eine Professorenstelle für Landwirtschaft, Technologie, Fabriken- und Handelskunde sowie Vieharzneikunde in Kaiserslautern verschafften. 1784 ging er an Universität Heidelberg, ab 1787 lehrte er in Marburg als Professor für ökonomische Wissenschaften. Eine Ernennung zum Berater des Markgrafen Karl Friedrich von Baden ermöglichte es ihm, sich ab 1803 ganz auf eine Tätigkeit als geistlicher Schriftsteller zu konzentrieren.

Inhaltsverzeichnis

Aus der Lebensgeschichte Jung-Stillings

Henrich Stillings Jugend

Johann, der Onkel Jung-Stillings, war ein Tüftler.

Die Quadratur des Zirkels und die immerwährende Bewegung beschäftigten ihn zu dieser Zeit. War er nun in ein Geheimniß tiefer eingedrungen, so lief er geschwind nach Tiefenbach um seinen Eltern und Geschwistern seine Entdeckung zu erzählen. Kam er denn unten durchs Dorf herauf, und es erblickte ihn jemand aus Stillings Hause, so lief man gleich und rief alle zusammen, um ihn an der Thüre zu empfangen. Ein jedes arbeitete dann mit doppeltem Fleiß, um nach dem Abendessen nichts mehr zu thun zu haben. Dann setzte man sich um den Tisch, stützte die Ellenbogen drauf, und die Hände an die Backen, aller Augen waren auf Johanns Mund gerichtet.

Alle halfen denn an der Quadratur des Zirkels erfinden; selbst der alte Stilling verwendete vielen Fleiß auf diese Sache. Ich würde dem erfinderischen, oder besser, dem guten und natürlichen Verstande dieses Mannes Gewalt anthun, wenn [21] ich sagen sollte: er hätte nichts in dieser Sache geleistet. Bei seinem Kohlenbrennen beschäftigte er sich damit. Er zog eine Schnur um sein Birnmostfaß, schnitt sie mit seinem Brodmesser ab; sägte dann ein Bret genau vierkantig, und schabte es so lange, bis die Schnur just drum paßte. Nun mußte ja das viereckigte Bret genau so groß seyn, als der Zirkel des Mostfasses. Eberhard sprang auf einem Fuß herum, verlachte die großen gelehrten Köpfe, daß sie aus dem einfältigen Dinge so viel Werks machten, und erzählte bei nächster Gelegenheit seinem Johann die Erfindung. Wir wollen die Wahrheit gestehn. Vater Stilling hatte wohl nichts höhnisches in seinem Charakter; doch lief hier eine kleine Satyre mit unter; aber der Landmesser machte bald der Freude ein Ende, indem er sagte: Es ist die Frage nicht, Vater! ob ein Schreiner einen viereckigten Kasten machen könne, der just so viel Haber enthalte, als eine runde cylindrische Tonne; sondern es muß ausgemacht seyn, wie sich der Diameter des Zirkels gegen seine Peripherie verhalte, und dann, wie groß eine Seite des Quadrats seyn müsse, wann es so groß als der Zirkel seyn soll. Aber in beiden Fällen darf an einem Facit nicht der tausendste Theil eines Haars fehlen. Es muß in der Theorie durch die Algeber bewirkt werden können, daß es wahr ist.

Der alte Stilling würde sich geschämt haben, wenn nicht die Gelehrsamkeit seines Sohns, und seine unmäßige Freude darüber, alles Schämen bey ihm verdrängt hätte. Er sagte deswegen nichts weiter, als: Mit Gelehrten ist nicht gut disputiren; lachte, schüttelte den Kopf, und fuhr fort von einem birkenen Klotz Späne zu schneiden, womit man Feuer und Lichter, auch allenfalls eine Pfeife Tobak anzünden konnte. Dieses war so seine Beschäftigung bei müßigen Stunden.


Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend, S.20/21

Wilhelm Stilling heiratet Dortchen Moritz.

Nun gieng man in geziemender Ordnung nach Florenburg, allwo die Braut mit ihrem Gefolge schon angekommen war. Die Copulation ging ohne Widerspruch vor sich, und alle zusammen verfügten sich nun nach Tiefenbach zum Hochzeitmale. Zwei lange Bretter waren in der Stuben neben einander auf hölzerne Böcke gelegt, anstatt des Tisches; Margrethe hatte ihre feinste Tischtücher drüber gespreitet, und nun wurden die Speisen aufgetragen. Die Löffel waren von Ahornholz, schön glatt, mit ausgestochenen Rosen, Blumen und Laubwerk gearbeitet. Die Zulegmesser hatten schöne gelbe hölzerne Stiele; so waren auch die Teller schön rund und glatt vom härtesten weißen Buchenholz gedrechselt. Das Bier schäumte in weißen steinernen Krügen mit blauen Blumen. Doch stellte Margrethe auch einem jeden frei, anstatt des Biers von ihrem angenehmen Birnmost zu trinken, wenn jemand dazu Belieben tragen möchte.

Nachdem alle zur Gnüge gegessen und getrunken hatten, so wurden vernünftige Gespräche angestellt. Wilhelm aber und seine Braut wollten lieber allein seyn und reden; sie giengen daher tief in den Wald hinein. Mit der Entfernung von den Menschen wuchs ihre Liebe. Ach, wären keine Bedürfnisse des Lebens! keine Kälte, Frost und Nässe, was würde diesem Paar an einer irdischen Seeligkeit gemangelt haben? [...] Eberhard Stilling und Margrethe, seine eheliche Hausfrau erlebten nun eine neue Periode in ihrer Haushaltung. Da war nun ein neuer Hausvater und eine neue Hausmutter in ihrer Familie entstanden. Die Frage war also: Wo sollen diese beide sitzen, wenn wir speisen? – Um die Dunkelheit im Vortrag zu vermeiden, muß ich erzählen, wie eigentlich Vater Stilling seine Ordnung und Rang am Tische beobachtete. Oben in der Stube war eine Bank von einem eichenen Bret längs der Wand genagelt, die bis hinter den Ofen reichte. Vor dieser Bank dem Ofen gegen über stund der Tisch, als Klappe an die Wand befestigt, damit man ihn an dieselbe aufschlagen konnte. Er war aus einer eichenen Diele von Vater Stilling selbsten ganz fest und treuherzig ausgearbeitet. An diesem Tisch saß Eberhard Stilling oben an der Wand, wo er durch das Brett befestigt war, und zwar vor demselben. Vielleicht darum hatte er sich diesen vortheilhaften Platz gewählt, damit er seinen linken Ellenbogen auf das Bret stützen, und zugleich ungehindert mit der rechten Hand essen könnte. Doch davon ist keine Gewißheit, denn er hat sich nie in seinem Leben deutlich darüber erkläret. An seiner rechten Seiten vor dem Tisch saßen seine vier Töchter, damit sie ungehindert ab und zu gehen könnten. Zwischen dem Tisch und dem Ofen hatte Margrethe ihren Platz; eines Theils weil sie leicht fror, und andern Theils damit sie füglich über den Tisch sehen könnte, ob etwa hier oder dort etwas fehlte. Hinter dem Tisch hatten Johann und Wilhelm gesessen, weil aber der eine verheyrathet war, und der andere Schule hielt, so waren diese Plätze leer, biß jezo, da sie dem jungen Ehepaar, nach reiflicher Ueberlegung, angewiesen wurden. Der alte Pastor Moriz besuchte nun auch zum erstenmal seine Tochter. Dortchen weinte für Freuden wie sie ihn sah, und wünschte Hausmutter zu seyn, um ihm recht gütlich thun zu können. Er saß den ganzen Nachmittag bei seinen Kindern, und redete mit ihnen von geistlichen Sachen. [...] Dortchen war gesegneten Leibes, und jedermann freuete sich auf ein Kind, deren in vielen Jahren kein's im Hause gewesen war. Mit was für Mühe und Fleiß man sich auf Dortchens Entbindung gerüstet, ist nicht zu sagen. Der alte Stilling selbst freuete sich auf einen Enkel, und hoffte noch einmal vor seinem Ende seine alte Wiegenlieder zu singen, und seine Erziehungskunst zu beweisen. Nun nahte der Tag der Niederkunft heran, und 1740 den 12ten September, Abends um 8 Uhr, wurde Henrich Stilling gebohren. Der Knabe war frisch, gesund und wohl, [...] Nun nahte der Tag der Niederkunft heran, und 1740 den 12ten September, Abends um 8 Uhr, wurde Henrich Stilling gebohren. Der Knabe war frisch, gesund und wohl, und seine [24] Mutter wurde gleichfalls, gegen die Weissagungen der Tiefenbacher Sybillen, geschwind wieder besser.


Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend, S.13-24

Wilhelm versinkt nach dem frühen Tod seiner Frau in so tiefe Trauer, dass er die Erziehung seines Sohnes dessen Großeltern überlassen muss.

Wilhelm Stilling hatte mit seinem Dortchen in der stark bevölkerten Landschaft allein gelebt; nun war sie todt und begraben, und er fand daher, daß er jetzt ganz allein in der Welt lebte. Seine Eltern und Geschwister waren um ihn, ohne daß er sie bemerkte. In dem Gesichte seines verwaiseten Kindes, sahe er nur Dortchens Lineamente; und wenn er des Abends schlafen ging, so fand er sein Zimmer still und öde. Oft glaubte er den rauschenden Fuß Dortchens zu hören, wie sie ins Bette stieg. Er fuhr dann in einander, Dortchen zu sehen, und sah sie nicht. Er durchdachte alle Tage die sie mit einander gelebet hatten, fand in jedem ein Paradies, und verwunderte sich, daß er nicht damalen vor lauter Wonne gejauchzt hatte. Dann nahm er seinen Henrichen in die Arme, weinte ihn naß, drückte ihn an seine Brust, und schlief mit ihm. [...]

Bei diesen Umständen war Wilhelm nicht im Stande sein Kind zu versorgen, oder sonst etwas nützliches zu verrichten. Margarethe nahm also ihren Enkel in völlige Verpflegung, futterte und kleidete ihn auf ihre altfränkische Manier aufs reinlichste. Die Mädchen gängelten ihn, lehrten ihn beten und andächtige Reimchen hersagen, und wenn Vater Stilling Samstags Abends aus dem Walde kam und sich bei den Ofen gesetzt hatte, so kam der Kleine gestolpert, suchte auf seine Knien zu klettern, und nahm jauchzend das auf ihn gesparte Butterbrod; mauste auch wohl selbsten im Quersack um es zu [40] finden; es schmeckte ihm besser als sonst der allerbeste Reisbrei Kindern zu thun pfleget, wie wohl es allezeit von der Luft hart und vertrocknet war. Dieses vertrocknete Butterbrod verzehrte Henrich auf seines Großvaters Schos, wobei ihm derselbe entweder das Lied: Gerberli hieß mein Hüneli; oder auch: Reuter zu Pferd, da kommen wir her, vorsang, wobei er immer die Bewegung eines trabenden Pferds mit dem Knie machte. Mit einem Wort! Vater Stilling hatte den Kunstgrif in seiner Kindererziehung, er wuste alle Augenblick eine neue Belustigung für Henrichen, die immer so beschaffen waren, daß sie seinem Alter angemessen, das ist, ihm begreiflich waren; doch so, daß immer dasjenige, was den Menschen ehrwürdig seyn muß, nicht allein nicht verkleinert, sondern gleichsam im Vorbeigang groß und schön vorgestellt wurde. Dadurch gewann der Knabe eine Liebe zu seinem Grosvater die über alles gieng; und daher hatten denn die Begriffe, die er ihm beibringen wollte, Eingang bei ihm. Was ihm sein Grosvater sagte, das glaubte er ohne weiteres Nachdenken.


Jung-Stilling: Jugend, S.38-40

Henrich Stilling lernt Latein

Pastor Stollbein sah wohl, daß unser Knabe etwas werden würde, wenn man nur was aus ihm machte; daher kam es bei einer Gelegenheit, da er in Stillings Hause war, daß er mit dem Vater und Großvater von dem Jungen redete, und ihnen vorschlug, Wilhelm sollte ihn Latein lernen lassen. Wir haben ja zu Florenburg einen guten lateinischen Schulmeister; schickt ihn hin, es wird wenig kosten. [...] Nun fing auch unser Henrich an in die lateinische Schule zu gehen. Man kann sich leicht vorstellen, was er für ein Aufsehen unter den andern Schulknaben machte. Er war blos in Stillings Haus und Hof bekannt, und war noch nie unter [64] Menschen gekommen; seine Reden waren immer ungewöhnlich, und wenig Menschen verstunden was er wollte; keine jugendliche Spiele, wornach die Knaben so brünstig sind, rührten ihn, er ging vorbei und sah sie nicht. Der Schulmeister Weiland merkte seinen fähigen Kopf und großen Fleiß; daher lies er ihn ungeplagt; und da er merkte daß ihm das langweilige Auswendiglernen unmöglich war, so befreite er ihn davon, und wirklich Henrichs Methode Latein zu lernen war für ihn sehr vortheilhaft. Er nahm einen lateinischen Text vor sich, schlug die Worte im Lexicon auf, da fand er dann was jedes für ein Theil der Rede sei; suchte ferner die Muster der Abweichungen in der Grammatik u.s.f. Durch diese Methode hatte sein Geist Nahrung in den besten lateinischen Schriftstellern, und die Sprache lernte er hinlänglich schreiben, lesen und verstehen. [...]

Indessen ging doch des jungen Stillings latein lernen vortreflich von statten, wenigstens lateinische Historien zu lesen, zu verstehen, lateinisch zu reden und zu schreiben. Ob das nun genug sey, oder ob mehr erfordert werde, weis ich nicht, Herr Pastor Stollbein wenigstens forderte mehr. Nachdem Henrich ohngefehr ein Jahr in die lateinische Schule gegangen, so fiel es gemeldetem Herrn einmal ein, unsern Studenten zu examiniren. Er sah ihn aus seinem Stubenfenster vor der Schule stehen, er pfif, und Henrich flog zu ihm. Lernst auch brav?

»Ja, Herr Pastor.«

Wie viel Verba anomala sind?

»Ich weiß es nicht.«

Wie, Flegel, du weist's nicht? Es möchte leicht, ich gäb dir eins auf's Ohr. Sum, possum, nu! wie weiter?

»Das hab ich nicht gelernt.«

He, Madlene! ruf den Schulmeister.

Der Schulmeister kam.

Was laßt ihr den Jungen lernen?

Der Schulmeister stand an der Thüre, den Hut unterm Arm, und sagte demüthig: »Latein.«

Da! ihr Nichtsnutziger, er weis nicht einmal, wie viel verba anomala sind.

»Weist du das nicht, Henrich?«

Nein, sagte dieser, ich weis es nicht.

Der Schulmeister fuhr fort: Nolo und Malo was sind das vor Wörter?

»Das sind verba anomala.«

Fero und Volo was sind das?

»Verba anomala.«

[66] Nun, Herr Pastor, fuhr der Schulmeister fort, so kennt der Knabe alle Wörter.

Stollbein versetzte: Er soll aber die Regeln alle auswendig lernen; geht nach Haus, ich wills haben!

(Beyde.)

Ja, Herr Pastor!

Von der Zeit an, lernte Henrich mit leichter Mühe auch alle Regeln auswendig, doch vergaß er sie bald wieder. Das schien seinem Charakter eigen werden zu wollen; was sich nicht leicht bezwingen ließ, da flog sein Genie über weg. Nun genug von Stillings Latein lernen! wir gehen weiter.


Jung-Stilling: Jugend, S.60-66

Jünglingsjahre

Lehrerstelle und Homerlektüre

Nach seiner Konfirmation wird Jung für zwei Tage in der Woche Lehrer im Dorf Zellberg (LützelWikipedia-logo.png), die übrige Zeit arbeitet er bei seinem Vater als Schneider.

Diesem war es Seelenfreude, den jungen Stilling als Schulmeister [93] in seinem Dorf zu sehen. Daher entschloß er sich, denselben bey sich ins Haus zu nehmen. Henrichen war dieses eben recht, sein Vater machte alle Kleider für den Jäger und seine Leute, und deswegen war er daselbst am mehresten bekannt; überdem wußte er, daß Krüger viel rare Bücher hatte, die er recht zu nutzen gedachte. Er quartirte sich daselbst ein; und das erste, was er vornahm, war die Untersuchung der Krügerischen Bibliothek; er schlug einen alten Folianten auf, und fand eine Uebersetzung Homers in teutsche Verse; er hüpfte für Freuden, küßte das Buch, drückte es an seine Brust, bat sichs aus, und nahm es mit in die Schule; wo ers in der Schublade unter dem Tisch sorgfältig verschloß, und so oft darinnen lase, als es ihm nur möglich war. Auf der lateinischen Schule hatte er den Virgilius erklärt, und bey der Gelegenheit so viel vom Homer gehört, daß er vorher Schätze darum gegeben hätte, um ihn nur einmal lesen zu können; nun bot sich ihm hier die Gelegenheit von selbst dar, und er nutzte sie auch rechtschaffen.

Schwerlich ist die Ilias seit der Zeit, daß sie in der Welt gewesen, mit mehrerem Entzücken und Empfindung gelesen worden. Hector war sein Mann, Achill aber nicht, Agamemnon noch weniger; mit einem Wort: er hielt es durchgehends mit den Trojanern, ob er gleich den Paris mit seiner Helenen kaum des Andenkens würdigte; besonders weil er immer zu Haus blieb, da er doch die Ursache des Kriegs war. Das ist doch ein unerträglicher schlechter Kerl! dachte er oft bey sich selber. Niemand dauerte ihn mehr als der alte Priam. Die Bilder und Schilderungen des Homers waren so sehr nach seinem Geschmack, daß er sich nicht enthalten konnte, laut zu jauchzen, wenn er ein so recht lebhaftes fand, das der Sache angemessen war; damals wär die rechte Zeit gewesen, den Ossian zu lesen.


Jung-Stilling: Jünglings-Jahre, S.92/93

Vetter Goldmann fordert Stilling zu mehr Demut und Vertrauen auf Gottes Führung auf

Jung muss aus wechselnden Gründen mehrere Stellen als Lehrer aufgeben. Sein Vetter Goebel ("Goldmann") fordert ihn auf, geduldig zu sein und auf Gottes Führung zu vertrauen.

Während dem Essen mußte Stilling seine Geschichte erzählen; als das geschehen war, sagte Herr Goldmann; Vetter! es muß doch etwas in eurer Lebensart seyn, das [154] den Leuten mißfällt, sonsten wär es unmöglich, so unglücklich zu seyn. Ich werde es bald bemerken, wenn ihr einige Tage bey mir gewesen seyd, ich will's euch dann sagen, und ihr müßt es suchen abzuändern. Stilling lächelte und antwortete: Ich will mich freuen, Herr Vetter! wenn Sie mir meine Fehler sagen, aber ich weiß ganz wohl, wo der Knoten sitzt, und den will ich Ihnen aufknüpfen: Ich lebe nicht in dem Beruf, zu welchem ich gebohren bin, ich thue alles mit Zwang, und deswegen ist auch kein Segen dabey.

Goldmann schüttelte den Kopf, und erwiederte: Ey! Ey! wozu solltet ihr gebohren seyn? Ich glaube, ihr habt euch durch euer Romanlesen unmögliche Dinge in den Kopf gesetzt. Die Glücksfälle, welche die Phantasie der Dichter ihren Helden andichtet, setzen sich in Kopf und Herz vest, und erwecken einen Hunger nach dergleichen wunderbaren Veränderungen.

Stilling schwieg eine Weile, sah vor sich nieder; endlich blickt er seinen Vetter durchdringend an, und sagte mit Nachdruck: Nein! bey den Romanen fühl ich nur, mir ists, als wenn mir alles selbsten wiederführe, was ich lese; aber ich hab gar keine Lust, solche Schicksale zu erleben. Es ist was anders, lieber Herr Vetter! ich habe Lust zu Wissenschaften, wenn ich nur einen Beruf hätte, in welchem ich mit Kopfarbeit mein Brod erwerben könnte, so wär mein Wunsch erfüllt.

Goldmann versetzte: Nun so untersucht einmal diesen Trieb unpartheyisch, ist nicht Ruhm und Ehrbegierde damit verknüpft? habt ihr nicht süße Vorstellungen davon, wenn ihr in einem schönen Kleid, und herrschaftlichen Aufzug einhertreten könntet? wenn die Leute sich bücken und den Hut vor euch abziehen müßten, und wenn ihr der Stolz und das Haupt eurer Familie würdet?

Ja! antwortete Stilling treuherzig, das fühl ich freylich, und das macht mir manche süße Stunde.

Recht! fuhr Goldmann fort: Aber ist es euch auch ein wahrer [155] Ernst, ein rechtschaffener Mann in der Welt zu seyn, Gott und Menschen zu dienen, und also auch nach diesem Leben selig zu werden? da heuchelt nun nicht, sondern seyd aufrichtig, habt ihr den vest entschlossenen Willen?

O ja! versetzte Stilling, das ist doch wohl der rechte Polarstern, nach welchem sich endlich, nach vielem Hin- und Hervagiren, mein Geist wie eine Magnetnadel richtet.

Nun, Vetter! erwiederte Goldmann: Nun will ich euch eure Nativität stellen, und die soll zuverlässig seyn. Hört mir zu! »Gott verabscheut nichts mehr, als den eiteln Stolz, und die Ehrbegierde, seinen Nebenmenschen, der oft besser ist, als wir, tief unter sich zu sehen; das ist verdorbene menschliche Natur. Aber Er liebt den Mann, der im Stillen und Verborgenen zum Wohl der Menschen arbeitet, und nicht wünscht, offenbar zu seyn. Diesen zieht Er durch Seine gütige Leitung, gegen seinen Willen endlich hervor, und setzt ihn hoch hinauf. Da sitzt dann der rechtschaffene Mann – ohne Gefahr, gestürzt zu werden, und weilen ihn die Last der Erhöhung niederdrückt, so betrachtet er alle Menschen neben sich so gut als sich selbsten. Seht, Vetter! das ist wahre edle verbesserte oder wiedergebohrne Menschennatur. Nun will ich weißagen, was euch wiederfahren wird: Gott wird durch eine lange und schwere Führung alle eure eitle Wünsche suchen abzufegen; gelingt ihm dieses, so werdet ihr endlich nach vielen schweren Proben, ein glücklicher großer Mann, und ein vortrefliches Werkzeug Gottes werden! Wenn ihr aber nicht folgt, so werdet ihr euch vielleicht bald hoch schwingen, und einen entsetzlichen Fall thun, der allen Menschen, die es hören werden, in die Ohren gellen wird.«

Stilling wußte nicht, wie ihm ward, alle diese Worte waren, als wenn sie Goldmann in seiner Seelen gelesen hätte. Er fühlte diese Wahrheit im Grund seines Herzens, und sagte mit inniger Bewegung und gefaltenen Händen: Gott! Herr Vetter! das ist wahr! ich fühl's, so wirds mir gehen..


Jung-Stilling: Jünglings-Jahre, S.153-155

Stillings Abschied von zu Hause

Denselbigen Tag besuchte ihn sein Vater. Der gute Mann hatte wiederum seines Sohnes Schicksal vernommen, und deswegen kam er nach Florenburg. Beyde setzten sich zusammen auf ein einsames Zimmer, und nun fieng Wilhelm an:

»Heinrich! ich komme zu dir, mit dir Rath zu pflegen; ich seh nunmehro klar ein, daß du unschuldig gewesen bist. Gott hat dich gewiß zum Schulhalten nicht bestimmt, das Handwerk verstehst du; aber du bist in solchen Umständen, wo es dir die Nothdurft nicht verschaffen kann; und bey mir zu seyn, ist auch für dich nicht, du scheust mein Haus, und das ist auch kein Wunder; ich bin nicht im Stande, dir das nöthige zu verschaffen, wenn du nicht die Arbeit verrichten kannst, die ich zu thun habe, es wird mir selber sauer, Frau und Kinder zu ernähren. Was meynst du, hast du wohl nachgedacht, was du thun willt?«

Vater! darüber hab ich lange Jahre nachgedacht; aber erst diesen Morgen ist mir klar worden, was ich thun soll; ich muß in die Fremde ziehen, und sehen, was Gott mit mir vor hat.

»Wir sind also einerley Meynung, mein Sohn! Wenn wir der Sache vernünftig nachdenken, so finden wir, daß deine Führung von Anfang dahin gezielt hat, dich aus deinem Vaterland zu treiben, und was kannst du hier erwarten? Dein Oheim hat selber Kinder, und die wird er erst suchen anzubringen, eh er dir hilft, indessen gehen deine Jahre um. Aber – du – wenn ich deine ersten Jahre – und die Freude bedenke, die ich an dir haben wollte – und du bist nun fort – so ists um Stillings Freude geschehen! Das Ebenbild des ehrlichen Alten.« – Hier konnte er nicht mehr reden, er hielt beyde Hände vor die Augen, krümmte sich ineinander und weinte laut.

[183] Diese Scene war Stilling unausstehlich, er wurde ohnmächtig. Als er wieder zu sich selber kam, stand sein Vater auf, drückte ihm die Hand und sagte: Heinrich! nimm von niemand Abschied, geh, wann dir der himmlische Vater winkt! Die heiligen Engel werden dich begleiten, wo du hingehst, schreib mir oft, wie es dir geht! Nun eilte er zur Thür hinaus.


Jung-Stilling: Jünglings-Jahre, S.182/83

Henrich Stillings Wanderschaft

Als Hauslehrer in Not, gütige Aufnahme bei Schneider

Jung wird Hauslehrer bei Herrn Hartcop ("Hochberg").

Des andern Tags fieng er mit den beyden Knaben und dem Mädchen die Information an; er hatte alle seine Freude an den Kindern, sie waren wohl erzogen, und besonders sehr zärtlich gegen ihren Lehrer, und dieses versüßte alle Mühe. Nach einigen Tagen zog Herr Hochberg in die Messe. Dieser Abschied that Stillingen sehr leid; denn er allein war der Mann, der mit ihm sprechen konnte; die andern redeten immer von solchen Sachen, die ihm ganz gleichgültig waren.

[205] So verflossen einige Wochen ganz vergnügt, ohne daß Stilling etwas zu wünschen hatte, außer daß er doch endlich einmal bessere Kleider bekommen möchte. Er schrieb diese Veränderung an seinen Vater, und er hielt fröliche Antwort.

Herr Hochberg kam um Michaelis wieder. Stilling freuete sich bey seiner Ankunft, allein diese Freude dauerte nicht lange, alles veränderte sich vor und nach in eine betrübte Lage für ihn. Herr und Frau Hochberg hatten geglaubt, daß ihr Informator noch Kleider zu Schauberg habe. Da sie nun endlich sahen, daß er würklich alles mitgebracht hatte, so fingen sie an, schlecht von ihm zu denken, und ihm nicht zu trauen; man verschloß alles vor ihm, war zurückhaltend, und oft merkte er aus ihren Reden, daß man ihn für einen Vagabunden hielte. Nun war alles in der Welt Stillingen eher möglich, als jemand nur eines Hellers werth zu entwenden, und deswegen war ihm dieser Umstand ganz unerträglich. Es ist auch gar nicht zu begreifen, woher doch die guten Leute auf einen so fatalen Einfall geriethen. Es ist indessen am aller wahrscheinlichsten, daß jemand unter dem Gesinde untreu war, der diesen Verdacht hinter seinem Rücken auf ihn zu schieben suchte; und was noch das Schlimmste war, sie ließen ihn nichts deutliches merken, daher man ihm auch alle Gelegenheit abgeschnitten, sich zu vertheidigen.

Vor und nach machte man ihm sein Amt schwerer. So bald er des Morgens aufstund, gieng er herunter in die Stube; man trank sodann Caffee, um sieben Uhr war das geschehen, und sofort mußte er mit den Kindern in die Schule, welche aus einem Kämmerchen bestund, das vier Fuß breit und zehn Fuß lang war; da kam er nun nicht heraus, bis man zwischen zwölf und zwo Uhr zum Mittagessen rief, und alsofort nach dem Essen gieng er wieder hinein bis um vier Uhr, da man Thee trank; gleich nach dem Thee hieß es wieder: Nun Kinder in die Schule! und dann kam er vor neun Uhr nicht wieder [206] heraus, dann speiste man zu Nacht, und gieng darauf schlafen.

Auf diese Weise hatte er keinen Augenblick für sich, als nur bloß den Sonntag, und diesen brachte er auch traurig zu, weil er wegen Kleidermangel nicht mehr vor die Thür, geschweige zur Kirchen gehen konnte. Wär er nun zu Schauberg geblieben, so würde ihn Meister Nagel vor und nach gnugsam versorgt haben, denn er hatte schon wirklich von weitem Anstalten dazu gemacht.

Nun war würklich ein dreyköpfigter Höllenhund auf den armen Stilling losgelassen. Aeusserste Bettelarmuth, eine immerfort dauernde Einkerkerung oder Gefangenschaft, und drittens ein unerträgliches Mistrauen, und daher entstandene äusserste Verachtung seiner Person.

Gegen Martini fieng sein ganzes Gefühl an zu erwachen, seine Augen giengen auf, und er sah die schwärzeste Melancholie wie eine ganze Hölle auf ihn rücken. Er rief zu Gott, daß es von einem Pol zum an dern hätte erschallen mögen, aber da war keine Empfindung noch Trost mehr, er konnte sogar an Gott nicht einmahl denken, so daß das Herz Theil daran hatte; und diese erschreckliche Qual hatte er nie dem Namen nach gekannt, vielweniger jemahlen das mindeste davon empfunden; dazu hatte er rund um sich her keine einzige treue Seele welcher er seinen Zustand entdecken konnte, und einen solchen Freund aufzusuchen, dazu hatte er nicht Kleider genug; sie waren zerrissen, und die Zeit mangelte ihm sogar dieselben auszubessern.

Gleich anfangs glaubte er schon nicht, daß ers in diesem Zustand lange aushalten würde, und doch wurde es von Tag zu Tag schlimmer; seine Herrschaft und alle andre Menschen kehrten sich gar nicht an ihn, so als wenn er nicht in der Welt gewesen wäre, ob sie schon mit seiner Information wohl zufrieden waren.

So wie Weyhnachten heranrückte, so nahm auch sein erschrecklicher [207] Zustand zu. Den ganzen Tag über war er ganz starr und verschlossen, wenn er aber des Abends um zehn Uhr auf seine Schlafkammer kam, so fiengen seine Thränen an los zu werden; er zitterte und zagte, wie ein Uebelthäter der in dem Augenblick geradebrecht werden soll, und wenn er vollends ins Bett kam, so runge er dergestalt mit seiner Höllenqual, daß das ganze Bett und sogar die Fensterscheiben zitterten, bis er einschlief. Es war noch ein großes Glück für ihn daß er schlafen konnte, aber wenn er des Morgens erwachte, und die Sonne auf sein Bett schien, so erschrack er, und war wieder starr und kalt; die schöne Sonne kam ihm nicht anders vor als Gottes Zorn-Auge, das wie eine flammende Welt Blitz und Donner auf ihn herab zu stürzen drohte. Den ganzen Tag über schien ihm der Himmel roth zu seyn, und er fuhr zusammen vor dem Anblick eines jeden lebendigen Menschen, als ob er ein Gespenst wäre; hingegen in einer finstern Gruft zwischen Leichen und Schreckbildern zu wachen, das wär ihm eine Freude und Erquickung gewesen. [...]

Diese erschreckliche Leiden dauerten von Martini bis den 12ten April 1763, und also neunzehn bis zwanzig Wochen. Dieser Tag war also der frohe Zeitpunkt seiner Erlösung. Des Morgens früh stund er noch mit eben den schweren Leiden [209] auf, mit denen er sich schlafen gelegt hatte; er gieng wie gewöhnlich herunter an den Tisch, trank Caffee, und darauf in die Schule; um neun Uhr als er in seinem Kerker am Tisch saß, und ganz in sich selbst gekehrt das Feuer seiner Leiden aushielt, fühlte er plötzlich eine gänzliche Veränderung seines Zustands, alle seine Schwermuth und Schmerzen waren gänzlich weg, er empfand eine solche Wonne und tiefen Frieden in seiner Seelen, daß er vor Freude und Seeligkeit nicht zu bleiben wußte. Er besann sich und wurde gewahr, daß er willens war weg zu gehen; dazu hatte er sich entschlossen ohne es zu wissen; so in demselbigen Augenblick stund er auf, gieng hinauf auf seine Schlafkammer, und dachte nach; wie viel Thränen der Freude und der Dankbarkeit daselbst geflossen sind, können nur diejenigen begreifen, die sich mit ihm in ähnlichen Umständen befunden haben.

Hier packte er nun seine paar Lumpen die, er noch hatte zusammen, band seinen Hut mit hinein, den Stab aber ließ er zurück. Diesen Bündel warf er durch ein Fenster hinter dem Hause in den Hof, gieng darauf wieder herunter, und spazirte ganz gleichgültig zur Pforte hinaus, gieng hinter das Haus, nahm den Pack, und wanderte so geschwind als er konnte das Feld hinauf, und eine ziemliche Strecke in den Busch hinein; hier zog er seinen abgeschabten Rock an, setzte den Hut auf, that seinen alten siamoisenen Kittel, den er des Werkeltags getragen hatte, in den Bündel, schnitte einen Stecken ab, worauf er sich stützte, und wanderte nordtwärts durch Berg und Thal fort, ohne einen Weg zu haben. Jetzt war zwar sein Gemüth ganz ruhig, er schmeckte die süße Freyheit in all ihrer Fülle; [...]

Nach einer kleinen halben Stunde gerieth er in einen Wald, die Straße verlohr sich, und nun fand er keinen Weg mehr; er setzte sich nieder, denn er hatte sich müde gelaufen. Jetzt kam seine völlige Kraft zu denken wieder, er besann sich, und hatte keinen einzigen Heller Geld bey sich, denn er hatte noch wenig oder gar keinen Lohn von Hochberg gefordert; doch war er hungrig. Er war in einer Einöde, und wußte weit und breit um sich her keinen Menschen der ihn kannte.

Jetzt fieng er an und sagte bey sich selber: »Nun bin ich denn doch endlich auf den höchsten Gipfel der Verlassung gestiegen, es ist jetzt nichts mehr übrig, als betteln oder sterben; – das ist der erste Mittag in meinem Leben, an welchem ich keinen Tisch für mich weiß! ja, die Stunde ist gekommen, da das große Wort des Erlösers für mich auf der höchsten Probe steht! Auch ein Haar von eurem Haupt soll nicht umkommen. – Ist das wahr, so muß mir schleunige Hülfe geschehen, denn ich habe bis auf diesen Augenblick auf ihn getraut und seinem Worte geglaubt; – ich gehöre mit zu den Augen die auf den Herrn warten, daß er ihnen zur rechten Zeit Speise gebe und sie mit Wohlgefallen sättige; bin ich doch so gut sein Geschöpf, wie jeder Vogel, der da in den Bäumen singt, und jedesmahl seine Nahrung findet, wenns ihm Noth thut.« Stillings Herz war bey diesen Worten so beschaffen, als das Herz eines Kindes, wenn es durch strenge Zucht endlich wie Wachs zerfleußt, der Vater sich wegwendet und seine Thränen verbirgt. Gott! was das Augenblicke sind, wenn man [211] sieht, wie dem Vater der Menschen seine Eingeweide brausen; und er sich vor Mitleiden nicht länger halten kann! –

Indem er so dachte, ward es ihm plötzlich wohl im Gemüthe, und es war als wenn ihm jemand zuspräche: Geh in die Stadt, und such einen Meister! Im Augenblick kehrte er um, und indem er in eine seiner Taschen fühlte, so wurde er gewahr, daß er seine Scheere und Fingerhut bey sich hatte, ohne daß ers wußte. Er kam also wieder zurück, und gieng zum Thor hinein. Er fand einen Bürger vor seiner Hausthür stehen, diesen grüßte er und fragte: wo der beste Schneidermeister in der Stadt wohne? Dieser Mann rief ein Kind, und sagte ihm: da führe diesen Menschen bey den Meister Isaac! Das Kind lief vor Stilling her, und führte ihn in einen abgelegenen Winkel an ein kleines Häuschen, und gieng darauf wieder zurück; er trat da hinein, und kam in die Stube. Hier stund eine blasse, magere, dabey aber artige und reinliche Frau, und deckte den Tisch, um mit ihren Kindern zu Mittag zu essen. Stilling grüßte sie und fragte: Ob er hier Arbeit haben könnte? Die Frau sah ihn an, und betrachtete ihn von Haupt bis zu Fuß. Ja! sagte sie sittsam und freundlich: mein Mann ist verlegen um einen Gesellen; wo seyd Ihr her? Stilling antwortete: aus dem Salenschen Lande! Die Frau heiterte sich ganz auf, und sagte: da ist mein Mann auch her, ich will ihm rufen lassen. Er war mit einem Gesellen und Lehrburschen in einem Haus in der Stadt in Arbeit; sie schickte eines von den Kindern und ließ ihm rufen. In ein paar Minuten kam Meister Isaac zur Thür herein; seine Frau sagte ihm, was sie wußte, und er fragte ferner was er gern wissen wollte; der Meister nahm ihn willig an. Nun nöthigte ihn die Frau an den Tisch; und so war schon seine Speise bereitet gewesen, als er noch im Wald irre gieng, und nachdachte: Ob ihm auch Gott diesen Mittag die nöthige Nahrung bescheren würde.

Meister Isaac blieb da, und speiste mit. Nach dem Essen nahm er ihn mit in die Arbeit, bey einen Schöffen der sich [212] Schauerhof schrieb; dieser war ein Brodbäcker, dabey ein hagerer langer Mann. So wie sich Meister Isaac und sein neuer Geselle gesetzt hatten, und anfiengen zu arbeiten, kam auch der Schöffe mit seiner langen Pfeiffe, setzte sich bey die Schneider, und fieng mit Meister Isaac an zu reden, wo sie vorhin vermuthlich aufgehört hatten.

Ja! sagte der Schöffe: ich stelle mir den Geist Christi als eine allenthalben gegenwärtige Kraft vor, die überall in den Herzen der Menschen wirkt, um eine jede Seele in seine eigene Natur zu verwandeln; je ferner nun jemand von Gott ist, je fremder ist ihm dieser Geist. Was denkst du davon, Bruder Isaac?

Ich stelle mir die Sache ungefehr eben so vor, versetzte der Meister: es ist hauptsächlich um den Willen des Menschen zu thun, der Wille macht ihn fähig –

Nun konnte sich Stilling nicht mehr halten; er fühlte, daß er bey frommen Leuten war, er fieng ganz unvermuthet hinter dem Tisch an, laut zu weinen und zu rufen: O Gott, ich bin zu Haus! ich bin zu Haus! Alle Anwesende erstarrten, und entsetzten sich; sie wußten nicht, was ihm wiederfuhr. Meister Isaac sahe ihn an, und fragte: wie ists Stilling? (er hatte ihm seinen Namen gesagt) Stilling antwortete: ich hab lange diese Sprache nicht gehört; und da ich nun sehe, daß Sie Leute sind, die Gott lieben, so weiß ich mich vor Freude nicht zu lassen. Meister Isaac fuhr fort: seyd Ihr dann auch ein Freund vom Christenthum, und von wahren Gottseeligkeit?

O Ja! versetzte Stilling: von Herzen!

Der Schöffe lachte vor Freuden, und sagte: da haben wir also einen Bruder mehr. Meister Isaac und Schöffe Schauerhof reichten und schüttelten ihm die Hand, und waren sehr froh. Des Abends nach dem Essen gieng der Geselle und der Lehrjunge nach Haus, der Schöffe aber, Isaac und Stilling blieben noch lange beysammen, rauchten Toback, tranken Bier dazu, und redeten auf eine erbauliche Weise vom Christenthum. [213] Henrich Stilling lebte nun wieder vergnügt zu Waldstätt; auf so viele Leiden und Gefangenschaft schmeckte nun der Friede und die Freyheit so viel süsser. Er hatte von all seiner Drangsal seinem Vater nicht ein Wort geschrieben, um ihn nicht zu betrüben; jetzt aber, da er von Hochberg ab und wieder bey dem Handwerk war, so schrieb er ihm vieles, aber nicht alles. Die Antwort, welche er darauf erhielt, war wiederum eine Bekräftigung, daß er zur Unterweisung der Jugend nicht geschaffen wäre.

Als Stilling nun einige Tage bey Meister Isaac gewesen war, so fieng letzterer einsmahls, über der Arbeit, mit ihm an, von seinen Kleidern zu sprechen; der andere Geselle und der Lehrbursche waren nicht gegenwärtig; er erkundigte sich genau nach allem, was er hatte. Als Isaac das alles hörte, stund er alsofort auf, und hohlte ihm schönes violettes Tuch zum Rock, einen schönen neuen Hut, schwarzes Tuch zur Weste, Zeug zum Unterwämschen, und zu Hosen, ein paar guter feiner Strümpfe, desgleichen mußte ihm der Schuhmacher Schuhe anmessen, und seine Frau machte ihm sechs neue Hemder; alles dieses war in vierzehn Tagen fertig. Nun gab ihm sein Meister auch einen von seinen Rohrstäben in die Hand; und damit war Stilling schöner gekleidet, als er in seinem Leben gewesen war; dazu war auch alles nach der Mode, und nun durfte er sich sehen lassen.

Dieses war nun noch der letzte Feind, der aufgehoben werden mußte. Stilling konnte seinen innigen Dank gegen Gott und seinen Wohlthäter nicht genug ausschütten; er weinte vor Freuden, und war völlig wohl und vergnügt. Aber gesegnet sey deine Asche – du Stillings-Freund! da du liegst und ruhst! Wenn einmahl die Stimme über den ganzen flammenden Erdkreis erschallen wird: Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet! so wirst du auch dein Haupt empor heben, und dein verklärter Leib wird siebenmahl heller glänzen, als die Sonne am Frühlingsmorgen! –

[214] Stillings Neigung, höher in der Welt zu steigen, war nun vor diese Zeit gleichsam aus dem Grunde und mit der Wurzel ausgerottet; und er war vest und unwiderruflich entschlossen, ein Schneider zu bleiben, bis er gewiß überzeugt seyn würde, daß es der Wille Gottes sey, etwas anders anzufangen; mit Einem Wort, er erneuerte den Bund mit Gott feyerlich, den er verwichenen Sommer, den Sonntag Nachmittag, auf der Gassen zu Schauberg mit Gott geschlossen hatte. Sein Meister war auch so zufrieden mit ihm, daß er ihn nicht anders als seinen Bruder behandelte; die Meisterinn aber liebte ihn über die Maßen, und so auch die Kinder, so daß er nun wieder recht in seinem Element lebte.

Seine Neigung zu den Wissenschaften blieb zwar noch immer, was sie war, doch ruhte sie unter der Aschen, sie war ihm jetzt nicht zur Leidenschaft, und er ließ sie ruhen.


Jung-Stilling: Henrich Stillings Wanderschaft, S.204-214

Medizinstudium in Straßburg - Goethe und Herder

Nach sieben Jahren als Angestellter von Herrn Flender lernt Jung Christine Heyder kennen, verlobt sich mit ihr und beschließt, Medizin zu studieren. Da ein Bekannter in Straßburg studieren will, entscheidet er sich auch für Straßburg. Dort lernt er Goethe und Herder kennen.

Herr Göthe gab ihm in Ansehung der schönen Wissenschaften einen andern Schwung. Er machte ihn mit Ossian, Shakespeare, Fielding und Sterne bekannt; und so gerieth Stilling aus der Natur ohne Umwege wieder in die Natur. Es war auch eine Gesellschaft junger Leute zu Strasburg, die sich die Gesellschaft der schönen Wissenschaften nannte, dazu wurde er eingeladen, und zum Mitglied angenommen; auch hier lernte er die schönsten Bücher, und den jetzigen Zustand der schönen Litteratur in der Welt kennen.

Diesen Winter kam Herr Herder nach Strasburg. Stilling wurde durch Göthe und Troost mit ihm bekannt. Niemahlen hat er in seinem Leben mehr einen Menschen bewundert, als diesen Mann. »Herder hat nur einen Gedanken, und dieser ist eine ganze Welt.« Dieser machte Stilling einen Umriß von allem in einem, ich kanns nicht anders nennen; und wenn jemahls ein Geist einen Stoß bekommen hat zu einer ewigen Bewegung, so bekam ihn Stilling von Herdern, und das darum, weil er mit diesem herrlichen Genie, in Ansehung des Naturells mehr harmonirte als mit Göthe. [...]

Zehn Tage vor Pfingsten gieng Stilling in die Comödie, um ein gewisses Stück zu sehen, das man ihm sehr gerühmt hatte. Es war Romeo und Julie, so wie es Weisse dem teutschen Theater bequem gemacht hat. Er kannte das Shakespearische Original, daher wollte er gern sehen, wie dieses Stück von der im Tragischen so berühmten Madam Abt, welche die Hauptrolle spielte, ausgeführt würde.

Auf dem Parterre überfiel ihn ein sehr trauriges Gefühl, ohne zu wissen wo es herkam. Er hatte die schönsten Briefe von den Seinigen, sowohl aus dem Salenschen Lande, als auch von Rasenheim. Er gieng nach Hause, und besann sich wo das wohl herrühren mögte. Doch es verschwand wieder, Stilling bekümmerte sich also nicht weiter darum.

Des Dienstags vor Pfingsten hatte der Sohn eines Professors Hochzeit, deswegen waren keine Collegia. Stilling beschloß also, diesen Tag in seinem Zimmer zu bleiben, und für sich zu arbeiten. Um neun Uhr überfiel ihn ein plötzlicher Schrecken, das Herz klopfte wie ein Hammer, und er wußte nicht wie ihm geschah. Er stund auf, gieng im Zimmer auf und ab, und nun fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb nach Hause zu reisen. Er erschrack über diesen Zufall, und überdachte den Schaden, der ihm sowohl in Ansehung seines Geldes, als auch seines Studierens, dadurch zuwachsen könnte. Er glaubte endlich, daß es eine hypochondrische Grille sey, suchte sich's deswegen mit Gewalt aus dem Sinn zu schlagen, und setzte sich also wieder hin an seine Geschäfte. Allein die Unruhe ward so groß, daß er wieder aufstehen mußte. Nun wurde er recht betrübt; es war etwas in ihm, das ihn mit Gewalt andrunge nach Hause zu reisen.

Stilling wußte hier weder Rath noch Trost. Er stellte sich vor, was man von ihm denken könnte, wenn er so auf Geradewohl funfzig Meilen weit reisen, und vielleicht zu Hause alles im besten Wohlstand antreffen würde. Da aber die Verängstigung und der Trieb gar nicht nachlassen wollte, so gab er sich [273] ans beten, und flehte zu Gott, wenn es ja sein Wille sey, daß er nach Hause reisen müßte, so möchte er ihm doch sichere Gewisheit geben: warum? Indem er so bey sich seufzte, trat der Comtoirbediente des Herrn R ... herein ins Zimmer, und brachte ihm folgenden Brief:


Rasenheim, den 9. May 1771.

Herzlichgeliebter Schwiegersohn!

»Ich zweifle nicht, Sie werden die Briefe von meiner Frauen, Sohn und Herrn Troost wohl erhalten haben. Sie werden nicht erschrecken, wenn ich Ihnen melde: daß Ihre liebe Braut ziemlich krank ist. Diese Krankheit hat seit zwey Tagen wieder so heftig zugesetzt, daß sie jetzt recht – ja recht schwach ist. Mein Herz ist darüber so zerschmolzen, daß mir tausend Thränen die Wangen herunter geflossen sind. Doch ich mag hievon nicht viel schreiben, ich möchte zu viel thun, ich bete und seufze für das liebe Kind recht herzlich, und auch für uns, damit wir uns kindlich seinem heiligen Willen überlassen mögen. O der ewige Erbarmer wolle sich unser aller aus Gnaden annehmen! So hat nun Ihre liebe Braut gerne, daß ich Ihnen dieses schreibe, denn sie ist so schwach, daß sie gar nicht viel sprechen kann – ich muß mit dem Schreiben ein wenig einhalten, der allmächtige Gott wolle mir doch ins Herz legen, was ich schreiben soll! – ich fahre in Gottes Namen fort, und muß Ihnen melden, daß Ihre Braut menschlichem Ansehen nach – halten Sie sich fest, theuerster Sohn! – nicht manchen Tag mehr hier zubringen wird, so wird sie in die ewige Ruhe übergehen; doch ich schreibe, wie wir Menschen es ansehen. Nun mein allerliebster Sohn! ich meyne mein Herz zerschmölze, ich kann Ihnen nicht viel mehr schreiben. Ihre Braut sähe Sie in dieser Welt noch einmahl gern; allein, was soll ich sagen und rathen? ich kann nicht mehr, weil mir die Thränen häufig aufs Papier fallen. Gott! du kennest mich, daß ich gern die Reisekosten bezahlen will! aber rathen darf ich nicht, fragen Sie den rechten Rathgeber, dem ich Sie auch [274] von Herzen empfehle. Ich, Ihre Mutter, Braut, und die Kinder grüssen Sie alle tausendmahl, ich bin in Ewigkeit

Ihr getreuer Vater

Peter Friedenberg.«


Stilling stürzte wie ein Rasender von einer Wand an die andre, er weinte nicht, seufzte nicht, sondern sah aus wie einer der an seiner Seeligkeit zweifelt; er besann sich endlich so viel daß er seinen Schlafrock auswarf, seine Kleider anzog, und mit dem Brief zu Herrn Göthe hintaumelte. So bald er in sein Zimmer hinein trat, rief er mit Seelenzagen: Ich bin verlohren! da lies den Brief! Göthe las, fuhr auf, sah ihn mit nassen Augen an, und sagte: Du armer Stilling! Nun gieng er mit ihm zurück nach seinem Zimmer. Es fand sich noch ein wahrer Freund, dem Stilling sein Unglück klagte, dieser gieng auch mit. Göthe und dieser Freund packten ihm das Nöthige in sein Felleisen; ein anderer suchte Gelegenheit für ihn, wodurch er wegreisen könnte, und diese fand sich, denn es lag ein Schiffer auf der Preusch parat, der den Mittag nach Maynz abfuhr, und Stillingen gern mitnahm. Dieser schrieb indessen ein paar Zeilen nach Hause, und kündigte seine baldige Ankunft an. Nachdem nun Göthe das Felleisen bereit hatte, so lief er und besorgte Proviant für seinen Freund, trug ihm den ins Schiff; Stilling gieng reisefertig mit. Hier letzten sich beyde mit Thränen. Nun fuhr Stilling im Namen Gottes ab, und so bald er nur auf der Reise war, so fühlte er sein Gemüth beruhigt, und es ahndete ihm, daß er seine Christine noch lebendig finden, und daß sie besser werden würde; doch hatte er auch verschiedene Bücher mitgenommen, um zu Hause sein Studieren fortsetzen zu können. [...] Des zweyten Pfingsttags also am Nachmittag kam Stilling zu Rasenheim an. Er wurde mit tausend Freudenthränen empfangen. Christine aber war sich ihrer selbst nicht bewußt, denn sie redete irre, daher als Stilling bey sie kam, stieß sie ihn weg, denn sie kannte ihn nicht. Er gieng ein wenig auf ein ander Zimmer, indessen erhohlte sie sich, und man brachte ihr bey, daß ihr Bräutigam angekommen sey. Nun konnte sie sich nicht mehr halten. Man rief ihn; er kam. Hier gieng nun die zärtlichste Bewillkommnung vor, die man sich nur denken kann, aber sie kam Christinen theuer zu stehen; sie gerieth in die heftigsten Convulsionen, so daß Stilling in äußerster Traurigkeit drey Tage und drey Nächte an ihrem Bette, ihren letzten Stoß abwartete. Doch gegen alles Vermuthen erhohlte sie sich wieder, und binnen vierzehn Tagen war sie ziemlich besser, so daß sie zuweilen am Tage etwas aufstund.

Nun wurde diese Verlöbniß überall bekannt. Die besten Freunde riethen Herrn Friedenberg, beyde copuliren zu lassen. [284] Dieses wurde bewilliget, und Stilling nach vorhergegangenen gewöhnlichen Formalitäten 1771 den 17ten Junius am Bette mit seiner Christinen zum Ehestande eingeseegnet. [...] Binnen sieben Tagen kam er, ohne Gefahr, oder sonst etwas merkwürdiges erfahren zu haben, wieder gesund und wohlbehalten in Strasburg an. Sein erster Gang war zu Göthe. Der Edle sprang hoch in die Höhe als er ihn sahe, fiel ihm um den Hals und küßte ihn: »Bist Du wieder da, guter Stilling! rief er, und was macht Dein Mädchen?« Stilling antwortete: Sie ist mein Mädchen nicht mehr, sie ist nun meine Frau. »Das hast Du gut gemacht«, erwiederte jener; »Du bist ein excellenter Junge.« Diesen halben Tag verbrachten sie vollends in herzlichen Gesprächen und Erzählungen.

Der bekannte sanfte Lenz war auch nun daselbst angekommen. Seine artige Schriften haben ihn berühmt gemacht. Göthe, Lenz, Leose und Stilling machten jetzt so einen Zirkel aus, in dem es jedem wohl ward, der nur empfinden kann was schön und gut ist. Stillings Enthusiasmus für die Religion hinderte ihn nicht, auch solche Männer herzlich zu lieben, die freyer dachten als er, wenn sie nur keine Spötter waren.

Nun setzte er seine medicinische Studien mit allem Eifer fort, und ließ nichts aus, was nur zum Wesen dieser Wissenschaft gehört. Den folgenden Herbst disputirte Herr Göthe öffentlich, und reiste nach Hause. Er und Stilling machten [286] einen ewigen Bund der Freundschaft zusammen. Leose reiste auch ab nach Versailles, Lenz aber blieb da.

Den folgenden Winter las Stilling, mit Erlaubniß des Herrn Professor Spielmanns, ein Collegium über die Chymie, präparirte auf der Anatomie vollends durch, was ihm noch fehlte, repetirte noch ein und anders, und darauf schrieb er seine lateinische Probeschrift selbsten, ohne jemandes Beystand. Diese dedicirte er auf specielle höchste Erlaubniß, Ihro Churfürstl Durchl. zu Pfalz, seinem gnädigsten Landesfürsten, ließ sich examiniren, und rüstete sich zur Abreise.

Hier war nun abermahl viel Geld nöthig, er schrieb das nach Hause. Herr Friedenberg erschrack darüber. Des Mittags über Tisch wollte er seine Kinder einmahl probieren. Sie sassen da alle groß und klein. Der Vater fieng an: Kinder: euer Schwager hat noch so viel Geld nöthig, was dünkt euch, wolltet ihr ihm das wohl schicken, wenn ihrs hättet? Sie antworteten alle einhellig: »Ja! und wenn wir auch unsre Kleider ausziehen und versetzen sollten!« Das rührte die Eltern bis zu den Thränen, und Stilling schwur ihnen ewige Liebe und Treue, sobald ers hörte. Mit Einem Wort, es kam ein Wechsel nach Strasburg der hinlänglich war.

Nun disputirte Stilling mit Ruhm und Ehre. Herr Spielmann war Decanus. Als ihm der nach geendigter Disputation die Licenz gab, so brach er in Lobsprüche aus und sagte: daß er lange niemand die Licenz freudiger gegeben habe, als gegenwärtigem Candidaten, denn er habe mehr in so kurzer Zeit gethan, als viele andere in fünf bis sechs Jahren u.s.w.

Stilling stund da auf dem Catheder; die Thränen flossen ihm häufig die Wangen herunter. Nun war seine Seele lauter Dank gegen den, der ihn aus dem Staube hervorgezogen, und zu einem Beruf geholfen hatte, worinnen er, seinem Trieb gemäß, Gott zu Ehren und dem Nächsten zum Nutzen leben und sterben konnte..


Jung-Stilling: Henrich Stillings Wanderschaft, S.271-286

Häusliches Leben

Verlobung mit Selma

Nun gingen P.... und seine Gattin und von Florentin schleunig fort ins Gartenhaus, und ließen Stilling und Selma allein. Jetzt trat er zu ihr, präsentirte ihr seinen Arm, undführte sie langsam vorwärts; eben so gerade und ohne Umschweife sagte er zu ihr: Mademoiselle! Sie wissen, wer ich bin, (denn sie hatte seine Geschichte gelesen) Sie wissen auch den Zweck meiner Reise, ich habe kein Vermögen, aber hinlängliches Einkommen und zwey Kinder, mein Character ist so, wie ich ihn in meiner Lebensgeschichte beschrieben habe, können Sie sich entschließen, meine Gattin zu werden, so halten Sie mich nicht lange auf, ich bin gewohnt, ohne Umschweife zum Ziel zu eilen, ich glaube, Ihre Wahl wird Sie nie gereuen, ich fürchte Gott, und werde suchen, Sie glücklich zu machen. Selma erholte sich aus ihrer Bestürzung, mit einer unaussprechlich holden Miene schlug sie ihre geistvolle Augen empor, reckte die rechte Hand mit dem Fächer in die Höhe, und sagte: was die Vorsehung will — das will ich auch! Indem kamen sie auch im Gartenhause an, hier wurde er nun besehen, ausgeforscht, geprüft und auf allen Seiten beleuchtet. Nur Selma schlug die Augen nieder, und sagte kein Wort. Stilling stellte sich ungeschminkt dar, wie er war, und heuchelte nicht. Jetzt wurde nun die Abrede genommen, daß Selma mit ihrem Bruder, Nachmittags nach Tische, zur Frau von la Roche kommen, und daß alsdann weiter von der Sache geredet werden sollte. Damit ging jeder wieder nach Hause. Sophie fragte gleich beym Eintritt ins Zimmer:wie hat Ihnen meine Selma gefallen? „Vortreflich! sie ist ein Engel!" Nicht wahr? ich hoffe, Gott wird sie Ihnen zuführen. Nach Tisch wurde nun Selma sehnlich erwartet, aber sie kam nicht. Sophie und Stilling geriethen in Angst, beyden drungen die Thränen in den Augen; endlich that die vortreffliche Frau einen Vorschlag, wenn allenfalls Selma nicht einwilligen würde, der ihre Engels-Seele ganz zeigte, wie sie ist; allein Bescheidenheit und andre wichtige Gründe verbieten mir, ihn zu entdecken. In dem Zeitpunct, als Stillings Angst aufs höchste gestiegen war, trat Herr von St Florentin mit seiner Schwester zur Thüre herein, Sophie grif den Consulenten am Arm, und führte ihn ins Nebenzimmer, und Stilling zog Selma neben sich auf den Sofa. War das Kaltsinn, oder was wars, fing er an, daß Sie mich so ängstlich harren ließen? „Nicht Kaltsinn" — (die Thränen drungen ihr in die Augen) „ich muste in eine Visite gehen, und da wurde ich auf­gehalten; meine Empfindung — ist unaussprechlich." Sie entschließen sich also wol, die Meinige zu werden? „Wenn meine Mutter einwilligt, so bin ich ewig die Ihrige!" Ja, aber ihre Frau Mutter? „Die wird nichts einwenden." Mit unaussprechlicher Freude umarmte und küßte er sie, und indem trat Sophie mit dem Consulenten ins Zimmer. Diese standen da, schauten hin und starrten! So weit sind Sie schon? — rief Sophie mit hoher Freude. Ja! — Ja! im Arm führte er sie ihr entgegen.


Jung-Stilling: Häusliches Leben, S.404-405

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