Kollektive Wissenskonstruktion

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Als Kollektive Wissenskonstruktion wird vor allem in der Soziologie und der Pädagogik ein Prozess bezeichnet, in dem die "organisierte Wissensarbeit" auf der Basis neuer Kollaborationstechnologien um den Aspekt der sozialen Interaktivität erweitert wird. Kollektive Wissenskonstruktion wird dabei als neue Herausforderungen im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung von Industrie- zu Wissensgesellschaften verstanden. Der Begriff wird auch in der Organisationslehre verwendet, um neue Formen wissensbasierter Kollaborationen zu beschreiben.

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff Kollektive Wissenskonstruktion

In der Wissensökonomie unterscheidet man zwischen Daten, Informationen und Wissen (vgl. Müller 2000, 262). Daten sind symbolische Abbildungen von Sachverhalten, Informationen sind kontextualisierte Daten, Wissen aber entsteht durch Denken, d.h. durch die logisch-funktionale Verknüpfung von Informationen. Erst Wissen erlaubt uns, Phänomene zu erklären, vorherzusagen oder zu begründen. In der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegebenen Delphi-Studie wird Wissen definiert als: "Sammlung in sich geordneter Aussagen, die ein vernünftiges Urteil zum Ausdruck bringen und dies anderen über ein Kommunikationsmedium in systematischer Form übermitteln.“ (Stock, et al., 1998, 3). Zentral für alle genannten Aktivitäten ist die Kommunikation. Informationen sind in dieser Definition kontextgebundene Daten, also Einträge, die nur in Verbindung mit einer konkreten Situation genutzt werden können. Bei der Definition von Wissen ist strittig, ob Wissen an ein menschliches Bewusstsein gebunden ist, oder ob es auch Gegenstand technologischer Prozesse sein kann. Als Wissensformen werden das "implizite" und das "explizite" Wissen unterschieden. Ersteres ist nicht formal fassbar, sondern basiert auf persönlichen Erfahrungen, erlernten Fertigkeiten und deren Kombination. Explizites Wissen ist konkret erfassbar, da es in formalen Strukturen (z.B. grammatische Sätze, mathematische Ausdrücke) vorliegt. Folgende Stufen des Wissens werden unterschieden: individuelle Ebene, Gruppenebene, Organisationsebene. Die Diskussion einer kollektiven Wissenskonstruktion unterstellt eine Verlagerung des Wissens von der ersten auf die zweite und dritte Stufe. Daher wird ein nicht an das menschliche Bewusstsein gebundener Wissensbegriff betont.

Als "Konstruktion" wird nach Jean Piaget ("The equilibrium of cognitive structures", 1985) ein Prozess verstanden, in dem das Individuum seine Erfahrungen reflektiert und organisiert. Ziel dieses Prozesses ist es, die jeweilige Umwelt zu strukturieren und sich andererseits an diese anzupassen. Dabei werden kognitive Systeme angewendet, um eine gegebene Situation zu interpretieren, zum anderen werden Eindrücke verwendet, um die kognitiven Systeme über die Zeit zu verändern und anzupassen.

Als Wissenskonstruktion wird also ein kognitiver Lernprozess verstanden, der in einer Wechselwirkung externe Einflüsse aufnimmt und verarbeitet und interne Impulse setzt um die jeweilige Umwelt zu strukturieren.

Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft

Soziologen, vor allem Helmut Willke, sehen in der sog. "Wissensarbeit" ein Kernelement der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. In einer Wissensgesellschaft existiert keine "Wissensklasse" mehr, im Sinne einer Vorherrschaft von Experten. Ist Wissenskonstruktion jedoch eine gesamtgesellschaftliche, demokratisierte Aktivität, wächst den Möglichkeiten und Formen kollektiver Wissenskonstruktion gesteigerte Bedeutung zu.

Vor allem organisationssoziologisch ist dieser Wandel von besonderem Interesse. In dem Maße, wie organisierte Wissensarbeit zum Operationsmodus wissensbasierter Organisationen werden, wandelt sich auch der Begriff von Wissen. Während wissensbasierte Tätigkeiten bislang auf der spezialisierten Expertise von Spezialisten basierte, die sich ihr Fachwissen in langwierigen Ausbildungsprozessen aneignen, bezieht sich der Begriff Wissensarbeit nicht auf ein Wissen, dass einmal im Leben durch Erfahrung, Initiation, Lehre, Fachausbildung oder Professionalisierung erworben und dann angewendet werde, sondern auf ein Wissen, das fortlaufend konstruiert und aktualisiert werden müsse: "Vielmehr erfordert Wissensarbeit im hier gemeinten Sinn, daß das relevante Wissen (1) kontinuierlich revidiert, (2) permanent als verbesserungsfähig angesehen, (3) prinzipiell nicht als Wahrheit sondern als Ressource betrachtet wird und (4) untrennbar mit Nichtwissen gekoppelt ist, so daß mit Wissensarbeit spezifische Risiken verbunden sind." (Willke, Organisierte Wissensarbeit). Hier rückt die "Konstruktion von Wissen im Kontext von Arbeit und die verwendete Technologie" in den Vordergrund. Wissen wird zum "Rohstoff" und "Produkt" organisationaler Aktivität. Wissensarbeit wird dabei nicht als personengebundene Tätigkeit begriffen, sondern als eine Aktivität, die auf einem "elaborierten Zusammenspiel personaler und organisationaler Momente der Wissensbasierung" beruht.

Kollektive Wissenskonstruktion in Organisationen

Wenn Firmen und andere Organisationen zunehmend wissensbasiert operieren, stellt sich die Frage nach dem Management der Ressource Wissen. In dem Maße, in dem die Bedeutung komplexer, wissensbasierter Güter zunimmt, steigt die Bedeutung effizienter Formen, die es erlauben, vor allem spezialisiertes implizites Wissen zu koordinieren und unternehmensweit verfügbar zu machen. Wissen als "intellektuelles Kapital" gehorcht dabei einer anderen Logik als klassische Produktionsmechanismen. Die Zunahme wissensbasierter Sozialsysteme und der kollektiven Kontruktion von Wissen erfordert daher eine Revision der ökonomischen Theorie der Firma und der soziologischen Theorie der Organisation.

Eine konkrete Herausforderung für wissensbasierte Organisationen ist der Aufbau einer intelligenten Wissensinfrastruktur. Das ist vor allem ein Thema der Managementtheorie. Für die Managementtheorie ist die intelligente Organisation der Ort, an dem personale und systemische Intelligenz rekombiniert werden. Mit Hilfe von Wissensmanagement und Expertensystemen muss das Wissen von Organisationsmitgliedern - einschließlich des impliziten Wissens ("tacit knowledge") - symbolisch aufbereitet, organisiert und in ein kollektives Wissen der Organisation transformiert werden. Es gilt für ein Unternehmen also, die kollektive Wissenskonstruktion zu fördern und deren Potenziale zu assimilieren. Dadurch entstehe "systemische Intelligenz".

Die Wissensbasierung als Herausforderung für die Pädagogik: kooperatives Lernen

Nach Ansicht von Pädagogen führen die Chancen, Wissen vermittels neuer Technologien zu konstruieren, zu neuen Herausforderungen für Bildung und Weiterbildung. Demzufolge muss die Pädagogik mehr Wert auf abstrakte Kompetenzen legen (Kommunikationsfähigkeit, explorative Kompetenz, situierte Kognition, kooperatives Lernen). Die gesellschaftlichen Veränderungen in Richtung einer Wissensgesellschaft und die damit einhergehenden Anforderungen an einen verantwortungsvollen Umgang mit vielfältigen Wissensquellen, machen auch eine Neuorientierung in der Weiterbildungslandschaft notwendig. So sagt etwa der Psychologe Heinz Mandl: "Neben bewährten traditionellen Weiterbildungskonzepten werden Ansätze zentral, die sowohl Wissens- und Erfahrungsaustausch, selbst gesteuertes und kooperatives Lernen als auch arbeitsplatznahes und anwendungsorientiertes Lernen betonen. Der zielgerichtete Umgang mit der Ressource Wissen sowie zeitnaher Wissenserwerb und -transfer werden im dritten Jahrtausend zu einem wichtigen Teil der Weiterbildung." ("Wissensmanagement in Communities", zusammen mit Katrin Winkler, 2003). Folgt man dieser Prämisse, so muss Wissen in Zukunft stärker problembezogen erworben und nicht nur konsumiert, sondern auch selbst konstruiert werden. Das Internet, bzw. Online-Communities bieten nach Auffassung von Pädagogen und Psychologen neuartige Vehikel für die soziale Konstruktion von Wissen. Einige Anhänger der Kondratjew-TheorieWikipedia-logo.png, z. B. Erik Händeler ("Die Geschichte der Zukunft Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen", 2003) betrachten die neuen Kommunikationsmittel als Voraussetzung zu einem neuen Wirtschaftszyklus, dem 6. Kondratjew.

Als Modell für eine Struktur, die zur effektiven Wissenskonstruktion führt, bietet sich nach Ansicht von Kognitionswissenschaftlern das Gehirn an (Hans Strohner: Kognitive Systeme. Eine Einführung in die Kognitionswissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995, S. 209-210). Führt man diesen Vergleich durch, so können Internet-User metaphorisch als Neurone definiert werden, die in großer Zahl und großer Frequenz miteinander interagieren. Bezogen auf das Gehirn werden die "emergierenden" Ergebnisse dieser scheinbar chaotisch verlaufenden Neuronen-Interaktionen (neuronale Netze) "Gedanken" genannt. Auf das Internet übertragen können durch intensive Interaktionen zwischen Menschen/Neuronen für die Menschheit relevante Problemlösungen erarbeitet werden (siehe u.a. J.de Rosnay, P.Russel).

Laut dem Pädagogen Jean-Pol Martin wird im gegenwärtigen Forschungs- und Ausbildungssystem Wissen immer noch von Experten gehortet und an Eingeweihte über Monographien und wissenschaftliche Artikel weitergeleitet. Das auf diese Weise präsentierte Wissen werde von den Abnehmern, die sich in der Regel keine höhere Kompetenz als dem Verfasser zuschreiben, weder in Frage gestellt, noch durch eigene Beiträge angereichert. Die neuen Kommunikationsmittel beteiligten dagegen ungleich mehr Menschen. So werde in der neuen Wissensgesellschaft die Produktion von Wissen in einem dynamischen Prozess kontinuierlicher Präsentation, Prüfung und Speicherung demokratisiert. Das Konzept Lernen durch Lehren (LdL) weitet Martin auf die kollektive Konstruktion von Wissen im Internet aus, vor allem um explorative Kompetenzen zu fördern (ders. Gemeinsam Wissen konstruieren, 2005).

Literatur

  • Helmut Willke, Organisierte Wissensarbeit, Zeitschrift für Soziologie, Jg. 27, Heft 3, Juni 1998, S. 161-177 (PDF)
  • Frank Fischer, Gemeinsame Wissenskonstruktion - Theoretische und methodologische Aspekte (Pädagogik), Oktober 2001 ([1])
  • Hypermedien und Wissenskonstruktion, Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, Heft 63 ([2]), darin: Jörg Zumbach, Andreas Rapp: Wissenserwerb mit Hypermedien. Eine kognitionswissenschaftliche Betrachtung, S. 27-44
  • Martin, Jean-Pol (2002): Wissenscontainer: "Online-Communities und kollektive Lernprozesse". In: Neveling Christiane (Hrsg.)(2002): Perspektiven für die zukünftige Fremdsprachendidaktik. Tübingen: Narr, S.89-102 ([3], Rezension)
  • Martin, Jean-Pol (2005): Gemeinsam Wissen konstruieren: am Beispiel der Wikipedia. In: Klebl, Michael, Köck, Michael (Hg.)(2005): Lehren und Lernen mit Neuen Medien. Eichstätt (erscheint voraussichtlich Ende 2005). ([4])
  • Heinz Mandl und Ulrike-Marie Krause, Lernkompetenz für die Wissensgesellschaft, 2001 (Pädagogik). ([5]
  • Konstruktion von Wissen in Unternehmen (Seminararbeit bei Wolf-Andreas Liebert und Ulrich Frank) [6]
  • Heinz Mandl, Katrin Winkler, Wissensmanagement in Communities - Communities als zentrales Szenario der Weiterbildungslandschaft im dritten Jahrtausend (Praxisbericht Nr. 27), 2003 ([7])
  • Sigmar-Olaf Tergan, Lernen und Wissensmanagement mit Hypermedien, In Tergan, S.-O. (2003). Lernen und Wissensmanagement mit Hypermedien. Unterrichtswissenschaft. 31(4), 334-358 ([8])

Siehe auch

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