Kompetenzen entwickeln mit Wikis

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Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, warum man mit Wikis Kompetenzen vermitteln kann. Kurz zusammengefasst, ändern sich die eigenen Überzeugungen (auch Beliefs, Ansichten, Meinungen ...) während eines Lernprozesses. Man spricht auch davon, sich neue Werte anzueignen. Dies geschieht durch einen Labilisierungsprozess, das heißt ein Individuum gerät - ausgelöst durch ein Infragestellen eines bereits interiorisierten Wertes - in einen inneren Konflikt und versucht nun, diesen Konflikt in einem Verarbeitungsprozess zu lösen. Gewöhnlich müssen Individuen in chaotischen, unbestimmten Situationen aufgrund ihrer Vorerfahrungen Entscheidungen treffen, bei denen des Ergebnis unbestimmt ist. Diesen Vorgang nennt man kompetentes Handeln. Dazu werden in der Regel eine Kombination von Kompetenzen gebraucht. Die Arbeit in einem Wiki fördern einige dieser Kompetenzen.

Um nachzuweisen, welche Kompetenzen wie mit Wikis entwickelt werden können, bedarf es zunächst einer Kompetenzdefinition, da der Kompetenzbegriff sehr unterschiedlich aufgefasst wird.

Inhaltsverzeichnis

Wikis als Social Software Systeme

Social Software Systeme wie Wikis können sehr gut im Lernprozess eingesetzt werden, denn sie sind

  • einfach: Einarbeitungszeit ist relativ gering,
  • dynamisch: frei gestaltbar, bzw. Inhalte können immer wieder überarbeitet werden;
  • frei zugänglich: Der Benutzerkreis kann nach Belieben beschränkt oder frei sein;
  • nachvollziehbar: Die Lernschritte werden protokolliert und ermöglichen einen Überblick über den Lernfortschritt.

Kompetenzverständnis nach John Erpenbeck und Lutz von Rosenstiel

Kompetenzen sind Selbstorganisationsdispositionen

Dispositionen sind die bis zu einem bestimmten Handlungszeitpunkt entwickelten inneren Voraussetzungen zur Regulation der Tätigkeit. Damit umfassen Dispositionen nicht nur individuelle Anlagen sondern vor allem Entwicklungsresultate. Selbstorganisiert ist jedes Handeln in offenen Problem- und Entscheidungssituationen, in komplexen, oft chaotischen Systemen, wie sie uns in Wirtschaft und Politik, aber auch im Alltag ständig begegnen.

Clauß, G. u. a., Wörterbuch der Psychologie, hg. v. K.-P Timpe und G. Vorwerg, 5. Aufl. (Frankfurt a. M., 1995).

Selbstorganisationsdispositionen

...sie ermöglichen selbstorganisiertes, kreatives Handeln in eine offene Zukunft hinein -, in Bezug auf die innere Struktur - sie "erhalten" Wissen im engeren Sinne, Fertigkeiten und Qualifikationen, sind aber um Wertekerne zentriert- und in Bezug auf die Prozesse des Lernens- sie haben ihr Schwergewicht auf der Handlungsführung, dem performativen Aspekt.

Erpenbeck/Sauter: 2007

Auch die Bedeutung von Wertekernen ist in diesem Zusammenhang wichtig. Wertekerne sind eigene Überzeugungen oder Beliefs, die eng mit Wertevorstellungen verbunden sind.

Keine Werteaneignung, keine Kompetenzentwicklung

Ein wesentlicher Vorgang zur Kompetenzentwicklung ist die Werteaneignung. Werte durchziehen unser gesamtes Denken und Handeln in nahezu jeden Augenblick. Werte haben sehr unterschiedliche Erscheinungsformen die wir auch sprachlich unterscheiden. Diese sind u.A. Empfindungen, Interessen, Einstellungen, Meinungen, Haltungen, Überzeugungen, Vorurteile, Ansichten etc. Sie können von Individuen oder von Gruppen hervorgebracht werden, man unterscheidet:

  • hedonistische Werte (Genuss),
  • utilitaristische Werte (Nützlichkeit),
  • ästhetische Werte (Schönheit),
  • ethisch-moralische Werte (Moral),
  • und politisch-weltanschauliche Werte (Politik).

Hier lässt sich vielleicht schon vermuten, dass wenn sich Interessen oder Überzeugungen ändern ein Prozess stattfindet.

Labilisierungsprozess

Es gibt verschiedene Modelle, wie Menschen sich Werte aneignen bzw. sich alten Werten entledigen und neue Werte annehmen. Dazu gehören folgende Modelle, die hier nur aufgeführt, aber nicht weiter im Detail beschrieben werden:

  • Wertaneignung unter allgemeinphsychologischer Betrachtung,
  • Wertaneignung nach der Psychotherapieforschung,
  • Wertaneigung mit Gruppendynamik.

Um zu verstehen, wieso Werteaneignung für die Kompetenzbildung wichtig ist, muss man den Interiorisations- und Exteriorisationsprozess (auch Internalisierung) von Werten verstehen, vergleiche dazu Erpenbeck, Sauter: 2007 S. 60f.

Interiorisationsprozess

Interiorisationsprozesse.gif

Orientierungsphase 1

im Ausgangspunkt steht ein Konflikt indem man einen “alten” Wert überprüft, ob er in einer neuen Situation übernommen werden kann. Man kann diese Konflikte aufteilen in: Gegenstandskonflikte, Partnerkonflikte, Gruppenkonflikte und Sozialkonflikte.


Orientierungsphase 2

Die Probleme/Konflikte werden als Widerspruch in der eigenen Wahrnehmung, Urteilsbildung im Denken, Lernen und Kommunizieren wahrgenommen.

Unzufriedenheitsphase

Der Widerspruch führt zu einer psychischen Labilisierung, zu einer kognitiven Dissonanz oder auch zu einem inneren Widerspruch. Hier liegt eine zentrale Bedeutung für echtes Lernen! Diese notwendige Dissonanz ist der Motor fürs Lernen. Je größer die Dissonanz, desto größer sind die damit verbundenen Emotionen und desto tiefer geht der Internalisierungsprozess.

Lösungsphase 1

Durch Konflikte entstehen Emotionen und Motivationen. Kognitive Inhalte werden stets mit emotionalen Aspekten gespeichert. Sie sind ebenfalls unverzichtbar für den Internalisierungsprozess.


Lösungsphase 2

Beinhaltet die Änderung oder Entstehung neuer emotional-motivationaler Wertungen.


Produktivphase

Testweise werden adaptiv oder neu entstandene Wertungen durch Kommunikation oder physisches Handeln ausprobiert.


Beendigungsphase

Das Resultat wird als Wert in der Kommunikation oder im physischen Handeln übernommen oder es kommt wiederum zu einem neuen Konflikt, der seinerseits als Ausgangspunkt des Interiorisationsprozesses steht.

Welche Kompetenzen werden mit Wikis entwickelt?

Kompetenzen ermöglichen selbstorganisiertes, kreatives Handeln. Dabei kann man sagen, dass die umspannende Handlungskompetenz in vier Grundkompetenzen aufgeteilt wird. Diese sind:

  • Fachlich-methodische Kompetenz
  • Sozial-kommunikative Kompetenz
  • Aktivitäts-Kompetenz
  • Personale-Kompetenz

Erst das Zusammenspiel aller dieser Grundkompetenzen ermöglicht ein selbstorganisiertes, kreatives Handeln. Als Beispiel kann man eine Situation aus der Arbeitswelt nehmen.

Ein Servicetechniker soll eine Waschmaschine beim Privatkunden reparieren.

In dieser Situation nützt ihm sein Berufsabschluss und seine Zertifikate nichts, er muss die Situation vor Ort auf sich gestellt bewältigen. Hierzu braucht er die fachlich-methodische Kompetenz, um den Fehler bei der Waschmaschine zu erkennen und ggf. vor Ort zu beheben. Ebenso ist eine sozial-kommunikative Kompetenz nötig, um mit dem Kunden ins Gespräch zu kommen und auf ihn eingehen zu können und ihn dabei nicht verärgern, weil der Kunde den Kundenservice der Firma auch wieder in Anspruch nehmen soll. Dabei braucht der Techniker auch eine personale-Kompetenz, denn, wenn er einen Fehler gefunden hat, muss er seine Reparatur-Absicht beim Kunden durchsetzen. Dazu zählt auch eine Portion Kreativität, Mut und Selbstvertrauen. Schließlich nützen ihm alle fachlichen, personalen und sozialen Kompetenzen nichts, wenn er seine Vorstellung nicht mit eisernem Willen umsetzen kann. Also braucht er Aktivitäts-Kompetenz.

Jetzt stellt sich die Frage: Kann ein Web-2.0-Werkzeug, wie das Wiki, dazu beitragen Kompetenzen beim Lerner zu fördern? Einen interessanten Bericht dazu, wie aufwendig es ist, in der Mutter aller Wikis einen Artikel zu schreiben, hat Helge Städtler verfasst: Ein Eintrag in die Enzyklopädie Wikipedia: Wie geht das eigentlich? Beim Lesen wird sehr schnell deutlich, dass es weit anspruchsvoller ist, als es erst den Anschein hat.[1] Es wird klar, dass man auf alle Fälle sozial-kommunikative Kompentenzen benötigt, aber alle anderen Grundkompetenzen ebenso.

Hier das übertragene Beispiel: Ein Eintrag in die Enzyklopädie Wikipedia

Man sitzt zu Hause an seinem Rechner und möchte einen eigenständigen Artikel über Selbstorganisationsdispositionen in Wikipedia eintragen. Schnell wird dieses Vorhaben in der Wikipedia bemerkt und eingefleischte Wikipedianer geben Ratschläge und schreiben einen den Text um. Es wird die sozial-kommunikative Kompetenz verlangt, um den Co-Autoren klar zu machen, warum dieser Artikel wichtig ist und eigenständig in der Wikipedia aufgelistet sein sollte. Ebenso benötigt man fachlich-methodische Kompetenz, um einen fachlich richtig und lesbaren Text zu schreiben. Beim Schreiben eines Wiki-Artikels ist wiederum Beharrlichkeit, also die Aktivitäts-Kompetenz gefragt.

Erpenbeck und Sauter haben die gleiche Einschätzung, dass Wikis ein sehr starkes Dissonanz-/Labilisierungspotential besitzen, bzw. Potential für den Kompetenzerwerb bezüglich den sozial-kommunikativen Kompetenzen aufweisen. Ein mittleres Dissonanz-/Labilisierungspotential schreiben die beiden Autoren den drei übrigen Grundkompetenzen zu.

Wikis für Blue Collar Worker

Ein Spezialfall dürfte es sein, Auszubildenden im Berufsfeld Metalltechnik die Vorzüge von Wikis näher zu bringen. Tendenziell handelt es sich bei den Jugendlichen um solche, die froh sind, wenn sie handwerklich tätig werden können und sehr unglücklich sind, wenn es darum geht, etwas niederzuschreiben.

Für diese Anwendergruppe müssten Wikis einen echten Mehrwert bedeuten. Die einfachste Variante wäre, dass das Unternehmen bereits Wikis zur Wissensgenerierung in verschiedenen Bereichen (s.u. Wikis in der Berufsschule) nutzt, allerdings kann man in der Regel nicht davon ausgehen. Eine andere - wenn auch vorerst theoretische - Überlegung ist, es klar zu machen, dass man mit Wikis hervorragend Informationen sammeln kann und sich darüber hinaus gemeinschaftlich z.B. in ein neues Produkt einarbeiten kann (Communities of Practice).

Beispiele

  • Wikiprojekt der Winsen, Klassen aus dem Berufsfeld Metalltechnik nutzen ein schuleigenes Wiki

Fußnoten

  1. Wie viel anspruchsvoller das Erstellen eines Wikipediaartikels im Laufe der Zeit geworden ist, kann man an der Wikipediaseite Der erste Artikel von Hans Kohberger sehen, wenn man frühe Artikel mit späteren vergleicht. (Besonders gut geht das, wenn man die Artikel nach dem Erstellungsdatum ordnet.)

Literatur

  • John Erpenbeck und Werner Sauter: Kompetenzentwicklung im Netz, New Blended Learning mit Web 2.0, (Köln: Luchterhand, 2007). ISBN 9783472070894
  • John Erpenbeck und Lutz von Rosenstiel: Handbuch Kompetenzmessung, 2. Aufl. (Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 2007). ISBN 9783791024776


Siehe auch