Kompetenzorientiert unterrichten

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Begriffsklärungen

Kompetenzen können definiert werden als „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen [die willentliche Steuerung von Handlungen und Handlungsabsichten] und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“. (Franz E. Weinert (Hrsg.): Leistungsmessungen in Schulen, Beltz 2001, S. 27f.)

Kürzer: Unter Kompetenzen sind generell Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Bewältigung von Aufgaben und Problemstellungen zu verstehen.

Am Ende eines Lernprozesses - sei es der eigene oder der mit Schülern durchgeführte - wird erwartet, dass der Lernende

  1. mehr weiß, also Kenntnisse erworben hat
  2. mit diesen Kenntnissen etwas anfangen kann, also über die nötigen Fertigkeiten und Fähigkeiten hierzu verfügt, und
  3. sich selbst in ein Verhältnis zu diesem Wissen, den Fertigkeiten und Fähigkeiten setzen kann, also eine bewusste und reflektierte Haltung einnehmen kann.

"Bildungsprozesse zielen nach übereinstimmender Einschätzung auf den Erwerb von 1. Kenntnissen, 2. Fähigkeiten und 3. Einstellungen. Nichts anderes aber meint die pädagogische Diskussion der letzten 30 Jahre mit dem Begriff der Kompetenz." (G.Ziener, Bildungsstandards in der Praxis, 2008 S. 18)

Bildungsstandards "benennen die Kompetenzen, welche die Schule ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln muss, damit bestimmte zentrale Bildungsziele erreicht werden. Die Bildungsstandards legen fest, welche Kompetenzen die Kinder oder Jugendlichen bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe erworben haben sollen. Die Kompetenzen werden so konkret beschrieben, dass sie in Aufgabenstellungen umgesetzt und prinzipiell mit Hilfe von Testverfahren erfasst werden können. [...]
Mit dem Begriff „Kompetenzen“ ist ausgedrückt, dass die Bildungsstandards – anders als Lehrpläne und Rahmenrichtlinien – nicht auf Listen von Lehrstoffen und Lerninhalten zurückgreifen, um Bildungsziele zu konkretisieren. Es geht vielmehr darum, Grunddimensionen der Lernentwicklung in einem Gegenstandsbereich (einer „Domäne“, wie Wissenspsychologen sagen, einem Lernbereich oder einem Fach) zu identifizieren. Kompetenzen spiegeln die grundlegenden Handlungsanforderungen, denen Schülerinnen und Schüler in der Domäne ausgesetzt sind.“ E. Klieme u.a.: Expertise zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards, herausgegeben vom Ministerium für Bildung und Forschung 2003, S. 19-21 oder http://www.bmbf.de/pub/zur_entwicklung_nationaler_bildungsstandards.pdf )

Das Kompetenzmodell als Instrument der Unterrichtssteuerung

Politik und Kompetenz

Der Grund, warum die Kompetenzorientierung zur Zeit ein Megathema im deutschen Bildungswesen ist, lässt sich zuerst mal in der Politik ausmachen. Die Kultusbürokratie hat nämlich die Kompetenzorientierung eingeführt als Modell der Unterrichtssteurung. Man kann natürlich als Praktiker sagen, naja, da wird mal wieder eine Sau durchs politische Dorf getrieben; aber die Sau läuft ja auch nicht ohne Grund durchs Dorf: Im Faselstall wartet der Dorfeber, und man hofft auf Ferkel. Aber auch, wer an der Fruchtbarkeit politischer Initiativen persönlich wenig Interesse hat, muss sich mit den zur Zeit angesagten Strukturen spätestens dann befassen, wenn er oder sie Praktikantinnen und Praktikanten oder Studienreferendarinnen und -referendare / "Lehrer im Vorbeitungsdienst" (Hessen) betreut.

Lehrplanorientierte Unterrichtssteuerung

Lehrplanorientierung

Das lehrplanorientierte Unterrichtsmodell ist ein Push-System; die Kultusbehörde macht Vorgaben in Form von Stoffplänen und schickt Lehrerinnen und Lehrer in die Schulen, den in den Plänen beschriebenen Stoff den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln.

Dazu braucht der Unterrichtende geeignete Methoden, die gleichsam eine Brücke bilden, auf der der Stoff den Lernenden erreicht.

Beispiel:

Zu lernen sind 50 Geschichtszahlen gemäß dem Lehrplan für Stufe X. Der Lehrer zeigt den Schülerinnen und Schülern verschiedene Methoden - Karteikärtchen, wiederholtes Abschreiben, Aufsprechen auf einen Tonträger und wiederholtes Abhören, Verknüpfung der Ereignisse mit Bildern -, wie man sich so etwas merken kann.


Kompetenzorientierte Unterrichtssteuerung

Kompetenzorientierung

Die kompetenzorientierte Unterrichtssteuerung ist hingegen ein Pull-System. Die Kultusbehörde beschreibt keine Vorgabe mehr, sondern das, was beim Unterricht herauskommen soll. Dass Unterricht ein Kommunikationsgeschehen zwischen Lehrern und Schülern ist, verändert sich nicht – aber in den Fokus der Umsetzung der behördlichen Steuerung tritt jetzt die Aufgabe. Das wird unten noch näher erläutert

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Natürlich kann man sich fragen, was sich durch diese Neukonzeption in der Praxis wirklich ändert.

Bleiben wir beim Beispiel Geschichte: Es kann ja nicht sein, dass die Politik nur noch festlegt, welche Aufgabentypen - etwa Quellenkritik, Informationsaufnahme aus einem Buch, Interpretation von Karikaturen usw. - die Schüler bewältigen können sollten. Sondern es muss ja nach wie vor auch festgelegt werden, dass die Griechen und Römer, die deutschen Kaiser des Mittelalters und der Gründerzeit im Geschichtsunterricht verbindlich durchgenommen werden, der Weg Thailands zur konstitutionellen Monarchie unter Vajiravudh und Prajadhipok im Jahre 1910 aber nicht. Eine ausschließliche Kompetenzorientierung ohne verbindliche Stoffpläne kann es also nicht geben.

Trotzdem verändert der Wechsel der Orientierung auch das Schulleben. In Hessen sollen Vergleichsprüfungen und das Landesabitur sicher stellen, dass die Zertifikate der verschiedenen Schulen in etwa dasselbe aussagen über die Kompetenzen der Neuntklässler und der Abiturienten. Evaluation wird groß geschrieben. Das wird die Lehrerinnen und Lehrer zwingen, mehr darauf zu achten, was ihre Schülerinnen und Schüler wirklich können, in welche Kategorien das gefasst werden kann und durch welche Aufgaben Kompetenzen individuell gefördert und überprüft werden können. _-Antonius53 10:28, 7. Nov. 2011 (CET)


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Kompetenz und Aufgabe

Kompetenz und Aufgabe

Während die Methode eine Brücke schlägt vom Stoff zum Schüler, zur Schülerin, schlägt die Aufgabe eine Brücke vom Schülerin zu den Fähigkeiten, die er erwerben soll oder bereits erworben hat - wie in der Grafik ausgewiesen.

Beispiel: Baden Württemberg gibt vor, dass Schülerinnen und Schüler der Stufe 6 Quellen antiker Geschichtsdarstellung über Cäsar und Augustus hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit beurteilen sollen. Man wird das Schülern dieses Alters nicht einfach so als Aufgabe geben können, sondern in Teilaufgaben zerlegen: (1) Ermittle, warum Cäsar "De bello Gallico" geschrieben hat. (2) Denk nach: Was wird man in einer Schrift mit diesem Verwendungszweck eher betonen und eher unter den Tisch fallen lassen? (3) Jetzt geh an den Text heran, der eine Verhandlung mit Gallierfürsten beschreibt und denk dir mal Alternativen aus, wie sich die Geschichte auch abgespielt haben könnte. (4) Was glaubst Du, ist die wahrscheinlichste Version, und warum glaubst du das?


Kompetenzmodell

Die vier Basiskompetenzen, die fachliche und methodische, die personale und die soziale Kompetenz, zielen auf eine Stärkung der jungen Menschen und ihrer Handlungsfähigkeit.

Kompetenzbereiche.png

Aufgrund der zentralen Rolle fachbezogener Fähigkeiten und fachbezogenen Wissens sind Kompetenzen in hohem Maße domänenspezifisch, d.h. sie werden folglich von Fach zu Fach zu konkretisieren sein. Dies geschieht in den Bildungsstandards der jeweiligen Fächer. Im Fach Deutsch (Ba-Wü) sind dies z.B. Sprachkompetenz, Kulturelle Kompetenz, Ganzheitliche Persönlichkeitsbildung, Methodenkompetenz, Kommunikative Kompetenz, Schreibkompetenz, Lesekompetenz, Medienkompetenz und Sprachreflexion.

Kompetenzniveaus

Während nach obigem Kompetenzmodell der Kompetenzerwerb in die vier Bereiche Selbst-, Sozial-, Methoden- und Fachkompetenz gegliedert wird, kann der Ertrag des Kompetenzerwerbes in drei Niveaustufen dargestellt werden. Die Leistungsdifferenzierung umfasst drei Stufen: A – B – C . (für Baden-Württemberg z.B. in den Niveaukonkretisierungen Baden-Württemberg.

Diese Erwartungniveaus bezeichnen

A. Mindesterwartungen („es reicht/genügt, wenn die Schüler ... gelernt haben.“), sie müssen für alle, auch die Schwächeren, erreichbar sein
B. Regelstandards („wünschenswert ist, dass die meisten Schüler ... erreicht haben.“ - In der Regel sollten Schüler dieses ... leisten können.“) formulieren das, was altersentsprechend erwartet werden darf, also unter den gegebenen Umständen als realistisch und zumutbar erscheint.
C. Expertenstandards „formulieren ein theoretisch erreichbares Höchstniveau“ (Ziener S.51) Dieses Höchstniveau darf nicht als Maßstab für den Normalunterricht gesetzt werden.

„Ein im Unterricht anzubietendes Minimum für alle, ein anzustrebendes Regel- oder Durchschnittsniveau als Leistungs- und Differenzungsanreiz sowie ein den theoretischen Bestfall beschreibendes Expertenniveau“ umreißen den Horizont dessen, was im Unterricht gelernt und gelehrt werden kann. (Ziener S. 51)

G.Ziener stellt nun für die drei Niveaustufen und die vier Kompetenzbereiche eine Art Nomenklatur her, die sich so darstellen lässt (54f)

Niveaustufe =>
Kompetenzbereich
V
A B C
KOGNITIVGründzüge wiedergeben können Hintergründe benennen können Transfer leisten können
KOMMUNIKATIV Gegenstandbezogene Äußerungen Adressatenbezogenes Reden Diskursive Reflexion
METHODISCH Reproduktion: Vorlage wiederholen Rekonstruktion: Durchdringung Transformation: Übertragung
PERSONAL/SOZIAL reaktiv aktiv konstruktiv

Dies wäre auf fachspezifische Leistungen und Teilleistungen anzuwenden.

Evaluation/Diagnose

  • Die Diagnose- und Vergleichsarbeiten (DVA) in Baden-Württemberg ermitteln am Ende eines Bildungsabschnittes, in wie weit es der Schule gelungen ist, den zugehörigen Bildungsstandards gerecht zu werden (z.B. in http://www.schule-bw.de/entwicklung/dva).
  • VERA 8: Die Digitale Schule Bayern bietet zusammen mit der Zentrale für Unterrichsmedien allen SchülerInnen die Möglichkeit, Beispielaufgaben des VERA-8-Tests sowie frühere Vergleichsarbeiten online zu üben. Diese sind in drei Testheften zusammengefasst, deren Schwierigkeitsgrad von A nach C zunimmt.

Kompetenzorientierung im Fachunterricht

Deutsch

→ Kompetenzorientierung im Deutschunterricht

Geschichte

→ Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht

Fachliteratur

Fächerübergreifend
  • Gerhard Ziener: Bildungsstandards in der Praxis. Kompetenzorientiert unterrichten. Klett|Kallmeyer 2008, 126 Seiten ISBN 978-3-7800-1008-7
"Ein Buch für Lehrer aller Schulformen und Jahrgangsstufen
Der Autor entfaltet dabei einen eigenständigen didaktischen Ansatz kompetenzorientierten Lehrens und Lernens. Kriterien und Indikatoren für den Unterricht von der Planung über die Durchführung bis zur Lernstandsdiagnose werden entworfen, die sich vom herkömmlichen, inhaltsorientierten Unterricht unterscheiden. Das Buch gibt ebenfalls Antworten auf die Frage nach den Methoden für ein kompetenzorientiertes Lehren. Ein ausführlicher Unterrichtsentwurf beschreibt, wie die Orientierung an Kompetenzen die Planung des Unterrichts verändert. Kompetenzen unterrichten hat auch Auswirkungen auf das kollegiale Beratungsgespräch, wie Gerhard Ziener zeigt." (Informationen des Verlags)

Internetressourcen

Linksammlung zu Gemeinschaftsschule und individualisiertem/kompetenzorientiertem Lernen


Siehe auch