Medea

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche
Begriffsklärung Diese Seite befasst sich mit dem antiken Medea-Mythos und mit der Tragödie des Euripides. Um den Roman von Christa Wolf geht es im Artikel Medea. Stimmen.

Medea ist eine Tragödie von Euripides, die 431 v. Ch. uraufgeführt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte/Mythos

Medea ist die zauberkundige Tochter des Königs Aetes, des Herrschers über die barbarischen Kolcher. In dessen Land befindet sich das Goldene Vlies, bewacht von einem tödlichen Drachen. Jason, dem Helenen/Griechen, gelingt es, mit Hilfe der ihn liebenden Medea, den Drachen zu besiegen und das Vlies mitzunehmen. Mit dieser Tat - und noch einigen anderen - denkt er, sich den Anspruch auf den Thron in seiner Heimat zu erwerben, was ihm am Ende aber nicht gelingt. Medea hat ihm zuliebe ihren Vater verraten und ihren Bruder getötet, nun befindet sie sich mit ihrem Gatten Jason und den zwei gemeinsamen Kindern auf der Flucht. Sie finden Aufnahme in Korinth bei König Kreon. Jason wird seiner Frau dort untreu und will sich mit Kreons Tochter Glauke vermählen.

Handlung

Ort der Handlung: Vorhof des Palastes der Medea in Korinth, Zeitdauer: ein Tag.
Protagonisten: Medea, Kreon, Jason, Ägeus, der Bote, Amme und Hofmeister der beiden Knaben
Der Chor ist - als Zuhörer, Kommentator, Ratgeber und Warner - immer anwesend

Prolog und Parodos:

Die Amme beklagt die Situation Medeas. Diese wurde, fern von der Heimat und von ihrem Vater, nun auch von ihrem Gatten Jason verlassen. Denn der hat sich die Tochter Kreons, des Herrschers von Korinth, ‚erwählt‘ (V.19). Die Amme weiß um den unbändigen Zorn Medeas und befürchtet, dass diese blutige Rache nehmen wird. Nur wie? Es kommt der Hofmeister hinzu, der Erzieher von Medeas Kindern, und übermittelt das Gerücht, dass Kreon Medea aus seinem Lande zu vertreiben plant.

Aus dem Palast hört man die Klagen Medeas und ihre Verfluchungen der „unseligen Brut“ (114). Der hinzugetretene Chor (Parodos) hört ebenfalls die Klagen und fordert die Amme auf, zu Medea zu gehen und sie zu besänftigen.

1. Epeisodion: Medea - Kreon:

Medea selbst tritt auf und schildert das unglückliche Los der Frauen. Ihr Los ist es zudem, heimatlos zu sein. Kreon erscheint, um ihr ohne Umschweife mitzuteilen, dass sie bis zum nächsten Morgen mit ihren Kindern das Land zu verlassenhabe, sonst seien sie des Todes. Er begründet dies mit der Gefahr, die von ihr und ihren Künsten für die eigene Tochter ausgehe. Diese Ausweisung beschleunigt in Medea die Absicht, den Gatten, die Nebenbuhlerin und deren Vater zu vernichten, am besten mit Gift. (Stasimon)

2. Epeisodion: Jason - Medea:

Jason tritt auf und bietet Medea Hilfe an, damit sie nicht „vermögenlos“ in die Verbannung muss. Medea aber beschimpft ihn, hält ihm vor Augen, was sie für ihn getan habe und dass sie nun nicht mehr in die Heimat zurück könne. Jason entgegnet, dass sie selbst durch üble Schmähungen und Drohungen gegen den König sich in diese Lage gebracht habe, er dagegen habe sich mit der Tochter Kreons verbunden, damit seinen und ihren Kindern ein sicheres Leben ermöglicht werde: „…ich wollte nur dich retten, wünschte königliche Brüder… meinen Kindern zugesellt.“ (588ff) Medea weist seine Hilfe zurück. - Chor: .. der Heimat beraubt zu sein, nenn ich das größte Übel.“ (V.649)

3. Epeisodion: Ägeus - Medea

Ägeus, König von Athen, trifft auf Medea. Er sucht eine Frau, die ihm Nachkommen verschafft. Hierfür hat er einen Orakelspruch eingeholt, den er sich von einem alten Gefährten deuten lassen möchte. Medea bietet sich ihm als Ehefrau und Gebärerin an, er kann ihr Retter sein. Ägeus willigt ein, sie niemals zu verlassen oder zu betrügen. Wieder allein, triumphiert Medea, denn sie weiß sich gerettet; nun verkündet sie dem Chor ihren Racheplan: Mit Hinterlist und Täuschung will sie die Nebenbuhlerin vergiften und ihre eigenen Söhne töten, denn „So kränk ich meinen Gatten auf das bitterste.“ (802) - Der Chor versucht vergeblich sie umzustimmen, denn: Wer wird sie danach noch aufnehmen? Niemand.

4. Epeisodion: Jason - Medea

Jason erscheint und nimmt mit Freude zu Kenntnis, dass Medea ihren Groll zu bereuen scheint und sich seinen Argumenten beugt. Sie bittet ihn, dass er Kreon bitte, die Kinder nicht auch zu verbannen, sondern an Hofe aufzuziehen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, hat sie Geschenke ausgewählt, welche die beiden Söhne pesönlich der neuen Braut überreichen sollen: Ein Kleid und einen goldenen Kopfschmuck. Jason legt zunächst Widerspruch gegen die Geschenke ein, denn sie brauche ihre Schätze selbst und die neue Braut bräuchte derlei nicht, da sie schon aus Liebe zu Jason sich für die Kinder einsetzen werde.

5. Epeisodion: Medea - Hofmeister - Bote

Der Hofmeister teilt Medea freudig mit, dass Kreon ihrer Bitte zugestimmt habe, und wundert sich, dass Medea sich über diese Kunde nicht freut. In einem bewegten Monolog trägt Medea und einen inneren Kampf aus, ob sie ihre Kinder verschonen soll oder nicht. Letztlich gibt aber den Ausschlag, dass die tödlichen Geschenke schon unterwegs sind und folglich der Tod der Braut nicht mehr aufzuhalten ist: „Schon auf dem Haupt ruht der Kranz, in meinem Kleid, ich weiß es sicher, stirbt die königliche Braut.“ (1038 ff) - Der Chor reflektiert über das Glück des Kinderlosen und die Leiden derer, die Kinder großziehen (1063 - 89). Ist das alles Schicksal, von einem Gott geschickt?

Ein Bote kommt und berichtet Medea, auf welch grausame Weise die Braut umgekommen ist. Auch Vater Krean, der seine Tochter berührte, starb qualvoll an Gift und Feuer. Jetzt steht ihr Entschluss fest, es gibt kein Zurück mehr, sie muss die Knaben töten und eiligst fliehen. Während der Chor seinen Klagegesang („O weh!“ 1125) anstimmt, hört man die ängstlichen Stimmen der Knaben im Palast, wo sie vesuchen, den mordenden Mutter zu entkommen.

Epilog und Exodos:

Jason stürmt herbei und erfährt vom Chor, dass auch seine Söhne tot sind. Medea aber entzieht sich seiner Wut, indem sie sich auf einem Drachenwagen in die Lüfte schwingt, sie ist ja aus dem Hause des Helios, des Sonnengottes. In diesem Wagen führt sie auch die Leichen der Knaben mit sich, so dass Jason nicht einmal seine Söhne mehr würdig bestatten kann. „Kein Weib in Hellas hätte dies jemals vermocht.“ (1313) Nur eine Frau aus einem „Barbarenland“ (1304). - Er bleibt zurück als der bitter Gekränkte, hoffend, das die Rachegeister der Kinder (Erinnyen) sie heimsuchen werden. Sie aber macht sich zu dem neuen Gatten Ägeus auf.  :Chor:

„Unerwartetes kommt, von der Gottheit gesandt,
So endet dieses Geschehnis.“

Zitiert wird nach der Reclam-Ausgabe, Stuttgart 1972, in der Übersetzung von J. J. C. Donner

Euripides

Stimmen zu Euripides' Medea

Euripides (480 - 406) war „ein Schüler der Sophisten, die den Menschen und die Vernunft in den Mittelpunkt ihres Weltbilds rücken. Die enge Bindung des Menschen an die Götter und den göttlich begründeten Staat, während der Perserkriege noch eine Notwendigkeit, löst sich in der Nachkriegsgeneration allmählich auf; damit verliert auch das aristokratische, tragisch-heroische Lebensgefühl an Kraft. Bürgerliche Tugenden treten an seine Stelle: man glaubt an den Wert der Erkenntnis, des Wissens, der Bildung, der Erziehung. In dieser Epoche der Aufklärung wird man skeptisch gegenüber den Göttern; man nähert sich der Einsicht, daß sie von den Menschen geschaffen worden sind und nicht umgekehrt, und man wird folglich ebenso skeptisch gegenüber dem Staat. Das Schicksal, das bis dahin, mag es noch so unbegreiflich gewesen sein, als sinnvoll und heilig begriffen worden ist, erscheint nunr eher als blindwütiger Zufall. Der Mensch tritt den Göttern fragend und klagend gegenüber. die Götter antworten nicht, der Mensch klagt ihre stumme Ungerechtigkeit an.“ (Georg Hensel, Spielpan. Der Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart, München 2001 S. 59f)

„Die leidenschaftliche Liebe Medeas zu Jason und ihre dämonische Rachsucht gaben Euripides Stoff für ein dramatisches Gemälde unbändiger Leidenschaft, welche über bessere Einsicht triumphiert. Die entscheidende Änderung des Mythos ist, daß Medea zur Mörderin ihrer eigener Kinder wird, die der verbreiteten Sage nach entweder von den Korinthern oder ihren königlichen Verwandten getötet wurden.“ (Nachwort zur Reclam-Ausgabe, Stuttgart 1972 S. 64)

Ein "Gerücht hat Euripides unterstellt, auf Bestechung Korinths, das Entlastung von dem mythischen Mordvorwurf suchte, Medea mit dem Kindermord belastet zu haben. Deutlich ist immerhin, dass Medea bei ihm zur Exponentin eines Geschlechterkampfes wurde, in dem das Echo älterer Kämpfe zwischen Matriarchat und Patriarchat zu hören ist, wobei Medea indes mit ihrer töchterlichen Fixierung auf den Sonnenvater und der erotischen auf den männlichen griechischen Mann eine Übergangsgestalt ist." (Mythos Medea. Texte von Euripides bis Christa Wolf, hrsg. v. Ludger Lütkehaus, Reclam Leipzig 2001, S.20)

„Hintergrund dieser Tragödie ist der Zusammenstoß der frühasiatischen mit der früheuropäischen Kultur. Medea, die Kolcherin, ist die Fremde, deren maßloses Wesen den griechischen Idealen strikt entgegengesetzt ist. Sie ist von göttlicher Herkunft, eine Enkelin des Sonnengottes Helios; eine Zauberin, die mit Hekate, der unheimlichen Göttin des Mondes, im Bunde steht. Medea besitzt für die Griechen den exotischen Reiz und den Schrecken des Barbarischen. Kränkung, Demütigung, beleidigter Stolz einer verlassenen und ausgestoßenen Frau sind, verzögernd gebrochen durch Mutterliebe, in den dämonischen Haß, die reuelose Rache, den erbarmungslosen Hohn gesteigert - ins Übermenschliche, das hier als das Nichtgriechische, das unbegreiflich Fremde, begreifbar gemacht wird. Die Gestalt der Medea ist nicht mehr Teil einer übergeordneten Handlung, sondern die Triebkraft der Handlung: die selbst gewordene dramatische Heldin, deren psychologische Besonderheiten die Besonderheit des Ablaufs erzwingen.“ (Georg Hensel, Spielpan. Der Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart, München 2001 S. 63f)

Lesetipps

  • Mythos Medea. Texte von Euripides bis Christa Wolf, hrsg. v. Ludger Lütkehaus, Reclam Leipzig 2001 ISBN 3-379-20006-9
  • Ulrike Schlicht: "Mensch oder Megäre?" - Szenische Erarbeitung von Christa Wolfs Medea-Roman, DeutschMagazin (Oldenbourg) 2/2006 S.9-14

Weblinks

"Der Mythos Medea eröffnet einen Komplex von Fragen und Themen, die allesamt um das Fremdsein in einer ‚intakten Welt' kreisen, einer Welt, die Versprechungen macht, sie aber nicht einlöst. Medea bleibt die Fremde, als die sie im wohlhabenden Korinth mit Jason eintrifft. Hier sucht sie Asyl. Doch Heimat kann ihr der neue Lebensort nicht werden. Sie ist geduldet, aber nicht integriert. Will sie Integration? [...] Im Jahr 2007 verbindet sich mit diesem Stoff die Frage nach der Existenz und den Perspektiven von Parallelgesellschaften."(www.staatstheater.stuttgart.de)