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Der Einsatz von Portfolios in der Sekundarstufe I

Ilse Brunner/Elfriede Schmidinger: Leistungsbeurteilung in der Praxis,
Veritas Verlag Linz 2001, Preis: 18.10 €, ISBN 978-3705858176
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Alle reden von Lese-Förderung, Lese-Erziehung, Lesekompetenz usw. Hier geht es zur Abwechslung um Schreiben und Schreiberziehung im Rahmen von Portfolio-Arbeit. Zuerst zum Begriff: Unter einem Portefeuille verstand man früher eine Brieftasche, unter einem Portfolio verstehen heutige Börsianer eine Zusammenstellung von Wertpapieren; ein Portfolio in unserem Zusammnhang ist auch eine Dokumentenmappe, die für den Besitzer wertvolle Schriftstücke enthält; wertvoll jedoch, weil sie von ihm selbst sind, weil er sich damit präsentieren will oder weil er darin eine persönliche Entwicklung dokumentieren kann.

Die Idee der Portfolio-Arbeit kommt aus den Schreibkursen in den USA und spiegelt die Konzepte konstruktivistischer Lerntheorien wieder. Die Ziele sind:

  • Verbesserung der Metakognition, d.h. das Verständnis für eigenen Lernprozesse fördern
  • Bewusstsein für eigenen Lernstrategien schaffen sensibilisieren
  • Freies, offenes und selbstverantwortetes Arbeiten, das zugleich ergebnisorientiert und prozessorientiert ist.
  • Dem Lehrenden vermittelt das Portfolio ein Portrait des individuellen Lerners, seiner Schreibfertigkeiten, Vorlieben und Selbsteinschätzung.

Eine Dokumentenmappe/Portfolio wird vom Schüler über einen bestimmten Zeitraum hin weitgehend selbstständig geführt und sollte (mindestens) enthalten:

  • eine Selbstdarstellung des Schülers als Schreibender
  • eine Auswahl eigener Texte (Pflicht und Kür)
  • eine Selbstbewertung dieser Texte (eventuell mit Hilfe eines Fragebogens)
  • mindestens einen Lehrerkommentar bzw. Feedback.

Von einer herkömmlichen Dokumentenmappe unterscheidet sich das Portfolio dadurch, dass der Schreibende darin zur Reflexion seines Schreibens (Prozess und Produkt) verpflichtet ist. Das Buch der beiden österreichischen Autorinnen Ilse Brunner/Elfriede Schmidinger stellt die Einsatzmöglichkeiten von Portfolios in der Sekundarstufe I in detaillierter und vielfältiger Weise vor, angefangen von der Bastelanleitung für die Mappe (fächerübergreifend!) bis hin zum so genannten Portfolio-Gespräch mit dem Schüler und Vorschlägen für eine differenzierte Leistungsbeurteilung.

Die Beispiele für Portfolio-Arbeit stammen nicht nur aus dem Deutschunterricht, sondern auch aus dem Kunst- oder Englischunterricht. Der Portfolio-Ansatz kann im Deutschunterricht jedoch besonders fruchtbar gemacht werden. So sind Portfolios denkbar im Bereich

- autobiografischen Schreibens: Erzählen, Schildern, Berichten, Stellung nehmen (Klasse 5/6)
- zur Einübung eines erweiterten Textsortenspektrums: fiktionales, sachliches und argumentierendes Schreiben (Klasse 7-9)
- als Portfolio zur Dokumentation und Reflexion von Berufsorientierungsphasen wie z.B. BoGy (Klasse 10/11)
- als Epochenmappe Autoren oder Werk-Portrait-Mappe (Kursstufe).

Entscheidend ist - wie schon betont - die Verpflichtung zur Selbstreflektion: Die Sammel-, Schreib- und Auswahlprozesse, die bei der Arbeit am Portfolio ablaufen, sollen mitbedacht und dokumentiert werden.

--Klaus Dautel


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Das Handbuch Portfolioarbeit

Ilse Brunner, Thomas Häcker, Felix Winter (Hg.)
ISBN: 3-7800-4941-4, Kallmeyer Verlag 2006, 19,90 EUR
Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Noch bevor die Portfolio-Idee in der Schule richtig Raum greifen kann, droht sie schon in Verruf zu geraten: Anstatt die Portfoliomethode als Möglichkeit einer "neuen Lernkultur" – in allen Ausbildungsbereichen - zu begreifen, wird das Portfolio auch schon als kultusbehördlich verordneter Leistungsnachweis gehandelt. Dadurch gerät der Begriff und die Philosophie des Portfolios in ein trübes Licht.

Dennoch – es ist äußerst lohnenwert, sich mit der Sache zu beschäftigen und das "Handbuch der Portfolioarbeit“ ist dazu sehr hilfreich. Es enthält über 30 Beiträge, die nach folgenden Gesichtspunkten gruppiert sind:

  1. Konzeptionelle Grundlagen der Portfolioarbeit
  2. Erfahrungen mit Portfolioarbeit
  3. Leistungsbewertung mit Portfolios
  4. Portfolios in der Lehrerbildung

Die Herausgeber sind Portfolio-Gurus, Vorreiter und emphatische Vertreter dieser Lernkultur, und dennoch Realisten. Dies zeigt sich besonders in den letzten Beiträgen zur Lehrerbildung und im Epilog mit dem Titel: "Keine verordneten Hochglanz-Portfolios, bitte! Die Korruption einer schönen Idee?“ (S. 257-61)

Auch wenn die Beiträge aus der Praxis und zur Leistungsbewertung nur zu einem geringen Teil aus dem Deutschunterricht stammen, so ist das Buch dennoch eine Fundgrube gerade für Deutschlehrer und solche, die es gerade werden. Es ist äußerst anregend, sich über eine "neue Lern- und Prüfungskultur“ Gedanken zu machen, auch wenn man sie nicht in dieser Radikalität umsetzen will bzw. kann. Wenn Felix Winter vom "Krebsgeschwür der Schule“ spricht und damit das ganze System des "Lernens auf Klassenarbeiten hin, der Abfragerei, der Ziffernbenotung und der damit verknüpften Selektion einschließlich Sitzenbleiben“ (S. 21) meint, dann möchte man dem nicht gleich widersprechen, sondern erfahren, wie es anders gehen kann. Der 4. Teil des Buches hilft hier weiter: Beiträger wie Thorsten Bohl oder Felix Winter haben sich ja auch an anderer Stelle hierzu ausführlich geäußert. (siehe F. Winter: Leistungsbewertung, Schneider Verlag 2004 und T. Bohl: Prüfenund Bewerten im Offenen Unterricht, Beltz 2004)

Und noch ein Grund sei genannt für die Lektüre dieses Buches: Der Aufsatz von Thomas Häcker und Felix Winter mit dem Titel: "Portfolio – nicht um jeden Preis! Bedingungen und Voraussetzungen der Portfolioarbeit in der Lehrerbildung.“ (S. 227-233)

--Klaus Dautel


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