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Der Leopard

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Der Leopard ist ein Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der 1958 unter dem italienische Originaltitel Il Gattopardo bei Feltrinelli erschien.

Inhaltsverzeichnis

Der historische Kontext, die Einigung Italiens

Die Rolle Siziliens in der Einigung Italiens

  • nach dem Wiener Kongress war Italien ein unter verschiedenen Herrschern aufgeteiltes Land (Fremdherrschaft durch Österreich, Spanien; Kirchenstaat)
  • es wurden Forderungen nach Einheit und Freiheit gestellt (z.B. von Guiseppe Mazzini)
  • Sizilien gehörte zum „Königreich beider Sizilien“, das von den Bourbonen beherrscht wurde
  • das Königreich Piemont-Sardinien unter der Führung Cavours strebte die Einigung Italiens an
  • 1866 kommt noch Venetien, 1870 der Kirchenstaat hinzu

sehr ausführlich und genau dargestellt in der Wikipedia, Stichwort "Risorgimento"

Inhalt des Romans

Die acht Kapitel der Romanhandlung im Überblick

Erstes Kapitel

Das erste Kapitel des „Leopard“ beginnt direkt mit dem Einstieg in das Familienleben der Salina: Das täglich ausgeübte Zeremoniell des Rosenkranzbetens ist eben zu Ende, die Familie zerstreut sich in den weiträumigen Sälen und Zimmern des Palastes, um sich diversen Beschäftigungen hinzugeben. Nach einer kurzen, aber nichtsdestoweniger eindrucksvollen Beschreibung eines Teilbereichs der salinischen Residenz folgen skizzenhafte Kurzcharakterisierungen der Familienmitglieder, darunter die des etwas verschlafenen Paolo, der „schönen"“ wenngleich „hysterischen“ Fürstin, sowie des Fürsten selbst, jenem herrischen Giganten, dem später bis zum Ende des Romans die Rolle des Protagonisten zukommen wird. Nach einer flüchtigen, jedoch äußerst prägnanten Schilderung von Don Fabrizios Charakter, seinen Neigungen, Eigenheiten und Vorlieben, wird Sizilien an sich in der folgenden Gartenszene unter die Lupe genommen. Die Natur, die Blumen, Düfte und Blätter, sie alle tragen Sizilien in sich, sind Teil des sizilianischen Charakters.

Nach einer Weile des Umherwandelns in seinem Garten erinnert sich der Fürst zurück an einen „toten Soldaten”, dessen Leichnam noch bis vor Kurzem unter einem Baum eben jenes Gartens lag und verweste; offenbar ein Opfer der „Aufstände vom Vierten März”, die den Einigungskrieg auch in Sizilien einläuten.

Nachdem Don Fabrizio dieses unschöne Ereignis gedanklich verarbeitet hat, lässt er eine andere Ereignissequenz vor seinem geistigen Auge Revue passieren: seine letzten Audienzen beim Bourbonenkönig Ferdinand. Die folgenden vier Seiten illustrieren sein Verhältnis zu jenem und der Krone überhaupt.

Einen vorläufigen thematischen Höhepunkt erreicht das erste Kapitel beim „Diner“. Jenes verläuft auf Geheiß des Fürsten streng zeremoniell nach altem Brauch (wie es eben „damals im Königreich der Beiden Sizilien üblich war.“) Obgleich sich im Diner der Familie Salina Prunk und „Großartigkeit“ widerspiegeln, haftet der ganzen Zeremonie doch bei genauerer Betrachtung etwas Antiquiert-überholtes, gewissermaßen eine Stimmung des Niedergangs und Verfalls an. Die Störung des alltäglich-geschätzten Rituals durch den ältesten Sprössling des Hauses Paolo, der sich zu spät zum Essen einfindet, sorgt für eine ernste Verstimmung des Fürsten, die diesen dazu veranlasst in einer Anwandlung von Grausamkeit und Fleischeslust gleich nach dem Mahl einen Ausflug zu einer seiner Geliebten in Palermo zu unternehmen. Begleitet vom Hauskaplan Pirrone, dem während dieser höchst unmoralischen Unternehmung die Rolle einer religiös-unbefleckten Ehrengarde zukommt, setzt der Fürst sein Vorhaben in die Tat um. Am nächsten Morgen besucht Tancredi, der Neffe und Favorit des Fürsten denselben, ihn davon in Kenntnis setzend, dass er sich den „Garibaldinern“ anzuschließen wünscht. Der junge Mann möchte auch seinen Teil zur Einigung Italiens beitragen und verabschiedet sich von Don Fabrizio mit dem Motto: „Wenn wir wollen, dass Alles bleibt wie es ist, ist es nötig, dass Alles sich verändert.“ Nachdem er seinen Schützling mit einer Rolle Gold aufs Herzlichste verabschiedet hat, begibt sich Don Fabrizio in sein Arbeitszimmer, um sich mit seinem Rechnungsführer Don Ciccio Ferrara über die Wirtschaft und Finanzen des Hauses Salina zu beratschlagen. Bald wird klar, dass das Vermögen des Hauses, obwohl immer noch beachtlich, so doch beharrlich im Schwinden begriffen ist. Im seinem Observatorium trifft der Fürst dann auf Don Pirrone, der jenem dringend rät die „Sünde“ des Vorabends zu beichten, um so seine seelische Reinheit vor Gott wieder herzustellen. Der Fürst, der wegen des Geschehenen weder Skrupel vor sich, noch ein schlechtes Gewissen wegen seiner betrogenen Gattin hat, verschiebt die Beichte auf ein andermal und beginnt mit dem Jesuiten eine Diskussion, die die Vorgänge des risorgimento und die daraus resultierenden sozialen wie politischen Unwälzungen in Sizilien zum Thema hat. Nach dem Mittagessen wünscht sein ältester Sohn Paolo ihn zu sprechen. Eifersüchtig und neidisch auf den von seinem Vater hochgeschätzten Tancredi, fragt er den Fürsten direkt wie er zu dessen ungebürlichem Verhalten (dem Anschluss an die Revolutionäre) stehe. Der Fürst entgegnet scharf, er „wisse nicht was sich geändert habe“. Der Fürst bekennt also klar Farbe: Anstatt Tancredis Tun vor dem Sohn zu verurteilen ergreift er Partei für diesen und wird somit zum indirekten Unterstützer der Revolution. Nach einem kurzen Schläfchen erreicht den Fürsten ein Brief seines Schwagers, der aufgrund des revolutionären Klimas in Sizilien nach Rom geflohen ist und jenem rät, es ihm gleich zu tun. In der Zeitung wird von der Landung der Garibaldiner am 11. Mai in Marsala geredet. Die Revolution hat jetzt also auch Sizilien erreicht. Das erste Kapitel beschließt mit dem vorabendlichen Ritual des Rosenkranzbetens, gerade ebenso wie es begonnen hat.

Zweites Kapitel

Das zweite Kapitel beginnt mit der Reise des Fürsten und seiner Familie nach Donnafugata, wo sie planen ein Vierteljahr zu bleiben. Die Reise dauert etwa drei Tage, wird von ständigem Halten unterbrochen (unterwegs treffen sie sich auch mit Tancredi, der von seiner Exkursion mit den Garibaldinern zurück ist), und erschöpft den Fürsten stark. An einem Punkt vergleicht er sogar diese „abscheuliche Reise mit dem eigenen Leben“. (S. 68)

Empfangen werden sie in Donnafugata mit Liedern und unter anderen von dem Bürgermeister Don Calògero Sedàra, dem Priester Trottolino, dem Notar Don Ciccio und dessen Hund Teresina, über den sich der Fürst besonders freut.

Fabrizio ist zufrieden zu sehen, dass sich Donnafugata so gut wie nicht verändert hat, doch im Laufe der Zeit merkt er, dass es dort, auch wenn der Ort gleich scheint, sehr wohl nicht mehr dasselbe ist. Er selbst zum Beispiel ist netter geworden und dadurch scheint gleichzeitig sein „Prestige zu schwinden“. (S.73)

Bei der Führung des Verwalters Don Onofrio Rotolo durch den Palast teilt dieser dem Fürsten mit, dass das Vermögen des Bürgermeisters bereits etwa gleich groß ist wie sein eigenes, doch noch beunruhigt dies den Fürsten nicht sonderlich.

Er wird, während er aus der Badewanne steigt, von Pater Pirrone überrascht, der ihm mitteilt, dass seine Tochter Concetta wohl in des Fürsten Neffen Tancredi verliebt sei, und sie denke, dass es auf Gegenseitigkeit beruhe. Fabrizio fragt erst einmal, wieso Concetta ihm diese Nachricht nicht persönlich überbringen konnte, worauf Pirrone ihm schonend erklärt, dass er wohl eher als eine Autorität als ein Vater von seinen Kindern angesehen werde. Weiterhin ist der Fürst besorgt über das Paar, das Tancredi und Concetta abgeben würden, meint, sie wäre nicht die Richtige für ihn, wenn er auf eine erfolgreiche Zukunft hoffe, da er kein Geld besitzt und Concetta ihm für die Zukunft auch keins bieten könnte. Er muss „höher hinauf“, was das Vermögen betrifft, und gleichzeitug „tiefer hinab“, in das Bürgertum, wie Fabrizio es schön formuliert.

Beim ersten Diner in Donnafugata erwarten den Fürsten gleich die nächsten Schrecken. Obwohl er sich respektvoll keinen Abendanzug angezogen hat, um die Gäste, die sich keinen leisten können, nicht in Verlegenheit zu bringen (S.88), wird ihm die Nachricht übermittelt, dass Don Calògero, der Bürgermeister, im Frack erscheint. Alles, was dieser anhat, passt nicht zusammen und sieht ganz und gar nicht stilvoll aus, jedoch schockt diese Anmaßung den Fürsten mehr als die Nachricht der Landung Garibaldis, da er die Konsequenzen hier vor den eigenen Augen demonstriert bekommt. Die zweite Aufregung des Abends betriff ebenfalls ein Mitglied der Familie Sedàra, die Tochter des Bürgermeisters, Angelica. Ganz im Gegensatz zu Calògera ist diese nämlich umwerfend schön und entzückt alle im Raum mit ihrem Aussehen und ihrem Auftreten - besonders Tancredi, der sogleich den Blick nicht mehr von ihr abwenden kann. Zu Concettas Ärger fängt er auch noch an, in eher unsittlicher Art mit Angelica zu flirten, worauf Angelica wild anfängt zu lachen und Concetta schimpfend den Saal verlässt.

Am nächsten Tag, bei dem üblichen Besuch im Kloster, wird diese Anspannung zwischen Concetta und Tancredi weiter ausgeführt, sie macht sich über ihn lustig und nimmt ihm zugleich die Chance, das Kloster, das immer nur Fabrizio allein betritt, selbst zu besichtigen.

Drittes Kapitel

Don Fabrizio erhält einen Brief seines Neffen Tancredi. Schon bei Beobachtung des Äußeren des Briefes bemerkt der Fürst die Besonderheit des Schreibens. Und tatsächlich: In seinem Brief bittet Tancredi seinen Onkel um die Hand der schönen Angelica anzuhalten. Don Fabrizio berichtet die Neuigkeit sogleich seiner Frau Stella, die äußerst überrascht und scheinbar unzufrieden mit Tancredis Anfrage ist. Es entfacht sich ein kleiner Streit zwischen dem Ehepaar, in dem der Fürst wieder seine Rolle als starker Ehemann deutlich macht und alleine entscheidet für Tancredi um die Hand Angelicas anzuhalten, ohne die Ratschläge Stellas zu beachten.

Tags darauf geht Don Fabrizio mit Ciccio auf die Jagd. Bei einer Pause sprechen die beiden recht ausführlich über die momentane politische Situation. Der Fürst ist interessiert, ob Ciccio bei den Wahlen bezüglich der Vereinigung Italiens ebenfalls wie er selber mit Ja gestimmt habe. Zunächst traut sich der Begleiter des Fürsten nicht seine ehrliche Meinung preiszugeben. Doch schließlich überwindet er sich und nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. Er spricht aus, was er über die angebliche demokratische Wahl denkt und beschwert sich unter anderem mit Beschimpfungen, dass seine Stimme ohne weiteres übergangen und nicht gezählt wurde.

Der Fürst scheint diese Ansicht der Dinge zu akzeptieren und erkennt durch Ciccios Rede, dass die angebliche Demokratie in Italien gar keine ist, sondern nur nach außen hin so tut um das Volk ruhig zu halten. So kommt es zu keinem Konflikt der beiden Männer bezüglich des Themas Politik. Ciccio erfährt nach Stella schließlich als zweiter von der bevorstehenden Anfrage zur Heirat von Tancredi und Angelica. Ciccio empfindet dies als keine gute Idee, spricht dies auch offen aus und bezeichnet die Idee der Hochzeit als eine „Schweinerei” (S143), da eine Verbindung mit den niedrig stehenden Sedàras unter der Würde des Fürstenhauses liege.

Nach Rückkehr von der Jagd kommt Don Calogero zu Besuch in das Anwesen Don Fabrizios. Der Fürst berichtet sogleich von seinem Anliegen und hält damit in Tancredis Namen um Angelicas Hand an. Der Vater der zukünftigen Braut scheint schnell einverstanden. Anschließend erfährt der Fürst, dass Don Calogero weit mehr wertvolle Güter und Geld besitzt, als er dies erwartet hatte.

Viertes Kapitel

Das zentrale Kapitel des Romans steht ganz im Zeichen der Leidenschaft. Nach dem ersten Besuch Angelicas in ihrem neuen Status als Braut werden die Treffen mit Tancredi immer häufiger. Dabei versuchen sie den sie begleitenden Anstandspersonen zu entkommen und begeben sich immer tiefer in die abgelegenen und unbekannten Teile des Palastes. Der „Liebes-Wirbelsturm“, der sie beide erfasst, ist ein kaum zu unterdrückendes erotisches Verlangen nach einander, gerade aus der Entsagung schöpfen die Liebenden aber neuen Lustgewinn.

Dem Fürsten wird ein Sitz im Senat in Turin angeboten. Im Gespräch mit dem Abgesandten Chevalley erläutert Don Fabrizio den sizilianischen Charakter und nennt diesen als Grund für seine Ablehnung.

Fünftes Kapitel

Die historischen Ereignisse werden aus einer anderen Perspektive gezeigt: Pater Pirrone fährt in sein Heimatdorf und erfährt so, wie das einfache Volk über die neuen politischen Verhältnisse denkt. Dabei wird deutlich, dass die armen Leute die neue Regierung keinesfalls begrüßen, sondern im Grunde unpolitisch sind und es ihnen nur darum geht, dass sich ihre Situation nicht weiter verschlechtert. Der „viehische Liebeshandel” (S.249), also die gezielte Verführung von Angelina aus finanziellen Interessen, die zu einer Zwangs-Hochzeit führen muss, zeigt auf einer parallelen Ebene die wahren (und niederen) Motive der Heirat von Tancredi und Angelica. Dies wird sowohl in der Namenswahl deutlich (Angelina – Angelica) als auch vom Pater selbst so konstatiert. (ebd.)

Sechstes Kapitel

Es spielt eineinhalb Jahre nach dem letzten Kapitel, der erste größere Zeitsprung des Romans, und zeigt die adlige Gesellschaft, die sich mit den neuen politischen Verhältnissen arrangiert hat. Offenbar hat sich tatsächlich nichts Wesentliches verändert. Ehrengast ist Pallavicino, der seine Geschichte, wie er Garibaldi verletzt hat, immer wieder erzählen muss.

Es ist die Einführung Angelicas in die Gesellschaft, die hervorragend gelingt, sie und Tancredi sind immer noch verliebt. Der Fürst hingegegen fühlt sich unter den Menschen nicht wohl und gibt sich Todesgedanken hin, aus denen er durch einen Tanz mit Angelica noch einmal kurz gerissen wird. Doch endet das Kapitel mit einem recht deutlich ausgedrückten Todeswunsch.

Siebtes Kapitel

Es trägt als einziges Kapitel nur einen einzigen Untertitel: Der Tod des Fürsten. Doch spielt es trotz der Todesgedanken und -wünsche, die die Figur Don Fabrizios schon den ganzen Roman begleiten, überraschenderweise über zwanzig Jahre nach den zuletzt geschilderten Ereignissen. Das in der Zwischenzeit Geschehene wird nur beiläufig angedeutet, die ganze Konzentration gilt den Gefühlen und Gedanken des Protagonisten, die hier personal erzählt werden. Die Metapher des aus ihm herausfließenden Wassers beschreibt den Tod als schmerzfrei und willkommen.

Achtes Kapitel

Es spielt noch einmal 20 Jahre später und stellt eine Art Epilog dar. Der letzte Bereich, in dem das Haus Salina noch einen hervorragenden Stand bewahrt hat, den Beziehungen zur Kirche, endet schließlich auch noch im Ruin. Die mit beträchtlichem finanziellem Aufwand und kaum zu überbietender Naivität erworbenen Reliquien stellen sich fast alle als Fälschungen heraus. Concetta wird das vor 50 Jahren am Wendepunkt ihres Lebens Geschehene, als Angelica in ihr und Tancredis Leben trat, in einem anderen Licht vor Augen geführt, doch bleibt letztlich offen, ob die ihr geschilderte Version überhaupt der Wahrheit entspricht. Concetta wird dadurch aber vollkommen desillusioniert und vernichtet mit den Überresten des Hundes Bendico die letzten Reste der stolzen Vergangenheit des Hauses Salina.

Die Figuren

Don Fabrizio: Der Fürst

Aussehen

Don Fabrizio ist der Protagonist des Romans. Er ist ein ca. 1,90 m großer Mann, „lang [...] wie ein Rohr“ (S.23), mittleren Alters, der zwar als von kräftiger Statur zu bezeichnen wäre, aber nicht dick wirkt. Er ist „ungeheuer [...] stark“ (S.10), setzt die Kraft seiner Hände allerdings nur ein um gelegentlich, wenn er zornig ist, „Gabeln und Löffel [rund zu biegen]“. In seinem privaten Observatorium, in dem er gelegentlich seinem Hobby, der Mathematik und der Beobachtung des Universums, frönt und in den Privatgemächern seiner Frau und derer seiner Geliebten Mariannina, weiß er seine Hände hingegen delikat und zärtlich zu nutzen, ohne dass ihm seine Kraft im Wege zu stehen scheint.

Stellung

Die Salinas sind ein altes Adelsgeschlecht, so dass sich der Fürst einer herausgehobenen sozialen Stellung vollkommen bewusst ist. Er stand in vertrautem Umgang mit dem bourbonischen König, seine Bedeutung im Land wird auch deutlich, als die Regierung in Turin einigen „berühmten Sizilianern” einen Senatssitz im Parlament anbietet. Ihm wird also zwar von allen Seiten höchster Respekt entgegengebracht - symbolisch in dem Titel „Exzellenz”, mit dem er angesprochen wird - , seine Stellung beinhaltet andererseits aber auch, dass alle versuchen von ihm zu profitieren und ihn bestehlen, wo es nur möglich ist, so dass seine Besitztümer, die zunächst unermesslich waren, immer weiter schwinden. Sobald er in Donnafugata etwas freundlicher als gewohnt mit den Menschen spricht beginnt „sein Prestige zu schwinden” (S.73).

Charakter und Verhalten

Dadurch, dass er viele Eigenschaften seiner deutschen Mutter, Fürstin Carolina, übernommen hat, ist er sozusagen ein Unikum auf Sizilien. Er besitzt „rosige“ (S.10), praktisch „ganz weiße“ (S.10) Haut, helle Augen sowie „honigfarbenes Haar“ (S.10), im Gegensatz zu den Sizilianern, die eher klein und rundlich sind, und einen eher olivfarbenen bis rabenschwarzen Teint besitzen. Trotz seines Alters hat er fast nichts von seiner Schönheit verloren, die immer noch eine Wirkung auf Frauen zu haben scheint, auch wenn seine Tage als ehemaliges „Schlachtross“ (S.91) sprich -verführer- vorbei sind und er des Öfteren auf Dienste junger Damen des Rotlichtmilieus Palermos zurückgreifen muss, um sexuelle Befriedigung zu finden.

Seine Frau hat ihm sieben Kinder geschenkt, der Großteil davon Mädchen, sowie die Jungen Francesco Paolo auch `Herzog Paolo´ genannt und Giovanni, der Zweitgeborene, der allerdings nach England verschwunden ist, weil er „lieber bescheiden” (S.22) lebe als „in dem allzu umsorgten Dasein in der Muße Palermos” (S.22). Es sind allesamt „schöne Kinder. Die Mädchen hübsch rundlich, von blühender Gesundheit [...] Die Knaben, feingliedrig, aber kräftig” (S.21), was den Vater auch mit einem gewissen Stolz erfüllt. Dadurch, dass seine Söhne, vor allem sein Sohn Paolo, eigentlich nicht seinen Wunschvorstellungen entsprechen, wird dieser Stolz allerdings getrübt. Lieber hätte er seinen Neffen Tancredi zum Sohn, der so anders ist, als Paolo es je sein wird.

Wenn er sich im Kreise seiner Familie und in der Öffentlichkeit befindet, tritt er weltmännisch, meist klassisch im Anzug gekleidet, auf, ohne dass man ahnen könnte, dass die einstigen Reichtümer langsam zu schwinden beginnen.

Im Verlauf des Romans treten immer deutlicher seine Entfremdung von der Welt und den Menschen zutage, beim Ball in Palermo (Sechstes Kapitel) wird nicht nur sein Hochmut und seine Verachtung für seine Mitbürger überdeutlich, sondern auch sein Todeswunsch deutlich formuliert (auch wenn es Tancredi ist, der ihn ausspricht): Er hofiert "den Tod wie eine schöne Frau” (S.272) Dass er, der eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen hat, noch zwanzig weitere Jahre lebt, ist recht ironisch, doch erfährt man ja auch nicht, wie er diese Zeit verbracht hat. In seinen letzten Gedanken berechnet er, wie viel „Wirkliches” es in seinem Leben gegeben habe; dabei erscheinen ihm in erster Linie die allein im Observatorium verbrachten Stunden als Gewinn, doch ist die Summe von zwei bis drei Jahren deprimierend gering, zeigt aber noch einmal das Bild vom Leben, das Don Fabrizio zeitlebens hatte.

Tancredi Falconeri

Tancredi Falconeri, der Neffe des Fürsten und letzter noch lebender Nachkomme eines alten, jedoch durch leichtsinnige Verschwendung an den Rand des Ruins gelangten Adelsgeschlechts kann als die personifizierte Symbiose der alten mit der neuen Welt angesehen werden.

Er ist ein junger Mann, äußerlich attraktiv, eloquent und ehrgeizig. Ebenso wie der Fürst ist er groß gewachsen, schlank und agil und besitzt blaue Augen. Mit seinem natürlichen Charme und lebendigen Geist schafft er es nicht nur seinen Onkel, den Fürsten, in seinen Bann zu ziehen, sondern auch wohlhabende Frauen wie Angelica. Sein Charakter ist höchst ambivalent. Spöttisch angehauchte Ironie geht bei ihm einher mit herzenswarmer Menschlichkeit. Seine gute Menschenkenntnis erlaubt es aber, diese Charakterzüge gut zu dosieren. So schätzt er den Fürsten z. B. in der Gartenszene, wo er den Fürsten dabei ertappt, als er sich gerade an den nackten Göttinnen ergötzt, gut ein und zügelt seinen Spott und seine Ironie, da sein großes Einfühlungsvermögen ihm intuitiv eingibt, wann er bei wem an die Grenze des Tolerierbaren stößt. Aber auch seine gute und unterhaltende Seite kommt zum Tragen, wenn er sich in der Gesellschaft von jungen Damen befindet. Genau wie sein Onkel ist er ein „draufgängerischer“ (S.82) Mensch . Desweiteren wird er durch seinen Onkel finanziell unterstützt, dem sein Ehrgeiz zu gefallen scheint, auch wenn sein Benehmen oft unangemessen ist .Er hat klare Ziele in seinem Kopf, die er so schnell wie möglich erreichen will. Er will erfolgreich werden, vor allem in der Politik. Dabei ist er auf viel Geld angewiesen, das ihm durch die geschickte Heirat mit Angelica Sedàra nun zur Verfügung steht. Aber auch ohne diese Hilfen weiß er sich durchzuschlagen. Seine chamäleonartige Anpassungsfähigkeit hat ihn auch dazu bewogen sich den verschiedenen politischen Gruppen bzw. Truppen anzuschließen. So ist er zwar von altem Adel, kollaboriert aber auch mit der gegnerischen Seite, den Garibaldinern, solange es seinen Zielen und seinem Aufstieg nützt.

Don Calogero Sedàra: der bürgerliche Aufsteiger

Don Calogero Sedàra ist der neue Bürgermeister von Donnafugata. Er erscheint immer schlecht rasiert, spricht mit bürgerlichem Akzent und hat einen durchdringenden Geruch nach Schweiß. Zudem hat er kein wirkliches Stilbewusstsein, die Anzüge u.ä., die er sich durch sein neues Vermögen leisten kann, weiß er nicht gut zu kombinieren und man merkt eindeutig, dass Don Calogero Sedara erstens geizig ist und zweitens nichts davon versteht, wie ein guter, qualitativ hochwertiger Anzug aussehen muss. So sagt ja auch der Fürst Don Fabrizio, dass „der Frack Don Calógeros zwar „als politische Demonstration vollkommen gelungen” (S.89) sei, jedoch „als Schneider-Kunstwerk war er eine Katastrophe”(S.89). Trotz seiner animalischen Frau, Donna Bastiana, die "nicht lesen und nicht schreiben” (S.139) kann und außerdem die Uhr nicht kennt und eigentlich nur eine "richtig schöne Stute” (S.139) ist, die eigentlich nur "gut fürs Bett” (S.139) ist, besitzt ihr Mann im Gegensatz zu seiner Frau etwas, was man als Intelligenz oder Sinn für Geschäftliches bezeichnen könnte. Es ist eine merkwürdige Art von Intelligenz, in der Tat werden viele Probleme, die dem Fürsten unlösbar erscheinen, von ihm schnell bewältigt. Diese Intelligenz und seinen Sinn für gewinnbringende Geschäfte hat er skrupellos ausgenutzt um sich politisch und finanziell nach oben zu arbeiten. Er besitzt ein Vermögen, das annähernd, wenn nicht sogar schon größer, als das des Fürsten ist. Und auch politisch hat er es zum Bürgermeister von Donnafugata geschafft und sogar der Fürst erkennt, dass er bis jetzt nur „den Anfang von Don Calógeros Laufbahn” (S.138) gesehen hat. Denn in ein paar Jahren ist er wahrscheinlich nicht nur „der größte Grundbesitzer in der Provinz” (S.138), sondern „gewiß Abgeordneter im Parlament von Turin” (S.138). Er ist also, wie Don Ciccio dies ausdrückt, "der neue Mann, wie er sein muss” (S.138). Dass der Vertreter des aufstrebenden Bürgertums und des demokratischen Italien so eindeutig negative Züge trägt, zeigt die Distanz des Autors gegenüber einer Neuordnung der Verhältnisse in Sizilien, bei der nun einfach eine andere Schicht profitiert und sich bereichert.

Angelica Sedàra: Die schöne, reiche Verlockung

Angelica Sedàra ist die Tochter des Bürgermeisters Don Calogero Sedàra und seiner Frau Donna Bastiana. Don Calogero, seines Zeichens aufstrebender Großgrundbesitzer und Nachfahre des Peppe Mmerda, eines schmutzigen und der Hygiene eher abgeneigten Menschen, liebt seine Tochter über alles und würde ihr sein gesamtes Vermögen vermachen, wenn sich nur ein würdiger Erbe fände. Diesen erkennt er in dem ehrgeizigen, wenngeleich auch etwas volatilen Tancredi, der es geschickt versteht sich den Umwälzungen seiner Zeit anzupassen.

Angelica ist von bezaubernder Grazie und geradezu wollüstiger Schönheit. Von eher kleinem Wuchs verbindet Angelica die Sinnlichkeit einer Konkubine mit dem Feuer und der Exotik tropischer Vegetation. Mit ihrem animalischen Charme und ihren in Florenz im Mädcheninternat erworbenen Manieren schafft sie es nicht nur Tancredi sondern auch den Fürsten zu bezaubern. Dieser sieht in ihr eine betörende Verbindung aus Schönheit und Reichtum und damit auch eine würdige Lebensgefährtin für seinen Liebling Tancredi. Ihre verführerische Ausstrahlung gepaart mit der unakademischen Schläue ihres Vaters haben aus einer einstigen „hässlichen Dreizehnjährigen“ (S.90), wie sich die Fürstin gerne zurück erinnert, eine Frau gemacht, die Männer wie Frauen dazu bewegt sie mit Begriffen wie „sinnlich lockende Jungfräulichkeit“ (S.90) und „schöner Blume“ (S.91) in Verbindung zu bringen. Aber auch dadurch, dass sie die einzige Tochter einer der reichsten Männer des Dorfes ist, wird sie für Tancredi zu einer mehr als ansprechenden Partie.

Eines der größten Talente von Angelica ist das „Mimikri” (Kap.8), das sie in die Lage versetzt, die in adligen Schichten verlangte Etikette und Manieren schnell anzunehmen, so dass sie nicht nur akzeptiert wird, sondern bald sogar als Kunstkennerin gilt, und ihre einfache Herkunft bald überhaupt nicht mehr wahrzunehmen ist.

Die Nebenfiguren

Maria Stella Corbera

Sie ist die Ehefrau des Fürsten und diesem völlig unterworfen. Sie wird öfters von hysterischen Krisen heimgesucht, was dazu führt, dass ihr Ehemann sich nach Palermo zur Prostituierten Mariannina begibt. Als Maria Stella von der Hochzeit zwischen Tancredi und Angelica erfährt, reagiert sie jähzornig und bezeichnet ihren Neffen als Betrüger und Angelica als Dirne. Sie hatte gehofft, Tancredi würde Concetta heiraten. Wie immer setzt Don Fabrizio aber seine Meinung durch, so dass sie der Verbindung zustimmen muss. Anläßlich des ersten Besuchs von Angelica im Hause Salina nimmt die Fürstin sie dann auch herzlich auf.

Die Söhne

Keiner der Söhne ist ganz nach dem Geschmack des Vaters, der lieber Tancredi als leiblichen Sohn gehabt hätte. Dennoch wagt keiner die Autorität des Vaters herauszufordern, lediglich der zweitgeborene Giovanni entzieht sich ihr durch Flucht.

Die Töchter

Die jüngeren Töchter spielen für den Vater und den Roman keine große Rolle, lediglich Concetta bereitet ihm einige Sorgen. Am Anfang des Romans erscheint sie als eine stolze, junge Dame, die in ihren Cousin verliebt ist. Da sie die Aufmerksamkeiten und das Flirten von Tancredi mit ernsten Absichten verwechselt, beichtet sie ihre Gefühle Pater Pirrone um ihn zu bitten ihrem Vater über ihre Absichten, Tancredi heiraten zu wollen, zu berichten. Der Fürst will diese Ehe aber nicht, da er weiß, dass Tancredi "höher hinaus” will und daher "tiefer hinab” (S.50) muss, also eine Frau braucht, die ein großes Vermögen mit in die Ehe bringt. So ist Concettas Wunsch mit Tancredi zusammen zu sein schon beendet, bevor Angelica überhaupt auftaucht. Dass Tancredi deren erotischer Ausstrahlung so verfallen ist, verletzt sie natürlich dennoch. Concetta unternimmt aber nichts, um Tancredi zu gewinnen, sie flüchtet sich in die Bitternis enttäuschter Liebe und schlägt so auch die eindeutigen Angeboten des mailändischen Grafen Carlo Cavriaghi aus, obwohl dieser eine „gute Partie” ist. Concetta bleibt unverheiratet. Beim Tod des Vaters ist sie die einzige, die nicht weint.

Im letzten Kapitel wird deutlich, dass ihr Leben von dem von ihr so empfundenen Martyrium des Verzichts auf Tancredi verbracht hat, den Vater dafür hassend (S.327). Als ihr dieses Gefühl genommen wird, bleibt nur „innere Leere“ (S.333) in ihr zurück.

Themen

Der Untergang der Familie: Dekadenz

Der Verfall ist ein Thema, das sich durch das ganze Buch zieht und sich auf alle Ebenen erstreckt:

  • das Vermögen: obwohl scheinbar unermesslich groß, nimmt der Besitz der Salinas stetig ab (Schwalbenmetapher) und reicht nicht einmal mehr aus um Concetta mit einer Mitgift zu versorgen, die eine Heirat mit Tancredi ermöglichen würde
  • die Familie des Fürsten: Die Söhne scheinen als Nachfolger des Fürsten ungeeignet und werden von diesem selbst nicht geschätzt, die Beziehungen sind kaum durch Zuneigung geprägt. (vgl. Fürst – Concetta)
  • der Adel: durch die revolutionären Ereignisse wird der Adelsstand aus seiner führenden Rolle gedrängt und durch das Bürgertum ersetzt

Der Autor spricht den Verfall direkt an, zeigt ihn aber auch immer wieder symbolisch, z.B. in der Beschreibung des Diners (S.11), bei dem es zwar edles Geschirr gibt, doch sind es nur noch (zum Teil angeschlagene) Einzelteile. Der Fürst ist sich des Verfalls deutlich bewusst.

Tod

Dass das hintergründige zentrale Thema des Romans der Tod ist, erkennt man bereits am ersten Satz, Jetzt und in der Stunde unseres Todes, den der Autor sicherlich nicht zufällig gewählt hat, wenn er auch sehr allgemein ist und noch in keiner Beziehung zu einer bestimmten Person steht.

Bereits nach wenigen Seiten wird auf den toten Soldaten verwiesen, der im Garten von San Lorenzo gefunden wurde, und der den Fürsten dazu bringt über den Nutzen des Sterbens nachzudenken (S.13f). Auch Palermo wird als eine Stadt beschrieben, die zu solchen Gedanken veranlasst: Es „waren eben diese Klöster, die der Stadt ihre Düsternis und ihre Eigenart, ihren Schmuck, und dem Gefühl zugleich etwas wie Tod mitteilten, etwas, was nicht einmal das rasende sizilianische Licht jemals hatte auflösen können.“ (S.26)

Auf der Reise nach Donnafugata ist die Landschaft so „öde wie die Verzweiflung“ (S.68) und wird von Don Fabrizio mit dem eigenen Leben verglichen. Diese „Phantasien“ bewirken Trauer, „die sich Tag um Tag anhäufen würde: und die wäre dann am Ende die wahre Ursache des Sterbens“ (ebd.). Diese noch wenig konkreten Gedanken werden zu einem realen Todeswunsch, der auch explizit formuliert wird, als der Fürst in Donnafugata die Glockenschläge eines Begräbnisses hört. Er versetzt sich in den Verstorbenen hinein und äußerst den recht paradoxen Satz: „Solange man sterben kann, ist noch Hoffnung“ (S.84). Bereits hier wird also deutlich, dass der Tod als ein Trost, eine (Er-)Lösung empfunden wird.

Diese Grundstimmung des Fürsten wird dann jedoch für längere Zeit verdängt durch das Hervortreten der Leidenschaft (und in gewisser Hinsicht auch Liebe), die durch die Verbindung von Angelica mit Tancredi den Mittelteil des Romans bestimmt.

Erst als Don Fabrizio den sizilianischen Volkscharakter erklärt, gewinnt das Todesmotiv seine Dominanz zurück; die Sehnsucht nach „Unbeweglichkeit – das heißt: wieder nach Tod“ (S.211) schreibt der Fürst zwar allen Sizilianern zu, doch ist diese Passage auch eine sehr genaue Analyse seines eigenen Zustands. (s. u.: 5. Sizilien)

Auf dem Ball wird die Vergänglichkeit zum ersten Mal mit dem Eros in einen Zusammenhang gesetzt: Beim Tanz von Angelica mit Tancredi, der für die anderen Zuschauer ein „Schauspiel zweier ganz junger, ineinander verliebter Menschen“ (S.268) ist, kann Don Fabrizio nur daran denken, dass auch diese Körper „dazu bestimmt waren, zu sterben“. (S.269) Er versenkt sich weiter in den Gedanken ans Sterben, als er vor einem Gemälde (s.o.) über seinen eigenen Tod sinniert, wobei „ihn die Betrachtung seines eigenen Todes ebenso gleichmütig, wie ihn die vom Tode der anderen trübe stimmte“ (S.271). Als Tancredi ihn in diesem Zustand ertappt, bringt er die Haltung des Fürsten auf den Punkt, auch wenn er sie zunächst noch als Frage formuliert: „Hofierst du den Tod, als wäre er eine schöne Frau?“ Erneut werden hier also Eros/Liebe in einen engen Bezug zum Tod gesetzt. Dass Tancredis Einschätzung völlig richtig war, belegen die Gedanken des Fürsten, der im folgenden Absatz den Tod als „höchsten Trost“ und „Notausgang“ bezeichnet. (S.272) Nur für einen kurzen Moment, dem sinnlichen Walzer mit Angelica, wird „der Tod in seinen Augen wieder >etwas für die anderen<“, dann endet der Ball, indem sehr direkt auf die Kreatürlichkeit des Menschen verwiesen wird (die überlaufenden Nachttöpfe, S. 282) und das Kapitel mit der Frage endet, wann auch für den Fürsten der Todeszeitpunkt kommen wird (S.283).

Es ist etwas erstaunlich, dass der Fürst trotz dieser „jenseitigen“ Haltung noch weitere 20 Jahre lebt, doch für den Roman konsequent werden diese übersprungen und das nächst Kapitel heißt schlicht: „Der Tod des Fürsten“. Dabei ist die Perspektive sehr ungewöhnlich: Es ist personal erzählt, so dass der Leser dieses Sterben auf sehr enge und persönliche Weise miterlebt. Bestimmend sind Metaphern (das Lebensfluidum verlässt den Körper / Sandkörnchen) bzw. bereits bekannte Allegorien (der Tod als schöne Frau). Die „Schlussabrechnung über sein Leben“ (S.299), in der der Fürst zu dem Ergebnis kommt, dass er nur zwei oder drei Jahre „wirklich gelebt“ habe und der Rest „Schmerzen“ und „Öde“ gewesen sei (S.302), macht deutlich, dass der Tod dem Fürsten willkommen ist, dass er ihn als zum Leben zugehörig betrachtet, einen kontinuierlichen Prozess (denn schon lange verlässt das Lebenselixier ja seinen Körper). Er erwartet sich auch eine unbestimmte Art des Weiterexistierens auf einer weniger bewussten Ebene.

Doch ist der Tod des Fürsten nicht der Endpunkt des Romans. Dieser wird erst weitere 30 Jahre später erreicht und trägt den Untertitel „Ende von allem“(S.285). Dabei ist das Wegwerfen des schon seit 50 Jahren toten und seither ausgestopften Lieblingshundes des Fürsten, Bendico, die symbolische, endgültige und sehr profane Beseitigung der letzten Reste des Alten. Die Allgegenwart des Todes im Roman ist ausschließlich auf den Protagonisten zurückzuführen, da es seine Wahrnehmung ist, die dem Leser vermittelt wird.

Lebensflucht, Verfall und die Weigerung zu handeln als Ausdruck einer Todessehnsucht sind ebenso Themen von Thomas Manns „Tod in Venedig“ und haben daher häufig zu Vergleichen der beiden Werke geführt.

Sizilien

Im „größten Sizilenroman der Weltliteratur“ nimmt die Beschreibung der Landschaft und des Klimas eine zentrale Rolle ein. Bereits bei der Beschreibung des Gartens (S.12-13) werden dabei Wesenszüge des Landes offenbar: „Jede Scholle […] strömte ein Verlangen nach Schönheit aus, das rasch von der Trägheit gedämpft wurde.“ Sizilien bringt eine überbordende Fülle an Sinneseindrücken hervor, die durch ihre Übermäßigkeit aber eher einer Überreizung gleichkommt, außerdem weicht diese Schönheit schnell dem Vergehen: „Die […] Rosen […] waren entartet: erst angeregt, dann von den starken, träge machenden Säften der Erde Siziliens erschlafft, von den apokalyptischen Juli-Monaten verbrannt, hatten sie sich in eine Art fleischfarbenen, obszönen Kohl verwandelt“.

Auf der Reise nach Donnafugata wird die Landschaft als „öde wie die Verzweiflung“ (S.68) beschrieben, auch während der Jagd wird das „wahre[…] Sizilien“ (S.121) als eine den Menschen abweisende, radikale Natur gezeichnet, die „den Mut“ (ebd.) lähmt.

Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem eigenen Land ist der Diskurs zwischen Don Fabrizio und dem Norditaliener Chevalley (S.209ff): Hierin macht der Fürst zunächst die Geschichte für die zentralen Eigenschaften der Sizilianer verantwortlich. Sie seien „müde und leer“ (S.210), wollten in ihrer Trägheit verharren, sehnten sich nach dem Tod (S.211). Noch tiefer präge das Klima mit seinen sechs „Fiebermonaten“ (S.212), in denen man nicht ernstlich arbeiten könne, und die Extremität der Landschaft, die kaum eine Grenze zwischen Hölle und Paradies zöge, den Geist (S.212). Entscheidend ist in dieser Beschreibung, dass der Fürst hier seinen eigenen Charakter analysiert und detailliert ausbreitet: Er rechtfertigt seine Eigenschaften, indem er sie seinem ganzen Volk zuschreibt. Er bekennt seinen Fatalismus und seine Trägheit und ist völlig von der Vergeblichkeit jedweder menschlichen Mühen überzeugt. Letztlich will er das Senatorenamt auch nicht annehmen, da er als Sizilianer ohnehin nicht an tief greifende politische oder soziale Änderungen und nicht an die Entwicklungsfähigkeit bzw. den bloßen Willen dazu glaubt.

Der Skeptizismus und das negative Menschenbild, das in dieser Rede deutlich wird, zeigt nicht nur die Ambivalenz des Landes und des Charakters von Don Fabrizio, es ist gleichzeitig auch die Meinung des Autors, die er 100 Jahre nach dem fiktiven Dialog immer noch vertritt. Tatsächlich sind die prinzipiellen Strukturen in Sizilien ja auch erst in den letzen Jahrzehnten etwas aufgebrochen.

Der Gattopardismo

Der Fatalismus und die Trägheit, die vom Hauptcharakter Don Fabrizio ausgehen, sind in den obigen Kapiteln hinreichend erklärt, doch müssen Sie noch einmal im Zusammenhang mit dem zentralen Zitat des Werks gesetzt werden: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, ist es nötig, dass alles sich verändert.“(Se vogliamo che tutto rimanga com’è, bisogna che tutto cambi) Für Tancredi ist diese Sentenz die Rechtfertigung an der Revolution teilzunehmen, in Wirklichkeit aber die alten Besitz- bzw. Machtverhältnisse und somit den Einfluss des Adels zu wahren. Dem Fürsten ist der Ausspruch willkommen, weil er seinen prinzipiellen Vorstellungen von Immobilität und seinem Fortschrittszweifel entspricht. Die Formulierung Il gattopardismo hat so auch als Neologismus in der italienischen Sprache Einzug gehalten für einen nur zur Schau gestellten Willen zur Veränderung, hinter dem sich tatsächlich die Absicht verbirgt, jede echte Entwicklung zu vermeiden. Es ist jedoch zu bedenken, dass zwar Tancredi sein persönliches Ziel erreicht und mit Hilfe der durch die gesellschaftlichen Neuerungen möglich gewordenen Heirat mit der reichen Angelica die alte Macht seiner Familie wieder aufbaut, doch für das Geschlecht der Salina trifft dies nicht zu: Es wird von der politisch-sozialen Veränderung schließlich doch hinweggerafft.

Die Rolle der Frau bzw. des Mannes in der sizilianischen Gesellschaft

Die sizilianische Gesellschaft ist vollkommen patriarchalisch aufgebaut, deutlich sichtbar an der Position des Fürsten in seiner Familie. Der Vater ist das Oberhaupt der Familie, keiner hat das Recht oder die Möglichkeit sich seiner Autorität zu entziehen (es sei denn durch Flucht, wie der Sohn Giovanni). Ehefrau und Töchter müssen gehorchen, selbst wenn es um den persönlichsten Bereich geht. So nimmt der Vater die Gefühle seiner Tochter Concetta für Tancredi einfach nicht ernst, was sie kritiklos akzeptieren muss.

Nicht einmal im häuslichen Bereich fallen der Frau bestimmte Rechte zu, der Wille des Fürsten bestimmt sogar den Speiseplan.

Motive

Das Observatorium

Das Observatorium ist für Don Fabrizio nicht nur ein Ort, an dem er einem Hobby nachgehen kann, sondern so etwas wie sein Ruhe- und Rückzugsraum, in dem auch sein Wesen sich verändert. Hier beherrscht ihn nicht „sein verhaltener Zorn“ (S.10), sondern er berührt die Instrumente „zärtlich“ und „äußerst delikat“ (ebd.). Ganz direkt wird hier eine Parallele zu den zarten Berührungen gezogen, die er früher seiner Frau zukommen ließ. Die Betrachtung der Sterne bedeutet für den Fürsten eine Meditation, da sie berechenbar sind und er an ihrer erhabenen Gesetzmäßigkeit teilhaben kann (S.49) Schon beim ersten Aufenthalt im Observatorium wird die Anziehungskraft der Gestirne für den Fürsten auf den Punkt gebracht: „Das wahre Problem besteht hierin: dieses Leben des Geistes weiterleben zu können in seinen sublimiertesten, dem Tode ähnlichsten Momenten.“ (ebd.) Don Fabrizio zeigt sich also bereits hier als ein Mann, dem die menschliche Gesellschaft unangenehm ist, der sich mit den irdischen, d.h. humanen Angelegenheiten nicht abgeben will, sondern Vergessen und Vereinigung mit dem Unendlichen sucht.

Bendicò

Tomasi di Lampedusa selbst wies auf die große Bedeutung hin, die der Hund für den Roman habe, als er ihn in einem Brief an einen Freund gar als „Schlüssel des Romans“ bezeichnete (Fai attenzione: il cane Bendicò è un personaggio importantissimo ed è quasi la chiave del romanzo.). Ähnlich wie seine Vorliebe für das Weltall ist es auch bei den Hunden gerade das Nicht-Menschliche, das Don Fabrizio schätzt: „Siehst du, Bendicò: Du bist ein wenig wie sie, wie die Sterne – in glücklicher Weise unverständlich, unfähig, Angst zu erregen.“ (S.98) Anders als die Menschen hat ein Hund keine Forderungen an den Fürsten, er bewertet oder kommentiert seine Handlungen nicht, er gehorcht einfach seinen Instinkten und ist demgemäß treu und ergeben. Es geht bei beiden Motiven weniger darum, dass Don Fabrizio Macht ausüben will oder keinen Widerspruch ertragen kann, als vielmehr darum, dass seine Lebensmüdigkeit ihn dazu bringt, das unbewusste Existieren der Kreatur oder der Himmelskörper zu bewundern und für sich anzustreben. Im Zusammenhang mit der Wertschätzung der Hunde steht seine Vorliebe für die Jagd, obwohl er kaum etwas Nennenswertes erlegt. Die „Freude der Jagdtage lag anderswo“, nämlich dass „er allem entfloh“ (S.108). Die Menschenflucht ist hier ganz real, am wohlsten fühlt sich der „Leopard“ einsam in der Natur, ohne auf gesellschaftliche Konventionen und Traditionen Rücksicht nehmen zu müssen.

Das Wappen

Wie oben schon erwähnt ist die Übersetzung „Leopard“ für das italienisch „gattopardo“ falsch und irreführend. Immer wenn im Roman vom leopardenhaften Aussehen oder den löwenhaften Charakterzügen Don Fabrizios die Rede ist, wenn die Bedeutung des Hauses Salina an seinem Wappentier festgemacht wird, ist jedes Mal zu bedenken, dass hier ja nur ein Leopard im Diminutiv, ein etwas mehr als katzengroßes Tier gemeint ist. Die ironische Verkleinerung des Fürsten und der Untergang seines Geschlechts werden also bereits im Titel deutlich.

Stil

Der Roman zeichnet sich durch eine elaborierte Sprache aus, die sehr bildhaft und anschaulich ist. Dies erreicht der Autor durch folgende Mittel:

  • Vergleich / Metapher / Bild / Analogie
  • Adjektivhäufungen

Einige Metaphern werden sogar über lange Passagen, zum Teil sogar den ganzen Roman über verwendet (die Pardelkatze, die wegfliegenden Schwalben, die zu schluckende Kröte, das dem Körper entweichende Wasser...)

Eine Besonderheit stellen die „Stilbrüche” dar. Die sonst fast gänzlich durchgehaltene Haltung des zwar allwissenden, dem Geschehen aber - auch zeitlich - nahe stehenden Erzählers wird kurz aufgegeben und die große historische Distanz deutlich gemacht:

Beispiele: der Stratosphärenkreuzer (S.116), die Begründung der Hässlichkeit der Palermitanerinnen durch Inzucht und falsche Ernährung (S.264),die Zerstörung des Palazzo Ponteleone durch eine amerikanische Bombe 1943 (S.267) u.a.

Die Einordnung des Romans

Vordergründig könnte man den „Leopard“ als historischen Roman begreifen, da er recht detailliert über die historischen Ereignisse im südlichen Italien während der italienischen Einigung berichtet und legendäre Personen indirekt (Garibaldi) oder sogar direkt (Pallavicino) auftreten. Auch die Einordnung als Gesellschaftsroman hat durchaus ihre Berechtigung, wird doch die soziale Gliederung der sizilianischen Gesellschaft exemplarisch aufgezeigt: Der alte, einflussreiche Adel (die Salinas), das aufstrebende Bürgertum (Don Calogero) und die einfache Landbevölkerung (die Bewohner des winzig kleinen Dorfes San Cono im fünften Kapitel).

Es ist jedoch auch der große biografische Anteil des Werks zu beachten, sowohl was die Personen angeht (der Urgroßvater Tomasi di Lampedusas ist eindeutig das Vorbild für Don Fabrizio), die Situationen (der Sommeraufenthalt der Familie Lampedusa in Torretta), der Plätze (im Besitz der Familie Lampedusa findet sich der Palast Donnafugata; vgl. Biografie) als auch der Themen (Skeptizismus, Sizilienbild etc.). Nicht zuletzt seine Vorliebe für Hunde hat T.d. L. in den Roman übernommen.

Eine gewisse Berechtigung hat auch die Einordnung des Romans in die Dekadenzliteratur, da ja der Verfall der Familie im Erzählmittelpunkt steht und sich auch das Todesmotiv durch den ganzen Roman zieht, so dass Vergleiche mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ bzw. dessen „Tod in Venedig“ immer wieder gezogen wurden.

Letztlich bilden die historischen Ereignisse und biografischen Versatzstücke nur den Untergrund, auf dem der Autor seine Betrachtungen zum menschlichen Wesen, vor allem zu Leidenschaft und Tod ausbreiten kann. Es sind die allgemeinen Wahrheiten, die Analyse menschlichen Handelns, die T.d.L darstellen will.

Literaturangaben

  • Die bei der Erstellung dieses Wikis benutzte Ausgabe: T.d.L: Der Leopard, München 1959; Übersetzung: Charlotte Birnbaum. ISBN 978-3492203203
  • 2004 erschien (ebenfalls bei Piper) eine Neuübersetzung durch Gio Waeckerlin Induni, nun unter dem Originaltitel "Der Gattopardo". ISBN 978-3492248891

Verfilmung

Die berühmte Visconti-Verfilmung mit Burt Lancaster, Alain Delon und Claudia Cardinale stammt von 1963.

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