Wie Kollegschüler lernen

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Eine Zusammenfassung der Studie von Rainer Bremer, Wie Kollegschüler lernen (Veröffentlicht von Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, 1988). ISBN 9783816526230

Inhaltsverzeichnis

Intention der Kollegstufe

  • Im Laufe des Bildungsganges muss der Schüler aus seiner passiven Lernhaltung heraustreten. Dabei soll ihm seine vorhandene Kompetenz und berufliche Identität helfen. Fehlt eines von Beiden oder Beide kommt es zur Krise, die zum Scheitern führen kann.
  • Man erhofft sich über das fachliche Interesse hinaus, durch die Bildung im Medium Beruf, auch allgemeine Bildungseffekte.
  • In dem Maße, in dem Schüler bei der Lösung beruflicher Aufgaben ihr erlerntes Wissen angemessen anwenden, ist von Kompetenz zu sprechen; sie sind dann in der Lage, sich in dem Bereich, für den sie sich qualifiziert haben, zu orientieren, selbständig zu urteilen und zu handeln. Orientierungs-, Urteils- und Handlungsfähigkeit sind zwar an fachliche Identität gebunden, enthalten aber zugleich die für die Bildung junger Erwachsener anzustrebende allgemeine Kompetenz. Kompetenz und Identität als Meßgrößen...


Begriffbestimmung

Bildungsgang

Bildungsgang: Eine zeitlich geschlossene Folge von Jahrgangsstufen (z.B. Berufsschule, Fachoberschule, Gymnasium) Der BG wird als Einheit verstanden bestehend aus vielen einzelnen, aber austauschbaren Elementen.
Die Kollegstufe wäre eine Einheit mit berufl. Schwerpunktfächern. Die Fächer sind so aufeinander bezogen, dass sie die Lernenden zur eigenverantwortlichen Tatigkeit erziehen. Das kollegschulische Curriculum hat sowohl die wissenschafts- propädeutischen als auch die berufsrelevanten Inhalte des theoretischen Unterrichts unter der Perspektive zu vermitteln.

berufliche Handlungsfähigkeit

Die Schüler sollen dazu befähigt werden eigenständig erlerntes Wissen situationsgerecht anwenden zu können.

subjektive und objektive Bedeutung der kollegschulischen Bildungsgänge

Kollegschüler müssen aus ihrer passiven Lernhaltung heraustreten. Sie müssen objektiv (das Fachwissen besitzen) und subjektiv (sich selber ein Konzept erarbeitet haben, um das Fachwissen anwenden können) sich gebildet haben. Kurz sie müssen beruflich Handlungsfähig sein.

Kompetenz und Identität

Die Begriffe Kompetenz und Identität hängen mit der beruflichen Handlungsfähigkeit zusammen. Durch die interdependente Beziehung beider Eigenschaften soll auf der Kollegstufe berufliche Handlungsfähigkeit erworben werden. Daher sind beide Begriffe Bildungsziele in dieser Schulstufe.
Fachliche Identität ist selbst ein Lernziel und nicht nur eine Voraussetzung erfolgreichen Lernens. Fachliche Identität sollen die Schüler als subjektive Eigenschaft erwerben.

Einzelstudien

Die Untersuchung, wie Kollegschüler lernen ist auf mehreren Einzelstudien in verschiedenen Bildungsgängen aufgebaut:

  • Fremdsprachenkorrespondent
  • Physikalisch-Technischer Assistent
  • Erzieher


Fremdsprachenstudie

  • Die Schüler wurden in drei Kommunikationsaufgaben geprüft: A die Fähigkeit zur interlingualen Interaktion, B die Fähigkeit zur internationalen Kooperation und C die Fähigkeit zur interkulturellen Kommunikation. Der Studie standen drei Kontrollgruppen zur Verfügung und zwar aus Native Speakern, Schülern, die im Rahmen eines Austauschprogramms ein Jahr ihre Fremdsprache lernten und Studenten der Angelistik. Es wurden aber nur die Ergebnisse der Kollegschüler, Gymnasiasten und von Schülern der Höheren Handelsschule für Fremdsprachenkorrespondenten berücksichtigt.
  • Die Fremdsprachenstudie zeigt das die Kollegschüler im Vergleich zu den anderen Gruppen sehr gut abschneiden. Es sind keine Einzelfälle sonder als Trend zu beobachten.
höhere Handelsschule Kollegstufe gymnasiale Oberstufe
individuelle Entwicklung (englisch) O ++ O
Abbau von Unzufriedenheit mit den eigenen Fähigkeiten nahmen zu ober blieben bestehen nahmen insgesamt ab nahmen zu ober blieben bestehen
Anzahl der besser Qualifizierten signifikant besser qualifiziert auch im Mittelfeld dem zahlenmäßig erheblichen Anstieg in der Gruppe der besserqualifizierten Gymnasiasten steht ein weitaus geringerer Lernerfolg der weniger gut qualifizierten gegenüber.
Entwicklung der Sprachbeherrschung Die Höhere Handelsschule zeigt eine genaue Gegentendenz zum kollegschulischen Bildungsgang Nur SuS mit einjähriger Auslandserfahrung und Anglistikstudenten übertreffen die Fähigkeiten der Kollegschüler kurz vor Abschluß des Bildungsgangs
Entwicklung der Teilkompetenz der Sprachbeherrschung im Englischen Das Niveau IV (von max. 6)haben nur Kollegschüler überschritten
Entwicklung der Teilkompetenz der Sprachbeherrschung im Französischen O Gleichstand des Jahrgangs 13 mit dem Gymnasiasten. Weil aber deren Leistungsstand zu Beginn besser war, muss man feststellen, dass der Lernerfolg auf der Kollegstufe höher ausfiel.
Steigerung der interlingualen Kompetenz in Französisch O ++ O
...
Der Kompetenzanstieg war bei Kollegschülern der steilste und als einzige erreichten einige von ihnen (15%) die vierte von sechs möglichen Stufen der Professionalität. Die Kollegschüler konnten das sprachanalytisch-reflexive Niveau der Gymnasiasten übertreffen: Das Mehr, das man von der Doppelqualifikation erwartete, stellte sich also ein.

Rainer Bremer, Wie Kollegschüler lernen (Veröffentlicht von Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, 1988)

Physikstudie

  • Die Studie schaut nicht nur auf die Ergebnisse, sondern auch auf die Lernwege
  • Die Lernertheorie im Fach Physik sagt aus, dass die Schüler sich auch, aber nicht nur, befähigen sollen, ihre Erfahrungen mit der physikalischen Welt zu formulieren. In der Formulierung ihrer Erfahrungen müssen sie sich der Formelsprache bedienen. Aber darüber hinaus sollen die SuS auch die Realität hinter den Formeln und Modellen erkennen. Mit der Verfügung über ein solches Konzept ist die Bildung fachlicher Identität verbunden.
BG PTA/AHR (Berufsschule) Kollegstufe gymnasiale Oberstufe
Konzeptionalisierungsfähigkeit im Bereich Mechanik -- O O
Konzeptionalisierungsfähigkeit Bereich Elektromagnetik - O O
Konzeptionalisierungsfähigkeit Bereich Atomistik O O +
Formalisierungsfähigkeit im Bereich Mechanik - - +
Kompetenzentwicklung O - difus - difus
Richtung der Kompetenzentwicklung auf Angleichung ihrer Fähigkeiten zur Konzeptionalisierung und Formalisierung Steigerung nur bei schwachen SuS[1]
Belastung aus Schülersicht ähnlich wie bei den Kollegschülern Belastung durch Fächer die wegen der Pflichtbindungen unterrichtet werden müssen fühlten sich eher in den Schwerpunktfächern unterfordert
Kompetenzentwicklung aus Schülersicht Eher unzufrieden mit ihrer Kompetenzentwicklung, empfanden aber eine größere Sicherheit bezüglich der Vorbereitung auf das Studium
Anmerkungen
  1. Die Schüler konnten diesen Mangel durch fachliches Lernen nur dann beheben, wenn eine hohe Konzeptionalisierungsfähigkeit dem gegenüber stand.
  • Bei allen Schülern war eine intrinsische hohe fachliche Identität vorhanden, bei den Berufs- und Kollegschülern gab es ein Interesse an Technik, bei den Gymnasiasten zum Fach Physik hin.
  • Alle Schüler wählten ihren Bildungsgang aus hochentwickelten fachliche Interessen.
Die Physikstudie hat deutlich herausgearbeitet, daß der Weg eines selbst gesteuerten Lernens zwar zum Erfolg führt, aber dennoch ein überflüssiger Umweg bleibt, auf dem die Schüler ihre entmutigenden Erfahrungen mit der Fachsystematik durch eigenes Bearbeiten des gleichen Gegenstandes, der physikalischen-technischen Welt, kompensieren. Aber ohne dieses Angebot praktischen Lernens, das auf technische Abläufe gerichtet ist, wäre es bei vielen Schülern bei der Entmutigung geblieben.

Rainer Bremer, Wie Kollegschüler lernen, 1. Aufl. (Soest: Soester Verl.-Kontor, 1988).

Ergebnis der Physikstudie

Der Unterricht in den berufsbezogenen Schwerpunktfächern hat in allen Bildungsgängen zu dem Erfolg geführt, der nach dem Kollegschul-Konzept erwartet werden konnte: Daß ein Lernen, das berufliches und allgemeines Wissen umfaßt, zu einer besseren Qualifikation für Studium und Beruf führt als die herkömmliche Bildung bzw. Ausbildung in der Sekundarstufe II. Präzisiert man diese Erwartungen in Annahmen über einen nach fachlichen Richtungen differenzierten Verlauf der Kompetenzentwicklung, ergeben sich Einzelergebnisse, die den Erwartungen nicht voll entsprechen

Rainer Bremer, Wie Kollegschüler lernen, 1. Aufl. (Soest: Soester Verl.-Kontor, 1988).

  • Die Studie zeigt auch, dass Schüler zum Teil Vermeidungsstrategien in der Physik entwickeln. Die Schüler, die in dieser Studie beobachtet wurden, hatten alle ein hohes Interesse an Technik. Physik ist aber hochgradig formalisiert und um sich die reflexive Dimension physikalischer Kompetenz anzueignen, muss sich der Lerner auf die wissenschaftliche Theorien der Physik einlassen. Aber gerade hier stellten die SuS ihre physikalische Konzeptionalisierung zugunsten der Ausbildung einer technologischen Kompetenz zurück, weil die Anforderungen des studien- und berufsqualifizierenden Unterrichts auseinanderstreben.
Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Ich beobachte, dass in einigen Schulen das Unterrichtsfach Physik zugunsten von Technologiefächern zurückgedrängt wird, weil Schüler das Fach Physik wenn möglich abwählen. Sich nicht auf die wissenschaftlichen Theorien einlassen zu wollen könnte ein Grund dafür sein, weswegen das Fach Physik so unbeliebt ist. Ich habe diese Meinung auch auf die Diskussionsseite gestellt.--ThS01 09:51, 27. Apr. 2009 (UTC)


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