Romantik

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Definition

Romantik, im Rahmen der dt. Literaturgeschichte Epochenbegriff für den Zeitraum von etwa 1795 bis 1830/40. Das Wort ›romantisch‹ war im 18. Jh. vorwiegend im Sinn des Phantastischen, Romanhaften, Märchenhaften gebraucht worden. In der R. erhielten diese Bedeutungen nicht nur einen positiven Sinn; sie wurden auch um neue Nuancen erweitert. ›Romantisch‹ erscheint als eine Sehweise, die das Gewöhnliche, Alltägliche überhöht: »Die Welt muss romantisiert werden« (Novalis).

Zugleich wurde ›romantisch‹ als Epochenbezeichnung und Gegenbegriff zum Klassischen, d. h. Antiken eingesetzt: ›Romantisch‹ in diesem Sinn heißt ›nicht-klassisch‹, ›modern‹ und bezieht sich auf die Dichtung des christlichen MA, die Literaturen Italiens und Spaniens (Dante, Petrarca, Calderón, Cervantes) und nicht zuletzt auf Shakespeare und Goethe.


Volker Meid: Sachwörterbuch zur Deutschen Literatur, Reclam, [Jahr ???], S. 945

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Romantik als Krise der Aufklärung

Vor- und Zwischenstufen:

  • Jean-Jacques ROUSSEAUS´ Zivilisationskritik,
  • die Empfindsamkeit des Sturm & Drang (Vernunftkritik, Geniekult)
  • und die erniedrigenden Folgen der Französischen Revolution für Deutschland (Besetzung und militärische Niederlage)

führen bei vielen Intellektuellen zu Zweifeln und zur Absage an die Ideale der Aufklärung:

  1. Kritik an der völligen Reglementierung 'bürgerlichen Lebens' durch (ökonomischen) Zweckrationalismus und Erfolgsdenken (Kritik des Krämergeistes und des “Philistertums”)
  2. Kritik an der aufklärerischen Naturbetrachtung: Natur = Objekt, d.h. Gegenstand des Mach- und Berechenbaren, dem der Mensch sich nicht zugehörig oder verpflichtet fühlen muss.
  3. Kritik an einem Vernunftbegriff, der alle Phantasie und Intuition als Schwärmerei verwirft.

Diese Aufklärung führt in den Augen der Romantiker zur

=> ENTZAUBERUNG DER WELT, 

demgegenüber will die Romantik den im Menschen und in der Natur verborgenen Zauber wieder aufspüren:

"Eben auf dem Dunkel, worin sich die Wurzel unseres Daseins verliert, ... beruht der Zauber des Lebens, dies ist die Seele aller Poesie." (August Wilhelm Schlegel)

Für die Romantiker gilt:

  • Der MENSCH ist Teil der Natur: einer unergründlichen, unbegreifbaren Natur (irrational, weil nicht ausrechenbar) Folglich ist auch
  • die SEELE des Menschen ist voller Abgründe und Tiefe, welche sich im Traum, im Wahnsinn, im Somnambulismus manifestieren
  • auch ein VOLK hat eine (kollektive) Seele: Zeugnisse dieser Volksseele sind Volkspoesie, Volksmärchen und Volkslieder (-> Nationalismus, Deutschtümelei, Mittelaltersehnsucht )

Programmatisches

“Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfasst alles, was nur poetisch ist, vom größten ... System der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuss, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. ... Die Kunst ist der höchsten und allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein. ... Andre Dichtarten sind fertig und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden, ja das ist ihr eigentlichstes Wesen, dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. ... Sie allein ist unendlich, weil sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in gewissem Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.”

Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragment 116 (1798)

“Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzreihe sind. ... Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es - Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche - dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert - Es bekommt einen geläufigen Ausdruck.”

Novalis (Friedrich v. Hardenberg): Logologische Fragmente, Vorarbeiten 1798, Fragment 105

Klassik und Romantik

Alleiniges Zentrum: WEIMAR mehrere städtische Zentren: Berlin, Jena, Heidelberg
Hauptsächliche Protagonisten: Goethe und Schiller Vielfalt von unabhängigen Autoren, Zirkeln und „Schulen“: Heidelberger und Jenaer Romantik, Berliner Romantik, Schwäbische Schule
Affinität zum Adel (geadelte Bürger: v. Goethe)
Veredelung des Bürgerlichen durch die Lebensart des Adels siehe Goethes „Wilhelm Meister“
Bürgerlicher Hintergrund bzw. verbürgerlichter Adel
Antibürgerliche Haltung: Philister-Kritik und Beschäftigung mit >Volkshaftem<:

Märchen, Liedern, Sagen, Volksglauben (Grimms Märchen, Des Knaben Wunderhorn Hauffs Märchen)

Vorbildwirkung der Antike Mittelaltersehnsucht (Deutsches Kaiserreich)
religiöse Skepsis Hinwendung zur Religion (Katholizismus)
Rationalisierung des Mythos Wiedergewinnung eines >neuen Mythos<: Volksseele, Nationalidee, Fernöstliches (Sanskrit)
Programm: Verstand und Gefühl harmonisieren Die Kräfte der Phantasie und Intuition freisetzen:
Entdeckung der >dunklen Seele<, der Nachtseiten des Daseins (das „Unbewusste“ z.B. bei E.T.A. Hoffmann)
geschlossene literarische Formen:
Klassisches Drama, antike Versmaße und Formen (Elegie, Distichon, Blankvers)
offene Formen, Experimente, Fragmente, Satire, frei-rhythmische Gesänge (Novalis: Hymnen an die Nacht)
aber auch volkstümliche-einfache Liedformen (Eichendorff, Wilhelm Müller, Brentano, Uhland)

(Nach „Deutsche Literaturgeschichte“, Verlag J.B. Metzler 1992, S.174ff)


Material im Web

Die Reihe "Epochen" auf dem Landesbildungsserver Ba-Wü gibt Anregungen für das selbstständige Erarbeiten einer literarischen Epoche. Die Epochen Barock, Aufklärung, Sturm und Drang, Romantik können in mehreren Arbeitsschritten und dank systematisch geordneter Materialien (vorrangig Primärtexte) erarbeitet und präsentiert werden.

Siehe auch